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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 31 land der Prophet Nathan dem selbherrischen König David und fragte ihn, was er wohl mit dem Manne anfangen würde, der sich unterfangen wollte, zur Entziehung seines eigenen Kindes die Hand zu bieten, wie er es dieser armen jüdischen Mutter gegenüber getan hat? Schließlich wiederholte ich, was ich dem Patriarchen gegenüber schon betont hatte, daß es sich hier gar nicht um eine Angelegenheit der Religion, sondern lediglich um die Stimme der Natur und der Menschlichkeit handle, daß die Tochter mit ihrem Willen den Glauben wechseln könne, daß damit aber in keiner Weise der freie Verkehr und die ungehinderte Aussprache zwischen Mutter und Tochter aufgehoben bleiben müsse. Daneben versäumte ich aber auch nicht, den Konsul mit der russischen Geistlichkeit schärfstens und nachdrücklichst darauf hinzuweisen, daß es unter den von mir geschilderten und geltend gemachten Umständen aus Rücksicht auf die hart betroffenen und schwer leidende Mutter und Familie, der ausgesprochene Wille des Patriarchen sek, daß das jüdische Mädchen nicht zur Taufe gebracht werde, und man sich im Falke der Zuwiderhandlung dieser bestimmten Erklärung des Patriarchen auch einer offenen und schweren Uebertretung der Kirchengesetze und der Kirchenordnung schuldig mache. Mit dieser letzten brieflichen Aktion war jetzt die von Mir in diesem Konfessionsdrama bisher gespielte!, nicht unbedeutende aktive Rolle zu Ende, und ich konnte von nun an nur noch als lebhaft interessierter und teilnehmender Zuschauer zusehen und abwarten, wie die Dinge jetzt einen weiteren Verlauf nehmen werden, ob die Schürzung und Verwicklung des Knotens im weiteren Gang der Handlung tnit einer schließlichen gänzlichen Katastrophe endigen oder doch noch durch eine günstige Wendung eine befriedigende Lösung finden werde. Erfreulicherweise sollte gegen alles Erwarten bei dieser ergreifenden Tauftragödie nach mancherlei weiteren aufregenden und erschütternden Szenen schließlich doch der letztere Fall eintreten und für die, teils durch eigene Schuld, teils durch das Schicksal hart Betroffenen, alles ausgestandene schwere Leid und Ungemach sich am Ende doch noch in Glück, Heil und Segen verwandeln. Nachdem das Mädchen vom russischen Konsulate durch die Nonnen wieder auf den Oelberg zurückgebracht worden war, begann sofort, der ausgesprochenen Willenserklärung des Patriarchen zum Trotze der Unterricht in dem russisch-orthodoren Katechismus und die Vorbereitung auf die Taufe, zu welchem Zwecke man das jüdische Mädchen in das russische Hospitz nach Jericho überführte, wo zuletzt auch die Zeremonie der Taufe mit Jordanwasser stattfand, um den Eindruck der weihevollen Handlung um so tiefer und nachhaltiger zu gestalten. Nach der Taufe kam das Mädchen wieder zurück nach Jerusalem, in das Kloster auf dem Oelberg. Die Mutier aber kehrte nachdem sie sich von dem auf dem russischen Konsulate erlittenen furchtbaren Schlage in dem Gasthaus Lazinsky nach einigen Tagen ein wenig erholt hatte, ganz rat- und fassungslos wieder nach Jaffa zurück, wo sie Zuletzt, infolge der fortgesetzt sie quälenden schweren Gedanken, in eine böse Nerven- und Gemütskrankheit veri-^', welche ernstlich für ihr Leben fürchten ließ. Zur Pflege der recht bedenklich erkrankten Frau rief man sofort die andere, in Egypten verheiratete Tochter an das Krankenbett der Mutter, und, nachdem die Kranke die Hauvtkrisis überstanden hatte, kam dann diese ältere Tochter mit ihrem Manne auch nach Jerusalem, mit dem festen Entschluß, um jeden Preis die jüngere Schwester auf dem Oelberg zu sehen und zu sprechen und derselben zur Wiederbefreiung behilflich zu sein. Eile und rasches Handeln schienen um so mehr geboten, als durch Fellachen des dem russischen Nonnenkloster auf dem Oelberg unmittelbar benachbarten Araberdorfes Tur Kunde nach Jerusalem gekommen war. daß das jüdische Mädchen die Nonnen- und Klosterherrlichkeit bereits gänzlich satt habe und auch bereits einen Fluchtversuch gemacht habe, und deshalb von den Nonnen so mit Schlägen traktiert worden