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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Blochs Wochenfchrfft. Seite 59 Bevölkerung und über die Einleitung einer Hilfsaktion zu Gunsten der notleidenden Juden zu unterbreiten.“ Landmarschall Graf Badeni sagte in der Rede zur Eröffnung der Enquete: Dem Landtag war es darum zu tun, durch entsprechende Maßregeln, die zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete etwa bestehenden Unterschiede möglichst auszugleichen. Die Armut und das Elend unter den galizisehen Juden haben erschreckende Dimensionen angenommen; diese Armut ist jedoch auf die allgemeine Notlage des Landes zurückzuführen, der unbedingt abgeholfen werden müsse. Es wäre aber eine radikale und nicht bloß für den Augenblick berechnete Abhilfe notwendig. Abg. Dr. v. Lövvenstein drückt seinen Dank für die Einberufung der Enquete aus und betont, daß er in der galizisehen Judenfrage jetzt auf demselben Standpunkte stehe, den er vor drei Jahren bei der Begründung seines Antrages im' Landtage eingenommen habe. Die jüdische Bevölkerung Galiziens sei mit der polnischen Nation eng liiert. Die Notlage der galizisehen Juden bilde den Ausfluß der Entwicklung der sozialen Verhältnisse des Landes seit den letzten Dezennien. Die vom Lande zum Zwecke der Selbsthilfe auf finanziell-wirtschaftlichem Gebiete in großem Maßstab eingeleitete Aktion habe den jüdischen Einwohnern so manche Erwerbsmöglichkeit genommen, ohne daß für sie irgend welche neue Erwerbsquellen geschaffen wurden. Dadurch habe sich die Zahl der jüdischen Proletarier in ungewöhnlich rascher Weise vermehrt. Dr. Aschkenase, Vizebürgermeister von Lemberg, ist gleichfalls der Ansicht, daß der in der jüdischen Bevölkerungsschichte um sich greifende Pauperismus die ernsteste Beachtung verdiene. Er führt eine Reihe von statistischen Daten an, wonach kaum ein Drittel der jüdischen Familien in galizisehen Städten sich mit einem Existenzminimum auszuweisen vermöge, wogegen zwei Drittel den Gemeinden, von denen sie Unterstützung erhalten, zur Last fallen. In einzelnen Ortschaften können fünfzig Prozent der jüdischen Einwohner nur dank der öffentlichen Mildtätigkeit ihr Dasein fristen. In Stanislau gebe es .“700 christliche und 7200 jüdische Arme, wobei die christliche Bevölkerung 53 6, die jüdische 46 6 Prozent ausmache. Die Ursachen der Verarmung der galizisehen Juden seien sehr verschieden. Als besonders schwerwiegend erscheine es, daß die Juden aus gewissen Berufs- und Erwerbszweigen verdrängt wurden und zu anderen überhaupt gar nicht zugelassen werden. Dann involviere auch das Hausiergesetz, das Gesetz über 'Hm Sonntagsruhe und einzelne Bestimmungen des Veterinärg^setzes eine überaus empfindliche Beeinträchtigung der EiSyerbsmöglichkeiten für die Juden. ' Abg. Dr. Adolf Groß sagt, daß es den Juden trotz ihrer Bemühungen unmöglich gemacht werde, sich verschiedenen Berufen, die sonst den Nichtjuden offen stehen, zu widmen. Er beruft sich auf mehrfache Präzedenzfälle, die in Krakau vorgekommen seien. Abg. Dr. Diamand behauptet, daß für diese Zustände die Regierung und die Landesverwaltung allein verantwortlich zu machen seien. Direktor Dr. Skorski bezeichnet den Mangel einer Großindustrie in Galizien als einen wesentlichen Grund der Verarmung und des wirtschaftlichen Niederganges der Bevölkerung. Gewerbe-Inspektor Navratil spricht die Ansicht aus, daß die christliche' Bevölkerung schlechter daran sei als die jüdische. Statthaltereirat Dr. Brückner stellt in Abrede, daß bei der letzten Vergebung von Schankkonzessionen in Galizien viele tausende jüdischer Familien um ihr Brot gebracht wurden. Gemeinderat Feldstein erklärt in einer Polemik gegen die Ausführungen des Gewerbe-Inspektors, daß die Beschränkung des Arbeits- und Erwerbsgebietes für die Juden eine unleugbare Tatsache sei. Abg. Dr. Kolischer konstatiert, daß in Galizien die Juden auf vielen Gebieten und sogar in der Landwirtschaft in erheblichem Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen haben. Es sei daher auch ein Gebot der Notwendigkeit, die jüdische Jugend für den künftigen Beruf in geeigneterer IVeise als bisher vorzubereiten. Es sprachen noch der Krakauer Bürgermeister Dr. Leo, Handelssekretär Dr. Benis und mehrere andere, worauf die Verhandlung abgebrochen und auf morgen vertagt wurde. Lemberg, 24. Jänner. Bei Fortsetzung der Enquete über die Notlage der galizischen Juden erklärt Gewerbe-Instruktor Dr. S c h ö n e 11, dass die Nichtzulassung der Juden zu gewissen Innungen und Korporationen in Krakau auf die geschichtliche Grundlage der betreffenden Innungsorganisation zurückzuführen sei. Gegenwärtig beginnen sich die Verhältnisse in diesem Belange bereits zu bessern. Abg. Dr. Adolf Groß stellt fest, daß die galizisehen