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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 66 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 4 Priester den Auftrag, augenblicklich die getaufte Jüdin in ein anderes Nonnenkloster, zwischen Odessa und Kischinew, zu bringen. Der Priester, als galanter Herr, ließ sich den von den „Schwestern" erhaltenen Auftrag nicht tzweimal erteilen, sondern machte sofort Veranstaltungen, um sich seiner, infolge des hartnäckigen Sträubens der trotz ihrer Taufe immer unleidlicher werdenden jungen Jüdin, nicht gerade sehr leichten, wenn andererseits für ihn gewiß auch recht interessanten und unterhaltungsreichen Aufgabe, zur allgemeinen Befriedigung möglichst rasch zu entledigen. Das jüdische Mädchen, welches schließlich einsah, daß hier aller Widerstand vergeblich war, da man sich fest entschlossen zeigte, nach den Worten des Erlkönigs zu handeln: „und bist du nicht swillig, so brauch' ich Gewalt", sah zunächst keinen anderen Ausweg, als sich resigniert ihrem weiteren ungewissen Schicksal zu ergeben, und schickte sich darum an, mit schwerem und innerlich -widerstrebendem Herzen, dem Priester auf den Bahnhof zu folgen, eine Szene, auf welche man bei vertauschten Rollen mit Fug und Recht die Worte in Goethes Ballade „Der Fischer" anwenden konnte: „Halb zog er sie, halb sank sie hin". Nach kurzem Verweilen im Wartezimmer des Bahnhofes setzte sich der Zug^ in welchem der Priester mit seinem anvertrauten Schutze eingestiegen war, mit einem lauten Pfiff in Bewegung. Aber schon auf der zweiten Station von Odessa verlieh der Priester, sei es auf den Befehl seines hungrigen und knurrenden Magens, oder zur Befriedigung eines sonstigen dringenden körperlichen Bedürfnisses den Wagen, und diesen Moment benützte seine bisher in sich gekehrt, schwermütig und einsilbig neben ihm sitzende Begleiterin, um sich mit großer Geistesgegenwart, Kühnheit und Gewandtheit, durch die Wagentüre auf der anderen Seite des Zuges hinaus ins Freie zu stürzen. Zum großen Glücke der waghalsigen Heldin tras's sich dann auch gerade, daß unmittelbar an der Stelle, wo der Zug hielt, die Landstraße nach Odessa mit dem Schienengeleise parallel läuft, und daß just in dem Augenblick, als die ausgerissene Mische Nonne den Bahnsteig verließ, ein mit zwei Pferden bespannter Wagen, gerade wie bestellt, an der Station in der Richtung nach Odessa vorüberfuhr. Als die entflohene Nonne im Laufschritt der Landstraße und dem Wagen näherkam, entdeckte sie sogar zum Uebermaß ihrer Freude ati der «äußeren Erscheinung des Wagen- und Rosfelenkers, daß sie in der Person desselben einen Juden vor sich hatte, dessen Aufmerksamkeit sie nun mit dem wiederholtem angsterfüllten Ruf: „Rettet, reitet mich, ich bin eine Jüdin!" aus sich zu lenken suchte. Der Raub Mischer Mädchen durch russische und römisch-katholische Klöster, die Nachfrage derselben nach lebendiger, frischer Mischer Ware" ist in Oesterreichisch-Galizien und in Rußland heute ja fast etwas Alltägliches, und so erfaßte der Fuhrmann beim Schreien dieser in Nonnenkleidern auf kein Gefährt zustürmenden Jungfrau sofort den Ernst der kritischen Situation und ließ der Hilfeflehenden Schutz und Rettung angedeihen. Im Nu saß das jüdische Mädchen auf dem Wagen und, nachdem man, so schnell und so tzut es gehen wollte, die Nonnenkleidung verdeckt hatte, trieb der Mische Fuhrmann die Pferde zu größter Eile an, und diese brachten dann im Galopp die Flüchtlinge in kurzer Zeit direkt nach der jüdischen Wirtschaft in Odessa zurück, in welcher sich die Mutter aufhielt! Nach Beendigung der romantischen Erzählung der Tochter war es allen klar, daß es jetzt schnell weiter zu handeln galt, da es als sicher anzunehmen war, 'daß der bös hereingefallene Priester und die enttäuschten Nonnen sofort die größten Anstrengungen machen werden, ber ihren Händen so leicht entronnenen Beute unbedingt wieder habhaft zu werden, und daß es ihnen am Ende, mit Hilfe der Polizei, nicht schwer fallen dürfte, das Versteck des Mädchens in der Stadt ausfindig