Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 3 (29.1.1911)
- Date
- 1911-01-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 41 ein gewaltiger Geist, eine wackere Persönlichkeit, ein^ Makkabäer zu Ende gedachter, zur Tat gereifter Gedanken. Seine unerschrockene Polemik mit unseren Feinden, seine rücksichtslose Diskussion mit seinen Gegnern, seine tapferen Einfälle und Ausfälle waren Kraftäußerungen eines denkenden Kämpfers, eines kämpfenden Denkers. Man hat Klausner als formfeinen Dichter, meisterhaften Journalisten, hilfsbereiten Wohltäter und zielbewußten Politiker gefeiert, seine Leistungen für die Juden Deutschlands, Rußlands und Rumäniens gerühmt, die Denk^ mäler geschildert, die er sich durch seine klassische Bibelübersetzung und hervorragende Wirksamkeit für die Alliance Jsratzlite Universelle gesetzt hat. Einige Einzelzüge aus seinem Leben können noch mehr Einblick in sein Wesen gewähren als seine Großtaten; denn mehr noch als im Großen zeigt sich oft im Kleinen die Großartigkeit eines Großen. Auf einem gemeinsamen Spaziergange in Marienbad enthüllte er mir seine Taktik. Je einflußreicher, mächtiger die Persönlichkeit war, vor der er stand, desto kühner, schonungsloser trat er auf. Während so viele Vertreter der Juden den Kleinen gegenüber groß tun und in Gegenwart der Mächtigen und Reichen der Erde in Ehrfurcht ersterben, ließ Klausner den Kleinen seine Größe nicht fühlen, den Großen gegenüber aber trat er stolz, selbstbewußt auf. Man hat ihn vielfach mit Ludwig Börne verglichen; inbezug auf seine Unerschrockenheit glich er Johann Jakoby, nur daß er seine Kühnheit in eine geistreiche Form zu kleiden vermochte. Wie er mir erzählte, kam der Finanzminister Miquel, als er bei ihm zu Tische war, auf die Antisemiten zu sprechen, die bekanntlich den berühmten Finanzminister der jüdischen Abstammung beschuldigten. Miquel betonte mit großem Eifer, daß er sich „judenrein" weiß, worauf ihm Klausner erwiderte: „Ob Sie von Juden abstammen, kann ich natürlich nicht wissen, aber aus Ihren Fähigkeiten und Tugenden folgernd, glaube ich es Ihnen sagen zu dürfen, daß.Sie wert wären, ein Jude zu sein." Bekannt ist es, daß, als ein beühmter Redner . seinen Vortrag über Palästina mit dem patriotischen Satze schloß: „Palästina hat durch den Besuch Wilhelms II. eine neue Weihe erhalten," Klausner sich erhob und feierlich erklärte, daß Kaiser Wilhelm durch den Besuch Palästinas eine neue Weihe erhalten, Palästina aber nicht durch den Besuch eines Monarchen, mag er auch Wilhelm II. sein, eine neue Weihe erhalten kann. Auch in der Privatunterhaltung übte er sein System der Rücksicht auf den Kleinen und Rücksichtslosigkeit den Großen gegenüber. Anläßlich des III. Zionistenkongresses zu Basel unterhielten wir Zionisten uns begeistert über Zionisten und Zionismus in Gegenwart Klausners, der sich alles gefallen zu lassen schien, als wir aber auf die Großen des Kongresses, Herzl und Nordau, zu sprechen kamen, da entlud sich seine Zornglut. Nur mit Mühe gelang es meinem Freunde M. Schwarzfeld und mir, ihn und den aufgeregten Ahron Marcus auseinander zu halten. Eingeprägt hat sich mir Klausner's Kontroverse mit dem ihm ebenbürtigen Paul Nathan bei der Konferenz zugunsten der rumänischen Juden im Jahre 1907. Unvergeßlich wird mir ein Chanuka-Abend im gastfreundlichen Hause Klausner's bleiben. Eine auserlesene Gesellschaft. Die vornehme Hausfrau und ihre hochbegabten Töchter, einige Damen aus den besten Berliner Kreisen, auch eine nichtjüdische Künstlerin. Die Unterhaltung wurde sehr oft dadurch unterbrochen, daß große Persönlichkeiten Klausner zum Telephon in literarischen und philanthropischen Angelegenheiten riefen. Mit einemmale erhob sich der Hausherr aus seinem weltlichen Milieu, zündete die Chanuka-Lichter an, sprach das vorgeschriebene Gebet und sang das Makkabäerlied. Fürwahr, sein Leben und Wirken war ein Makkabäerlied, eine Geistestat des mächtigen Wortes und der lebendigen Feder! (Fortsetzung