Juden vor schwerer physischer Arb it nicht zurückschrecken. Sie erheben keineswegs Anspruch auf eine spezielle Hilfsaktion, sie streben bloß ihre Anerkennung als gleichberechtigte Bürger an. An der Duldung der jüdischen Winkelschulen tragen auch die galizisehen Behörden schuld, weil sie nicht für die Errichtung geeigneter Lehranstalten und für die Heranbildung solcher jüdischer Lehrkräfte, die für die geistige Entwicklung der jüdischen Jugend geeignet erscheinen, Sorge tragen. In Galizien, das nach der Bukowina die numerisch größte jüdische Bevölkerung aufweist, seijdieZahl der jüdischen Lehrer verhältnismäßig gering. Redner verweist darauf, daß die landwirtschaftlichen Gauverbände in Galizien es sich zur Aufgabe machen, die Juden aus den Dorfgemeinden hinauszudrängen. Hiedurch werden nicht nur die Juden materiell, sondern beide Teile moralisch geschädigt, denn in dieser Weise breite sich auf der einen Seite der Antisemitismus, auf der anderen Seite der jüdische Separatismus aus. Die jüdische Bevölkerung, die sich in den Städten zusammendrängt, werde durch das Steuersystem empfindlicher als das Landvolk betroffen, was ihre wirtschaftliche Lage ebenfalls beeinträchtigt. Genossenschaftsfachmann U 11 m e r führt aus, daß sich gegenwärtig die wirtschaftlichen Verhältnisse der galizisehen Juden im Vergleiche mit der Vergangenheit günstiger gestalten. Die jüdische Bevölkerung habe auch in kultureller Hinsicht bedeutende Fortschritte gemacht. Die im Zuge befindliche Kooperativbewegung nötige die Juden, außer dem Handel sich auch anderen Erwerbszweigen zu widmen, was ihnen nur zum Nutzen gereichen müsse. Abg. Dr. D i a m a n d behauptet, dass in Galizien überhaupt das Gewerbe infolge der Agrarpolitik des Landes darniederliege. In der Petroleumindustrie im Boryslawer Rohölgebiete betätigen sich die Juden in hervorragender- Weise. Bei Brandkatastrophen in den Naphthaschächten leisten die jüdischen Arbeiter bedeutende Dienste, was einen Beweis dafür liefere, dass die Juden schwere physische Arbeit nicht scheuen und sich bei derselben verwendbar erweisen. Der Präsident der Krakauer Kultusgemeinde, Dr. T i 11 e s, hebt hervor, dass jüdische Lehramtskandidaten, welche die Lehrerbildungsanstalten verlassen, keine Anstellung erhalten. Universitätsprofessor Dr. Rosenblatt bespricht die erschreckende Zunahme der Unterstands- und beschäftigungslosen Einwohner. Die auf die Aufklärung der ungebildeten jüdischen Massen gerichteten Bemühungen werden durch die antisemitische Strömung erschwert. Abg. Stand schildert eingehend, dass die jüdische Bevölkerung unter der Ungunst der Landesverhältnisse und der Voreingenommenheit der massgebenden Faktoren zu leiden habe. Der Vorsitzende der Enquete, Landesauschussmitglied Dr. J a h 1, bezeichnet die vom Abg. Stand gegen das Vorgehen des galizisehen Landesausschusses erhobenen Vorwürfe als unbegründet. . Der Direktor der Galizisehen Hypothekenbank Dr. Fruchtmann vertritt die Ansicht, dass die Juden eine Besserung ihrer Lage nur bei völliger und unbedingter Durchführung ihrer Gleichberechtigung zu erhoffen haben. Allerdings werden sich die hier bestehenden Vorurteile erst nach langer Zeit beseitigen lassen. Vor allem sollte man für die Schaffung neuer, ausgedehnter Arbeitsgebiete Sorge tragen. Es wäre angezeigt, die arbeitswilligen jüdischen Elemente in grösserer Zahl der Landwirtschaft zuzuführen und diese bei der Parzellierung von Gütern ebenfalls zu berücksichtigen. Wenn in Argentinien 25.600 Juden im Ackerbau beschäftigt werden, so könne dies wohl auch in Galizien geschehen. Die Heranziehung der Juden zu verschiedenen Gewerbefächern wäre zur Verringerung des jüdischen Intelligenzproletariats umso notwendiger, als ein bedeutender Teil der jüdischen Juristen keine Beschäftigung findet. Direktor Feldstein spricht gegen einzelne Behauptungen des Abg. Stand, der die Notlage der galizisehen Juden und die Auswanderung eines nicht geringen Teiles der jüdischen Bevölkerung vom nationalen Standpunkt beurteilt hatte. Landtagsabgeordneter Landau spricht über die durch die Teuerung verursachten Kalamitäten. Zum Worte gelangten sodann neuerlich Gewerbe-Instruktor Schönet t, Hofrat Nawratil, Direktor der Landesbank Regierungsrat Dr. v. Zgorski und Abgeordneter Dr. D i a m a n d. Mehrere Redner stimmten darin überein, dass ein positives Ergebnis der Enquete nicht zu erwarten sei. Scharfe Debatte in der Generalversammlung der orthodoxen Tynagogengemeinde in Frankfurt am Main. Frankfurt a. M., 9. Jänner. Gestern abend fand hier die alljährliche General-Versammlung der Synagogengemeinde „Israel. Religionsgesellschaft" statt, die diesmal die weitesten Kreise der Mitglieder interessierte, denn es stand die Aendernng

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