Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 32 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 Die Reihe der Vorträge beginnt mit der Eröffnungsrede des Baron Moritz Herzog, in welcher die hohe jüdische Ethik als die Grundlage der europäischen Kultur dargeftellt wird. Den ersten Vortrag gröberen Styles hielt die bekannte Philanthropin und deutsch-ungarische Schriftstellerin Frau Hofrat Dr. Armin Neumany, Milpräsidentin des Vereines, über „Menschenliebe und ReligiosiM^. Zk^h-einer Auseinandersetzung mit dem sonst liberalen Grafen Gdef^it MHo, der in einer Revue der Religionen die Rachsüchtigkeit des dtotteS Israels betonte und mit dem sie in sehr scharfsinniger Weise polemisiert, wendet sie sich an diejenigen Frauen, die so leicht den Glauben wechseln. In feinsatyrischer Weise wird gezeigt, daß diesen die Taufe nicht hilft, denn die Andersgläubigen kommen auch schon zur Uederzeugung, daß die neuen Christen ebenso schlechte Christen seien, als sie früher schlechte Juden waren. Mit diesem Glaubenswechsel ü 1a minute haben diese nur ihre Konfession, aber nickt rhren Glauben gewechselt, tve>! sie einen solchen nie besaßen. Zum Schluffe wird das Ideal einer jüdischen Frau gezeichnet. Es wäre verdienstvoll, diesen mit schriftstellerischer Gewandbeit voll sprühender Aperous gehaltenen Vortrag auch dem deutschen Lrsepublikum zugänglich zu macken.^ Den Hobepunkt der Vorträge bildet die nach oratorischer als auch nach wissenschaftlicher Seite gleich vorzügliche Arbeit des Rabbiners Dr. Simon Hevesi „Die Lebensauffassung der jüdischen Religion". Jener flachen Halbbildung, die aus Journalen und im besten Falle aus Büchners, Haeckels u. s. w. populären Schriften ihre Weisheit pflückt, wie diele jetzt besonders bei der Jugend wuchert, wird dieser Artikel ein „Führer der Verirrten" sein; doch auch der Fachmann wird mit Genuß all die neuesten Einwürfe gegen die Uebergr'ffe der Naturphilosophie in das Gebiet der Religion und Metaphysik lesen. Mit etwas schwerer Rüstung tritt der Verfaffer auf den Plan. Doch kämpft er mit Leichtigkeit mit den Waffen, die er aus dem Arsenal der neuen Naturwiffenschast geholt. Gegenstand des Vortrages ist das Substanzproblem in seiner neuesten naturwissenschaftlichen Fassung. Was ist das Dauernde im ewigen Wechsel? Die Substanz, antworten einstimmig die Philosophie und die Naturwiffenschast. Nun ist aber das Substanzproblem ein Sprzialfall des Kausalitätsproblems. Wir suchen die Ursache der uns umgebenden Welt. Der Schlußpunkt, die Endursache, darf demgemäß nicht Verursachtes, sondern nur Ursache. Substanz also bedarf keines Andern zu ihrer Existenz und muß ewig sein. Was ist nun die Substanz? Im Gigantenschrsit durchwandert der Verfaffer die Gebiete der neuen Naturphilosophie. Die Materialisten antworten: der Stoff. Dieses wird widerlegt: der Stoff kann die Substanz nicht sein, weil er nicht ewig ist. Das wird durch die Entdeckung des Radiums bewiesen, besonders beruft sich der Verfaffer auf die Versuche Gustav Le Bons, die Materie zu dematerialisicrcn. Andere nehmen den Aether als Urlubstanz an. Hier bewegen wir uns in einer schon supernaturalistischei- Region, denn wir kennen den Aether aus eigener Erfahrung nicht, sondern folgern aus gewissen Erscheinungen, daß er existiert. Der Erste war Vogt, der wohl nicht von Aether, aber von einer ähnlichen Ursubstanz spricht. Häckel nimmt die Aethersubstanz entschieden als die Grundlage an, die er als zusammenhängendes Kontinuum betrachtet. Er behauptet eine immanente Aetherbeweguug, denkt die Aetheratome belebt und will so den Ursprung des Lebens und des Seins erklären. Doch auch diese Auslegung ist unhaltbar, denn