Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 3 (29.1.1911)
- Date
- 1911-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 38 Dr. Blochs Wochenschrift. .8 erschien, über .es ist eine Proklamation der Regierung Khuen-Hedervary überhaupt, daß sie freisinnig sein wolle, ein Zeichen der Versöhnlichkeit für alle Konfessionen im Lande, .für die katholische, kalvinische, lutherische, griechisch-orthodoxe und jüdische. Kein Religionsstreit in keiner Form. Das ist eine gesunde Devise für einen aufstrebenden Staat, denn auch der innere Krieg vernichtet. Es wäre mm eine verfehlte Taktik von den ungarischen Juden, die Errungenschaften auf juristischem Gebiete mit übertriebenem Enthusiasmus zu beantworten, sei es durch Hingabe an eine Partei, sei es an die Nation. Auf solche Lieberienerei folgt immer noch Undank und Rückstoß. Welche Politik die ungarischen Juden immer treiben, mögen sie das Reservat der jüdischen Interessen politisch nicht aufgeben, sich möglichst sammeln und als Macht im Lande konsolidieren. Es ist ein Glück, dah sie mit den anderen Mächten im Lande freundschaftliche Beziehungen unterhalten können, aber jede Uebertreibnng brächte wiederum nur statt der Nebenordnung die Unterordnung der Juden. Wenn diese kühl, klug und männlich Vorgehenso können sie sich das Wohlwollen der Regierung und den freisinnigen Geist in der Politik, welcher aus der Annahme des Zeugenparagraphen hervorgeht, sehr lange erhalten. Es wäre ein Unglück, diesen Stand der Dinge durch Unklugheit und Ungeschicklichkeit — unter denen sich an erster Stelle auch die Liebedienerei befindet — preiszugeben zu einer Zeit, in welcher andere Regierungen die Anstellung eines Juden nur nach dem abgelegten Meineid der Taufe Anlassen. Der Zeugenparagraph hat symptomatischen Wert und ist ein Zeichen der Zukunft. Soll aber in dieser der Antisemitismus nicht wieder beginnen, dann dürfen auch die politischen Fehler der Juden nicht zurückkehren, ihre bedingungslose Preisgaöe und Hingabe, welche erfahrungsgemäß immer den Judenhah aus AbneMMg verschuldet. Der Wechsel der Regierung ««fr die Jude« i« R«ma«ie«. Das liberale System der Dynastie Bratianu hat nach vierjähriger Dauer eigenwillig den Platz geräumt. Mit blutigen Bauernschlächtereien hatte es begonnen und mit Judenverfolgung hat es geendet. Der letzte Angriff gegen uns war ein engherziges Privatschulgesetz, das die Krone allen jenen Chikanen auffetzen sollte, welche die Regierung jahrelang mit grimmiger Konsequenz gegen die mit heldenhaften Opfern mühevoll erhaltenen jüdischen Lehranstalten des Landes gerichtet hatte. Dieses judenfeindliche System wird nun von einem altkousewativen abgelöst, welches wir nicht mit Freude, aber mit einer gewissen Beruhigung begrüben können. Denn die Männer des Ministeriums Peter Carp sind zum größten Teile keine frommes novi; sie find altergraute Politiker, bei welchen ihre wHeuropäische Kultur nicht von ihrem politischen Wirken losgelöst ist. Carp ist ein Charakter von mannhafter Offenheit, der die mutigsten nnd sachlichsten Apergus zugunsten der Juden im Parlamente sich gestattet hat, nach der schon vergeffenen, goldenen Epoche' der Ccgalviceanus und Boeresens. Deswegen find sett Jahrzehnten alle Hoffnungen der rumänischen Juden vorwiegend an diesen Namen geknüpft. Doch wiewohl er schon wiederholt die Macht in Händen hatte — heute ist er ein vierundfiebzigjähriger Greis — find noch alle diese Hoffnungen Blütenträume geblieben, die auch dieses Mal vergeblich ihrer Reife eutgegenharren. Denn zu einer solchen untröstlichen Voraussage drängen uns nicht blos einige eigenartige Symptome innerhalb der Junimisten-Partei selbst. So würden eine verbindliche, judenfteundliche Politik der KriegSmiuister Pilipescu, ein liberaler Renegat, oder