Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021932--19919-3044929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 58 Dr. Blochs WochenWrfft. Kr. 4 auch positive Verdienste aufzuweisen. Was die Philosophie auf dem Gebiet der religiösen Glaubenslehre leistete, das Gleiche in der Art tat jene in der religiösen Form. Indem die Kabbalah den rituellen Formen und Bräuchen Leben eingehaucht, den Gebeten Schwung und Wärme verliehen, wußte sie diese vor kaltem Rationalismus zu bewahren. Trotz der heillosen Verwirrung, die sie angerichtet, uud der vielen Gefahren, welche in der Folge dem Judentum durch sie erwuchsen, vermag mau dieser Seite der kabbalistischen Lehre einen Zug ins Große und Erhabene nicht abzusprechen, der auch die phantastischen Abenteuerlichkeiten verklärt und den Spott nicht aufkommen läßt. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur das tägliche Siddur zur Hand zu nehmen. Der Laie ahnt gar nicht, daß gerade diejenigen Gebete, die sein Gemüt am tiefsten bewegen, aus jener mystischen Quelle stammen, deren Ursprünge weit in die talmudische Zeit sich verlieren.2) Während aber die unter dem Namen ’-nr in der Literatur bekanntgewordenen Mystiker3) sich mit der Erweiterung und Vertiefung der Liturgie begnügt hatten, gingen ihre Nachfolger, die Adepten der Kabbalah, noch weiter, indem sie neue, bis dahin unbekannte Riten und Bräuche in die religiöse Praxis einführten, als da find : Das Hahnopfer am Vorabend des Versöhnungstages, das Fasten' der Erstgeborenen am Rüstlag des Paffahfestes, die beiden Wachnächte am Schebuoth und Hoschanah Rabbah, die Umwandlung des Letzteren aus einem Tag der Freude in einen, den Jom Hakkipurim abschließenden Bußetag. Die interesianteste unter diesen Einrichtungen ist die des „kleinen Versöhnungstages", Jom Kippur Katan. Jnterestant vom Kultur und literarischen Gesichtspunkte, weil sie mit der religionsgeschichtlichen Entwicklung des Neumondtages zusammenhängt und deshalb geeignet ist, manche über dieser Sphäre liegende Unklarheit aufzuhellen. Weder die Einrichtung, den Vortag des Neumondsestes durch Fasten und Buße zu weihen, noch auch die Bezeichnung “iieo nr' findet sich in irgend einer Schrift der biblischen, talmudischen ader rabbinischen Literatur vor. Wohl wird im „Buch der Frommen" eine „Asharah" erwähnt, die ein frommer Vater an seinen Sohn dahin ergehen läßt, keinen Monat ohne wenigstens einen Fasttag verstreichen zu lassen, *) aber als stehende Einrichtung taucht der erwähnte Brauch erst am Anfang des 16. Jahrhunderts auf. Und das ist zunächst auch natürlich. Denn wozu in aller Welt hätte man fasten und Buße tun sollen? Galt ja doch Rosch Hachodesch in alter Zeit als Fest und Freudentag im eminentesten Sinne des Wortes?) In solcher Eigenschaft erscheint 'er vor Allem in der Bibel, allerdings nicht ohne daß in der Art der Behandlung zwischen Pentateuch und Propheten einige Divergenzen sich zeigen. Aus Stellen nämlich, wie Amos VIII 5, Ezechiel 46 1, JesaiaS I 13, II Könige IV 29, geht hervor, daß der Tag des Neumondes in Charakter und Bedeutung dem Sabbat vollkommen gleichgestellt war. Nicht nur wird er an diesen Stellen in engster Verbindung mit dem Sabbat erwähnt, auch die wesentlichen Merkmale dieses Letzteren, die Unterlassung der Werktagsarbeit, die gottesdienstliche Versammlung, priesterliche und prophetische Belehrung und die Festmahlzeit werden daselbst als dem Neumondtag eigentümlich hingestellt. Hingegen erscheint im Pentateuch die Gleichstellung von Neumond, Sabbat und Festtag auf die Darbringung des Opfers beschränkt, während die genannten übrigen Kriterien fehlen. Will man nicht zu dem bequemen, aber völlig unberechtigten und unlogischen Auskuustsmittel der Bibelkritik greifen, wonach die Lehren und Aufichten der Propheten einer älteren Zehangehören als derMosais- 2) Z. B. die antiphonische Keduschah von Sabbat und Festtagen, das N2nv'. Kaddiich u. t>. a. vgl. PH. Bloch, Monatschrift. Frankl-Grätz 1693. S. 258 ff. s) PH. Bloch, a. a. O. *) Vgl Jakob Emden ■'“nöj? D Altona 1844. 