Häckel schiebt die Frage nur etwas weiter hinauf, auf die Atome. Wir können ferner den Aether als die Grundlage des Seins nicht annehmen, da wir;a nicht wissen, was der Aether ist. Es könnte diesem Aetherprinzip so ergehen, wie dem Systeme des Griechen Anaximenes, der die Luft als Grundlage des Seins annahm. Heute, wo wir das Wesen der Luft näher kennen, erscheint diese Behauptung absurd. Ostwald, ausgehend vom Gesetze Robert May?rs, daß die Summe der Energien immer konstant bleibe, betrachtet die Energie als den bleibenden Faktor. Doch gesteht er selber, das Urfprungsproblem nicht erklären zu können. Agnosticismus tönt uns von allen Seiten entgegen. Wir wissen, daß eine Substanz ist, können aber ihr Wesen nicht erforschen. Fast alle neuen^Philosophen weisen auf ein stoffloses intellektuelles Prinzip hin. Schopenhauer nimmt den Willen an, der schon zur Genüge wiederlegt wurde, die Jdentisten, wie Schelling, das Absolute, endlich die Vertreter des psycho-plysiichen Parallelrsmu« wie Fechner und Wundt operieren mit dem Begriffe Gott als dem letzten Zweck und Grund alles Seins. Diesem schließt stch der Verfaffer an, da laut den neuesten Ergebnissen der Naturphilosophie wlr ohne zwccksetzende Intelligenz nicht auskommen. Im zwetten Teile seines Vortrages summiert der Verfaffer die Resultate seiner Untersuchung und trägt seine eigenen Gedanken vor. Die Materialisten erklären nur Bewegung, aber nicht geistrges Leben. Sie geben nur ein Weltbild, ein Bild, dem die dritte Dimension fehlt, die Tiefe. Die Perspektive täuscht nur, die jüdische Religion bietet eine «Lebensauffassung". Geistiges Leben läßt sich nicht aus Materie abletten. Nutzt ein materielles, sondern ein intellektuelles Prinzip ist die Grundlage des Seins. Dies verkündete der Grieche Anoxagoras in feinem „NouS" und 1000 Jahre vor ihm die jüdische Religion. In dem Worte „Eheje" ist das ens infinitum in abstrakter Reinheit ausgedrückt. Es ist der Avristos des Seins, des notwendigen, ewigen unabhängigen Seins. Der Almanach enthält noch eine Fülle schöner Vorträge: „Reflexionen und Zeitbilder aus der Geschichte der Juden" von Prof. Blau. Der Dichter, Rabbiner Arnold K i ß zeigt uns, daß Israel auch auf anderen Gebieten nicht nur in Buß- und Klagelieder, nicht nur auf denk Wege der „Seufzerbrücke" stch in die lichte Höhe der Poesie zu erheben vermag. — Proben neuhebräischer Poesie liefern uns Herr Patai und der junge talentierte Dichter Ludwig Szabolcsi. Rabbiner Hevesi bietet ein schönes Stück Poesie» in Prosa betitelt: „Im Nachdenken". Populärwissenschaftlich sind die Vorträge über „Die Juden in der modernen Heilkunde" von Dr. Venetianer, „Die Lehre der Liebe" von Rabbiner Dr. E. Adler, über die „Soziale Gesetzgebung in der Bibel" von Dr. E. Hevesi. Zum Schluffe folgen einige Referate über das segensreiche Wirken der verschiedenen jüdischen Wöhltätigkeitsvereine in Budopest, unter welchen unsere Anfmerksamkeit besonders die Rede des Präsidenten Julius Winterberg fesselt. Interessant ist der Artikel „Die Welt der Blinden" von dem verdienstvollen gelehrten jüdischen Arzte Dr. Jsor Glaß. Die statistischen Tabellen zeigen, daß leider wir Juden das größte Kontingent der Blinden liefern. Aus 10 000 Menschen entfallen Blinde: Juden 12'6, Katholiken 8 86, Protestanten 3 36. In Ungarn sind 824 jüdische Blinde, in Budapest von 521 Blinden 118 Juden. Wir schließen unser Referat. Wenn dem nächsten Almanach ein jüdischer Kalender beigefügt und mit einigen jüdischen Prosaerzählungen erweitert würde, wird das Jahrbuch zu einem jüdischen Familienbuche im schönsten Sinne vervollkommnet werden. Eger (Erlau). Dr. Alois Schweiger. Max Müller, Deutsche Liebe. 