der Arbeitsminister, der Nationalist Delavrancea, kaum zu fördern fich bereit erklären; auch sollen die zwei berüchtigten Rowdies, die Antisemitenhäupllinge Jorga und Cuza, bei den Neuwahlen des Parlamentes inoffiziell die Unterstützung der Regierung genießen. Was aber schwerer in die Wagschale fällt, die Regierung Carp trägt nicht bloß solche Schwächen von politischer Moral in sich; sie wird seit ihrem ersten Tage an von der doppelten Opposition der Liberalen und der von Take Jonescu jüngst gegründeten Partei der konservattven Demokraten im Schach gehalten, die sich vorausfichtlich bei den herannahenden Parlamentswahlen im Februar vereinen werden. Die neue Regierung wird sich aber trotzdem auf eine starke Majorität stützen, denn eine solche hat bisnun noch jede rumänische Regierung erzwungen. Carp, der die politische Maschinerie seines Landes genügend kennt, hat vor Kurzem erst so trefflich gesagt: „Gebt mir die Macht und ich gebe Euch eine Partei mit einer Majorität". Mit Hilfe dieser Majorität — das ist wohl das Minimum, das wir erwarten können — werden wohl jene scharfen, gegen uns fich wendenden Spitzen der Gesetzgebung des abgewirtschafteten Systems der Liberalen abgeschliffen werden. Die Aenderung des in diesem Blatte öfter besprochenen Handwerkergesetzes hat Herr Carp in seinem weitausblickenden, sozialwirtschaftlichen Arbeitsprogramm bereits in Aussicht gestellt. Andererseits bietet uns die Person des Unterrichtsministers, des Herrn C. C. Arion, die sicherste Gewähr dafür, daß unsere Kulturbestrebungen nunmehr nicht gehemmt, sondern gefördert werden. Herr Arion ist schon bei seiner letzten Amtswaltung mit dem Rabbinat und dem Verstände der Bukarester Tempelgemeinde in Fühlung getreten, in der ernsten Absicht, den gegenwärtigen anarchischen Zustand der rumänischen Judengemeinden ein Ende zu bereiten. Dieser löbliche Werk zu vollenden, wird er sich möglicherweise jetzt veranlaßt fühlen. In solchen Tagen aber, in welchen unmittelbare Angriffe nicht.zu erwarten find, droht .den Juden in. Rumänien eine noch größere Gefahr. Sie verfallen immer wieder in jene träge Apathie, aus welcher fie gerade ein System der Unterdrückung. wie es das letztere war, ein wenig aufgeweckt hatte. Man sah gerade in der letzteren Zeit erfreulicherweise in allen jüdischen Gesellschaftsschichten ein wacheres Jnterrsse für das Judentum, das Ausflackern eines aufrechten Selbstbewußtseins, ein regeres jüdisch-politisches Leben. Die gegenwärtige Zeit aber, in welcher man kein Schwert zu schwingen bemüssigt sein wird, ist viel geeigneter, die Kelle zu führen, um das schwere Werk der Organisation aufzubauen. Sie muß eine Zeit ruhiger, sicherer Sammlung aller verfügbaren Kräfte sein. Denn in einer solchen Zeit, in welcher die Gemüter nicht erhitzt werden durch nationalistische Fanfaren und empfänglicher find, muß die ganze Beredsamkeit der Aufklärung einsetzen, um doch einmal den großen Tag herbeizuführen, an welchem wir mit dem großen Wunschzettel herausrücken können, die Forderung der im Berliner Kongresse gewährleistete, bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. ‘ A. M. Oberst Friedrich Mandel. (Gestorben am 7. Jänner 1911.) Von Moritz Frühling. Im rüstigsten Mannesalter, kaum 54 Jahre, wurde durch den Tod einer der besten unserer unter den Fahnen dienenden Söhne dahingerafft, der k. k. Oberst und Kommandant des 34. Landwehr-Infanterieregiments, Friedrich Mandel. Mit dem Verstorbenen ist ein in der Armee hochgeschätzter Stabsoffizier dahingegangen, ein wissenschaftlich vielseitig gebildeter Herr, em nobler, guter und charakterfester Mann. Mandel war im Jahre 1857 zu Marklowitz iiri : Schlesien geboren. Nach Absolvierung der Mittelschulen wurde er im Jahre 1875 als Einjahrig-Freiwilliger zum'