sei. daß man das Geschrei im Dorfe hören konnte. Die mit mir gemeinsam unternommenen Schritte und Versuche der Schwester,, den russischen Archimandriten, das Oberhaupt der russischen Palästina-Mission, zu sprechen und von ihm den Zutritt zu dem Kloster auf dem Oelberge zu erwirken, blieben erfolglos, da sich der Archimandritz der wohl schon Lunte roch, bei jeder Nachfrage als abwesend melden ließ. Schließlich gelang es aber der Schwester, welcher die russische Sprache vorzüglich geläufig ist, einen eben erst zugereisten und sich nur vorübergehend in Jerusalem aufhallende-z jungen, freundlichen, intelligenten und gefälligen Priester ins Vertrauen zu ziehen und ihm die Not ihrer Familie und ihr Anliegen in den glühendsten Farben zu schildern, und die eindringlichen, beweglichen Worte der Schwester machten einen solchen tiefen und gewinnenden Eindruck auf das empfängliche, teilnahmsvolle Herz des jungen Priesters, daß er der Schwester sofort seine Hilfe versprach und sich erbot, auf der Stelle mit ihr nach dem Oelberg zu fahren und ihr für die Begegnung und Aussprache mit der Schwester den Eintritt in das dortige Nonnenkloster zu erwirken. Wie verabredet, so ist es denn in Wirklichkeit auch geschehen. Nachdem die Nonnen die Schwester in der Begleitung des Priesters sahen, konnten sie nicht anders denken, als beide kommen in höherem Auftrag, und darum zögerten sie auch keinen Augenblick, dieselben einzulassen, und die Schwestern zusammen zu führen. Beide Schwestern durften sich aber nur in russischer Sprache unterhalten, damit den Nonnen kein Wort entgehe, so war es natürlich unmöglich, über die Lage der bisher als Novize betrachteten, jetzt aber, nach der Taufe als Nonne voll eingekleideten „Schwester" irgend welche „indiskreten" Fragen zu stellen, oder gar Pläne wegen einer etwaigen Befreiung in gemeinsame Erwägung zu ziehen. (Fortützurg folg*.) Literatur. Kultur-Almanach. Szerkeszti Dr. Hevesi Simon. Kiadja az »Orszägos magyar köz mü velödSsi egyesulet«. Budapest 1910. (Kultur-Almanach. rediaiert von Dr. Simon Hevesi. Herausgegeben vom Ungarischen Landeskulturverein.) Nicht nur die großen, komplizierten Organismen von Natur und Geist, wie Mensch. Staat, Gesellschaft usw., sondern auch die Bezeichnuna der Beariffe. die einzelnen Wörter, müssen sich dem ehernen Tritte des Entwicklungsprozesses beugen. Die Sprache ist eben auch ein lebender Organismus. Es gibt unzählige Wörter, mit welchen wir heute ganz andere Begriffe verbinden, als ihre ursprüngliche Bedeutung gewesen. Die Form bleibt dieselbe, der Inhalt ist ein anderer geworden. Diesen Prozeß nennen unsere Philosophen den „Bedeutungswandel" der Wörter. Einen solchen erlitt auch daS dem Arabischen entnommene Wort „Almanach". Ursprünglich bedeutete es Kalendertafeln; später wurden diese mit wiffenswerten Zusätzen erweitert. Endlich wurden Letztere die Hauptsache und die Zeittafeln etwas Nebensächliches, fast Ueberflüffiges. ..Kultur-Almanach'^ nennt Rabbiner Hevesi das von ihm redigierte Jahrbuch des „Ungarisch-jüdischen Kulturvereines". Mit Recht. In zeitlichem Nacheinander wird in einem stattlichen — auch äußerlich entsprechend ausgestatteten — Bande die Geschichte^ des erst seit einem Jahre bestehenden Vereines in Vorträgen, Aufsätzen und — was die Hauptsache ist — in Tatsachen vorgeführt. Dieser heute schon mächtige Verein, der gegenwärtig über 3000 Mitglieder zählt, ist eine verdienstvolle Schöpfung des genialen Budapesters Oberrabbiners Dr. Simon Hevesi. Das Programm des Vereines ist von umfaffendster Weite: Religiöse, materielle, moralische, geistige Hebung des Judentums nach Innen und Außen. Dieser Verein bietet seinen Mitgliedern auch geistigen Entgelt durch Abhaltung jüdischwissenschaftlicher Vorträge in der Hauptstadt und auf dem Lande, dieselben werden gesammelt, im Kultur-Almanach veröffentlicht und an die Mitglieder verschickt. Einceleitet wird der Almanach mit dem stimmungsvollen Aufrufe des Rabbiners Hevesi, der die Gründung des Vereines zur Folge hatte. Schwungvolle Artikel der Redakteure Szabolcsi und Karl Eötvös folgen.

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