folgt.) JomKippnr Kala«. (Der kleine Versöhnungstag.) Von Rabbiner Dr. M. Friediger, Prag. Schon in der biblischen Zeit hat man im Fasten das Mittel gesehen, das zur Veredelung des menschlichen Lebenswandels im Sinne der göttlichen Vorschriften verhilft. Dabei aber war nicht die Entsagung von jedem körperlichen Genuß, die Enthaltsamkeit von Speise und Trank die Hauptsache; dies war nur Mittel zum Zweck. Die innere Seelenreinigung, die Hingebung an Gott, an seine Gesetze, die Liebe zu den Mitmenschen, die Bereitwilligkeit, dem Nebenmenschen zu helfen: das waren Ziele, die ein jeder Jude zu erstreben hatte. Doch nicht ein jeder besaß hierzu von Natur die nötige Seelenstärke und es bedurfte dazu der Aneiferung. In der Thora war bereits ein Fasten geboten, das am Versöhnungstage, „zur Kasteiung der Seele", mit welcher Bezeichnung betont werden sollte, daß nicht nur der Körper, sondern auch die Seele einen Schmerz ob der Sündhaftigkeit und Unvollkommenheit des Menschen empfinde. Dieses Bewußtsein leite den Fastenden zum Bekenntnis der Sünden und zur Selbstläuterung. In diesem Sinne ruft der Prophet im Namen Gottes aus: „Auch jetzt, so spricht der Ewige, kehret zu mir zurück im Fasten, . . ... . zerreißet euer Herz, nicht euere Kleider und kehret zurück zum Ewigen." (Joel 2, 12—13.) Es ist ein bemerkenswertes Charakteristikum des Judentums, in jedem traurigen, unglücklichen Ereignis, das das Volk ereilte, eine wohlverdiente Strafe Gottes für die Sündhaftigkeit zu erblicken. Mit Hinblick auf den Bersöhnungstag lag es nahe, diesem ähnliche Tage zur Versöhnung mit Gott einzuführen, die denselben Zweck hatten: die Läuterung von Sünden. So kamen in der biblischen Zeit noch mehrere Fasttage, hinzu, die irgendein geschichtliches Ereignis zur Veranlaffung hatten, Fasttage, die nur einmal, als hierzu die Notwendigkeit bestand, gehalten wurden. So ordnete Samuel einen Fasttag in Mizpa an, um die Gefahr, die seitens der Philister drohte, von Israel abzuwenden (I. Sam. 7, 6). Aus einem ähnlichen Grunde- — um aus dem Kampfe gegen die Moabiter und Ammoniter als Sieger hervorzugehen — verordnet Jehoschafat für ganz Juda einen Fasttag (II. Chr. 20, 3). Außerdem aber entstanden in der biblischen Zeit auch Fasttage, die für die Zukunft ihre Geltung beibehielten. Eine bedeutendere Rolle spielt der Fasttag im Mittelalter, der traurigsten Zeit der Juden in der Diaspora. Grausame Verfolgungen, harte Unterdrückungen verbitterten ihr Leben. Räubergewalt entriß ihnen Hab und Gut, Henkershand ließ sie ein Martyrium ertragen, wie kein anderes Volk es je erdulden mußte. Daß die armen, gemarterten Juden unter so traurigen Verhältnissen vom Irdischen fich fast völlig abwandten und ihre ganzen seelischen Kräfte auf das Göttliche richteten, ist nur natürlich. Gott blieb in der Not ihr einziger Beschützer; diesen Glauben verloren sie nie und nimmer. Sie waren davon überzeugt, daß ihr Golus Gottes gerechte Strafe sei, daß jeder neue Schlag neue Sünden zur Ursache habe; fie hofften aber auch, daß Gott in seiner Barmherzigkeit sein Volk nicht verlaffen werde, daß fie durch frommen Lebenswandel die Erlösung Herbeisuhren können. So entstanden verschiedene Fasttage, zum großen Teil in deutschen Städten, die irgend ein trauriges Ereignis zur Ursache haben. Manche dieser Fasttage erhielten fich und wurden allgemein gebräuchlich. Doch das Golus als solches war ja eine Strafe, die einst aufhören müsse. Durch unermüdliches Fasten und Beten aber könne man die Erlösnng beschleunigen. Dieser Glaube bemächtigte fich der kabbalistischen Strömung am Anfänge des 16. Jahrhunderts und so wurde in dieser Zeit eingeführt, daß man jeden Montag und Donnerstag faste, ein Brauch, der vereinzelt schon ftüher geübt' wurde. Daß gerade diese beiden Tage zu diesem Zwecke auserkoren wurden, liegt darin begründet, daß nach der Ueberlieserung Moses an einem Donnerstag den Berg Sinai bestieg, um die zweiten Bundestafeln in Empfang zu nehmen, und ihn nach