16. Auflage. Leipzig, F. A. Blockhaus. In Form und Ausstattung eines Taschenbuches, kartoniert M. 3.—, in Ganzleder M. 4.50. Durch zwei Menschenalter hindurch bat sich dieses einzige Büchlein — einzig auch als Werk seines Dichters, der ihm kein zweites folgen ließ und sich damit doch einen Platz unter den klassischen Novellendichtern des 19. Jahrhunderts erobert hat — eine stille, aber umso größere Gemeinde erworben. Gleich einem triebkräftigen, immergrünen Epheu hat sich die „Deutsche Liebe" von der ersten bis zur sechzehnten Auflage emporgerankt. Die Geschichte dieses Buches ist seine nachdrücklichste Empfehlung; wir wüßten ihm keine bessere mit auf den Weg zu geben. Seine zahlreichen Freunde werden dem alten, lieben Gast in seinem neuen, festlichen Gewände ein herzliches Willkommen entgegenrufen. x. Ella Triebnigg-Stockinger, Praktisches Kochbuch für die österreichische Küche. Preis K 4.— (M. 3.60). W. Vobach U. Co.. Verlag, Wien I und Leipzig. Allen Hausfrauen wird dieses Kochbuch sehr willkommen sein. Das Buch bietet eine vollstänige Sammlung langjährig erprobter, vortrefflicher Originalrezepte und nimmt, der fortschreitenden, allgemeinen Teuerung Rechnung tragend, besonders auf billige Zubereitungsart, sowie die Verwertung von Speiseresten bedacht. Mandel, Lic Herrn. Die Erkenntnis des Uebersinnlichen. Grundriß der systematischen Theologie. Erster Hauptteil: Glaube und Religion des Menschen. Erster Teil: Genetische ReligionSplychologie. M. 5.50. — A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung. Nachfolger Inh. Werner Scholl, Leipzig. Die vorliegende Arbeit will ein genetisches System der Hauptmöglichkeiteu des Glaubens und in dessen Rahmen die Glaubenslehre des Christentums darstellen. Dieses System umfaßt nach einer methodologischen Einleitung: 1. Hauptteil: Die subjektiven Methoden:. Die Religion deS Menschen. Genetische Religionspsychologie. Die sittliche Forderung der Religion (Religionsethik). 2. Hmprteil: Die religiöse Gotteslehre (Glaubenslehre); subjekt-objektive Methode. 3 Hauptteil: Die objektiven Methoden: Das Dasein Gottes. 1. Teil: Die mtthapbysiichr (durch die Welt vermittelte) Gotteslehre. Die methaphysischen Methoden . (Gottesbeweise). Die methaphysischen Gottesanschauungen (Kosmotheismus: Dualismus, Deismus, Pantheismus). 2. Teil: Die unmittelbaren Methoden: OffenbarungS» Ideologie, Ecfahrungstheologie. Das Buch bietet auch jüdischen Theologen manche wertvolle Belehrung. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. HerauSg. von Dr. M. Grunw ald. 14. Jahrgang, 1. Heft. (Der gamen Reihe 37. Heft.) Wien 1911. Inhalt: M. Grunw ald, Jüdische Volkslieder aus Galizien. M. Grunwald. Zur jüdischen Namenkunde. O. Heilig. Jüdische Namen aus Schwaben. M. AbeshuS, Die Namen der persischen Juden. E. Richter — A. Schmidt, Die Hotzenp'.otzer Judengemeinde 1334 bis 1848. S. Gold schmidt — A. Marmor st ein, Z öaa ureäna. — Bücherschau. Alle Sendungen werden erbeten an die Adresse des Herausgebers: Wien, XV., Mariahilferstraße 167. Bausteine, Aphorismen und Zitate aus alter und neuerer Zeit, gesammelt von Prof. Dr. C Hilty. Mit dem Bildnis des Verfassers nach einer Originalzeichnung von David Burnand. J'. Edward Erwin Meyer, Verlag Aarau (Schweiz), 1910. Preise: in Leinwand geb. M. 1.80, in Leder mit Goldschnitt $t. 3.50. Es sind wahre Gedankenperlen, die diese elgeHrE? Sammlung birgt. Daß eine Anzahl Sprüche von Hilty selWMMnen. und hier zum ersten Male veröffentlicht weWö/ dürfte ^UWVert des Büchleins noch erhöhen. Es liegt Mr eine WM vor, die nicht nur von der Hilty-Gemeinde yntz E^HelehrteSWWdrtN vom gesamten gebildeten Publikum sicher MWMden eMWlgenommen werden wird.