zu machen. Auf alle Fälle hieß es darum, Odessa auf der Stelle verlassen, um die Verfolger von der richtigen Fährte abzubringen, und i.hnen einen gehörigen Vorsprung abzugewinnen. Am besten und sichersten wäre es natürlich gewesen, wenn man augenblicklich Schiffsverbindung nach Palästina hätte erreichen können, dies war aber erst für die nächsten Tage zu erwarten. So entschlossen sich denn Mutter und Tochter, auf der Stelle weiter in das Innere des Landes zu reisen und im Verborgenen eine gelegene Zeit abzuwarten, um den Nachstellungen der Verfolger für immer zu entfliehen. Mutter und Tochter begaben sich also schleunigst nach dem Bahnhof, wo gerade der Bahuzug in der Richtung nach Kiew zur Abfahrt bereit stand, und da es für ihre Zwecke ziemlich gleichgültig war, wohin sie fuhren, beeilten sie sich, noch schnell Billete zu lösen, und hatten gerade noch soviel Zeit, um einzusteigen und in der nächsten Minute Odessa den Rücken zu kehren. Da man weiterhin Grund zu der Befürchtung hatte, daß die Verfolger auch beim nächsten Schiffsabgang nach Palästina nach den Flüchtlingen im Hafen fahnden werden, beschlossen Mutter und Tochter, erst nach Verlauf von einigen Wochen zur Einschiffung wieder nach Odessa gurückzukehren. Als dann die beiden nach einem kurzen Zeitraum wieder nach der russischen Hafenstadt Zurückgekommen waren, konnten sie, von allen Seiten unbehelligt, endlich wirklich einen Palästinadampfer besteigen, welcher sie mit beschleunigte!- Fahrt nach kaum drei Tagen, wie der gütige und gefällige Wallfisch den Propheten Jonas, in Jaffa glücklich und wohlbehalten wieder ans Land setzte, wo sie von den nächsten Angehörigen, den Nachbarn und der ganzen jüdischen Gemeinde, wie auch von manchen nichtjüdischen Freunden und Bekannten, welche an ihrem höchst tragischen und zuletzt in allgemeines Wohlgefallen und völlige Befriedigung sich auflösenden Schicksal ebenfalls innigsten Anteil genommen hatten, mit heller Freude und lautem Jubel empfangen wurden. lSchluß folgt.) Literatur. K. Hirschfeld, DieLebensweisheit der talmudischen Literatur. (Lehmanns jüdische Volksbücherei 58/69) J. Kaufmann, Frankfurt a. M. Gelungene poetische Bearbeitungen, die auf eingehender Durchforschung dieses gerade in jüngster Zeit so oft beackerten Gebietes basieren. x. Mos. Hoffmann, Der Geldhandel der deutschen Juden während des Mittelalters bis zum Jahre 1350. (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, herausg. von G. Schmoller und M. Sering. Heft 152.) Leipzig 1910, Duncker u. Humblot M. 5.50. Wenn man von Erscheinungen auf diesem, dem allgemeinen Interesse scheinbar entrückten Spezialgebiet den Ausdruck aktuell gebrauchen darf, dann trifft er auf diese üeissige Studie zu. Seit Sombart die Bedeutung der Juden für das Wirtschaftsleben in den Vordergrund der literarischen und publizistischen Diskussion gezogen hat, müssen solche Darstellungen aus kundiger und unbeirrt gerechter Feder als Handhabe, ja als Waffe im Kampfe besonders willkommen sein. Das an sich vortreffliche Buch von Caro zeigt einen empfindlichen Mangel in der Uebergehung der jüdischen Besponsenliteratur, die in der vorliegenden Studie nach Gebühr einen breiten Baum einnimmt. Hoffmann zeigt, wie die von manchem Vorgänger gezogenen Periodengrenzen in der Entwicklung des jüdischen Wirtschaftslebens in Deutschland sich nicht behaupten lassen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass von einer Bassedisposition der Juden für einen bestimmten Erwerb wissenschaftlich nicht die Bede sein kann, dass ihnen in jeder wirtschaftlichen Betätigung Beispiele aus anderen Kreisen vorangeben. Als Geldhändler haben sie mit dazu beigetragen, die Zeit der reinen Geldwirtschaft vorzubereiten. x. Schloemp, Die meschuggene Ente. Georg Müller, München 1910. Ein Buch mit zwerchfellerschütternder Wirkung. Ein Stoff, wie ihn der „Ulk“ wochenweise verzapft, wird hier en gros geliefert. In unserer ernsten Zeit kann man solche Wolkenschieber nicht freudig genug begrüssen. x.

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