5) Nach der Ansicht der modernen Bibelkritiker und Religions- Wissenschaftler ist er sogar der älteste Festtag, das Fest schlechthin, weil die allgemeine Festidee der Zeit im Neumond am sinnfälligsten zum Ausdruck kommt. Vgl. George, Die älteren jüdischen Feste. Berlin 1835. mus, so bleibt für die Erklärung dieser eigenartigen Doppelstellung nur die Annahme übrig, daß der Volksgeist es war, welcher den festlichen Charakter des Neumondstages bewahrt hatte, wiewohl im Pentateuch nicht bloß eine gesetzliche Unterlage, sondern auch jegliche religiöse oder geschichtliche Begründung fehlte. °) Die Volksseele sucht nicht erst nach Gründen, so ihr Gelegenheit wird, Festesfreude zu betätigen. Eine solche aber war hier von selbst gegeben, man brauchte bloß das Haupt gegen den Himmel zu erheben und das Auge an dem wundervollen Schauspiele der Mondeswechsels 6 7) und dem Wiederfichtbarwerden der Mondscheibe sich ergötzen zu lassen. Von ähnlicher Zwiespältigkeit ist die Stellung, welche Philo dem Neumondtag einräumt. In seiner Schrift, äs Septenario, wird der Neumond als Festtag neben dem Sabbat aufgezählt, ob und inwieweit aber er als solcher gefeiert wurde, darüber enthält diese Schrift keine Aeußerung. Das Nämliche gilt von Josephus, der sich gleichfalls auf die bloße Erwähnung des Neumondtags als eines Festtages beschränkt8). Als ein von der Volkssitte nicht aber vom sinaitischen Gesetz geheiligter Tag der Freude erscheint der Neumondtag auch in der talmudischen Literatur. Der Relation im Pentateuch entsprechend, wird im Talmud öfter betont, daß das Verbot, zu arbeiten, für den Rosch Hachodesch keine Geltung habe, ro*6i» rv-ipn *6 9). Der Volksgeist jedoch erwies sich auch hier stärker als das Gesetz. Trotz der gegenteiligen religionsgesetzlichen Bestimmung wurde zur Zeit des Talmud im Familienhaus keine Arbeit verrichtet, wenigstens der Teil nicht, welcher in der Regel durch die Hausfrau besorgt wird 10\ Wenn dies als ein besonderes Privilegium hingestellt wird, welches die Frauen durch ihre wackere Haltung bei der Anfertigung des goldenen Kalbes sich erworben, so beweist solche Datierung, daß wir es mit einer alten, festeingewurzelten Volksfitte zu tun haben. Aehnlich wie im Haus lagen die Dinge im Gotteshaus. An mehreren Stellen des Talmud werden die Tage aufgezählt, an welchen der unter dem Namen „Hallel" bekannte Psalmzyklus rezitiert wird, der Neumondtag fehlt in dieser Aufzählung n). Das Volk aber ließ es sich nicht nehmen, seiner Festesfreude auch im Gebet durch Absingen wenigstens eines Teiles jener Psalmen (Halbhallel) Ausdruck zu verleihen. Besonders lehrreich hiefür ist eine Stelle in babil. Taanith 28 I), die besagt: Als Rab nach Babylonien kam, war er sehr erstaunt, am Neumondtag die Hallelpsalmen rezitieren zu hören. Er wollte es verwehren, als sich jedoch zeigte, daß bloß Halbhallel gesagt wurde, beruhigte sich Rab mit den Worten: Sicherlich ist es Volkssitte bei ihnen. Die eigenartige religionsgesetzliche Stellung des Neumondtages kommt noch in einem dritten Moment zum Ausdruck in dem Verbot des Fastens. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen Dis Enquete über die Lage der Juden in Galizien. Lemberg, 23. Jänner. Im Landesausscliusse begann heute die auf Grund eines vom Landtage am 10. März 1907 über Antrag des Abg. Dr. v. Löwen stein gefaßten Beschlusses einberufene Enquete über die Judenfrage in Galizien., Der Landtagsbeschluß lautete: „Der Landesausschuß wird angewiesen, die Ursachen der in der jüdischen’ Bevölkerung Galiziens überhandnehmenden Notlage zu prüfen und dem Landtage über das Ergebnis dieser Erhebungen Bericht zu erstatten sowie im Einvernehmen mit der Regierung Vorschläge über die Vermehrung der Erwerbsmöglichkeiten für die jüdische 6) Vgl. Treitel, Monatsschrift Frankl-Grätz, "Jg. 47, S. 411. 7) Ebenso alt ist, wie die weiteren Ausführungen zeigen, die Vorstellung von der Trauer über die Verringerung der Mondscheibe NI' taUTÖ 8) Vergl. Antiquitates III 10. 9) Chagigah 18 a, Megillah 22 b. 10) Jeruscb. Pessacbim Kap. IV. Pirke R. Elieser Kap. 42. ") Tosefta Sukkoh Kap. 3. Erachin 10 a.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.