Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bkochs Wochenschrift. Sette 25 -u verfolgen; rührend ist er doch, wenn eine Frau, welche eine Schule in Jerusalem unter den Namen ihre» Vaters errichtet, davon spricht, daß ste ihm in dieser Art den schönsten Denkstein setze, oder wenn der Stifter einer Mädchen-ErziehungSanstalt die Hoffnung ausspricht, daß reiche, junge Männer sich ihre Frauen au» den Zog. lingen derselben wählen und durch diese beglückt, den Fonds der An. statt durch neue Stiftungen vergrößern werden, eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllte. Sonderbar kommt es uns aber vor, wenn bcr Gründer'eines Stipendiums für Mediziner die KultuSgemeinde und die Professorenkollegien in seinem Testamente förmlich anfleht, darauf zu achten, daß sich ja nur immer Bewerber um feine Stif. tung finden mögen, während wir heute Jedermann bittenmöchten, dafür zu sorgen, daß sich für alle Bewerber doch auch eine Stiftung finde. Unbillig erscheint es uns heute gewiß, wenn von armen Eltern verlangt wird, daß sie bei einem feierlichen Anlaffe öffentlich der ihnen für ihr Kind zugekommenen kleinen Spende Erwähnung tun sollen. Sinnig aber ist es, wenn ein Stifter, welcher zum Andenken an ein im zartesten Alter verstorbene- Kind, Waisenmädchen beteilen lassen will, von diesen verlangt, daß sie an dem Sterbegedächtnistage seine- Kindes einige Feldblumen auf deffen Grab legen mögen. Als richtiges Vorgehen müssen wir ebezeichnen, daß Stifter den Abfall eines von ihnen eingesetzten Erben auch dadurch bestrafen, daß sie einen großen Teil oder das ganze Vermögen jüdischen Wohltätigkeitzwecken zuwenden, denn mit der bloßen Verachtung ist bei solchen Leuten nicht viel getan. Jntereffant ist es auch, daß — außer einer vor wenigen Jahren begründeten Stiftung für Handelsakademiker — bei der Kultusgemeinde keinerlei Stiftung für Handelsschüler besteht — und doch sind wir das »Krämervolk" pur vxeeUenes — e» geht halt nichts über ein objektives Urteil. Begründen läßt sich das vorerwähnte auffällige Wachstum der Stiftungen vielleicht durch die Regelung der Organisation der Kultusgemeinden infolge des Gesetzes vom 3l. März 1890, welcheda- Vertrauen in diese Institution hob, sicherer aber ist sie auf da- — durch uns feindliche Strömungen in diesen Zeiten — neuerwachte Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Juden zurückzuführen. Hiefür spricht auch der Umstand, daß in den letzten Jahren einige Fälle sich ereigneten, daß Stifter ihre ursprüngliche Verfügung, wonach ihre Stiftung durch eine politische Behörde verwaltet werden sollte, abänderten und die KultuSgemeinde zum Verwaltungsorgane bestellten, auch in Fällen, wo es sich um Stiftungen zur Beteilung von Personen ohne Unterschied des Glaubens handelte. Andere Stifter änderten, angeekett von der Bosheit unserer Feinde, ihre Verfügungen derart ab, daß die Wohltat ihrer Stiftung nur Glaubensgenossen zukömmen sollte. Betrachten wir die Zwecke, für welche unsere Reichen der Kultusgemeinde ihre Gelder widmen, so könnte eS fast den Anschein haben, als ob die persönliche Eitelkeit hiebei die Hauptrolle spielen würde, denn unter den rund 750 Stiftungen, welche bei der KultuSgemeinde derzeit bestehen, dienen beinahe 400 für Jahrzeit und Graberhaltung. Doch wäre diese Annahme eine falsche, denn eine St ftung kann mehreren Zwecken dienen, ja dies ist sogar gewöhnlich der Fall, denn die Kultus gemeinde legt Wert darauf, daß alle ihr übergebenen Stiftungen den Bedürftigen ihr trauriges Los erleichtern; für Armenunterstützungen. d. h. insbesondere für Witwen, Waisen, Bräute, Kränkere, sind 540. für Studenten. Künstler usw. 108 Stiftungen bestimmt. In richtiger Erkenntnis dieser erfreulicherweise zu erwartenden Entwicklung auf dem Gebiete de- StlftungSwesenS errichtete der Vorstand der KultuSgemeinde für diese Agenden zu Beginn des Jahres 1698 eine eigene Abteilung des Sekretariates und unterstellte diese der damals bestehenden Sektion für Rechtsangelegenheiten und Administration, deren Obmann, dem heutigen Präsidenten, Herr Dr. Alfred Stern, hiemit ein reiche- Feld zur Betätigung seiner gemeinnützigen Bestrebungen geboten war, eine Aufgabe, der er sich mit gewohntem Scharfblicke und der ihm eigenen Tatkraft zum Besten der Gemeinde und ihrer Schützlinge unterzog; mit welchem Erfolge, ist aus den oben mitgeteilten Zahlen zu ersehen. Dieses Stiftungsamt hat bei der Errichtung von Stiftungen mitzuwirken, dte Stiftbriefe zu verfassen, die Anlage der Stiftungsgelder zu veranlassen und zu überwachen, jenen Personen, welche Stiftungen errichten wollen, gleichgiltig ob hier oder anderwärt-, ratend zur Seite zu stehen, den Verkehr mit den Behörden und den Verlassenschaftsgerichten, mit den Advokaten und Notaren zu pflegen usw. W'chtiger als all die» ist aber der Verkehr mit den ansuchenden Parteien. Wleviet Elend ist es oft bei drn einen, da» sie, nach Unterdrückung einer eigentlich unberechtigten Scham, zwingt, dieses Amt aufzusuchen, wieviel niedrige Spekulation auf die leichtgläubige Mildtätigkeit veranlaßt andere, das Amt mit ihren Gesuchen förmlich zu überschütten; wieviel heißgefllhlte Hoffnungen, wieviel gern gehegte Pläne werden durch eine mit Rücksicht auf die fehlenden Mittel erfolgte Abweisung zerstört — und wie gerne würden wir Beamte Allen immer nur sagen: „Es wurde bewilligt", — wieviel reine Freude wird aber auch, wenn auch nur für kurze Zeit, durch die Bewilligung geschaffen; wie viele Existenzen können durch eine verhältnismäßig geringe Summe neu gegründet, wie viele bisher ernst um ihren und ihrer Famtl'e Lebensunterhalt arbeitende P rsonen aber können auch durch unzeitgemäße Gewährung einer Geldhilfe auf den Weg des Schnorrengebracht, d. h. für Lebenszeit ruiniert werden. — Das Amt arbeitet also nicht mit toten Akten — die find nur da» äußerliche Zeichen seiner Tätigkeit — sondern mit lebendem Materiale; eS h rt zu raten und zu helfen, zu wägen und zu wiegen. ES wäre für mich gewiß sehr verlockend, über das Technische dieser Arbeit mich zu verbreiten oder darüber zu sprechen, auf welche» Gebieten es uns noch an Stiftungen mangelt, auf welchen Gebieten es noch der Opferwilligkeit unserer Reichen bedarf, um den sich bemerkbar machenden Ansprüchen Genüge leisten zu können; doch würde dies wohl über den Rahmen des mir hier in so entgegenkommender Weise zur Verfügung gestellten Raumes hinausgehen. Remy Friedmann, Beamter der Kultusgemeinde Wien. Korrespondenzen- Ans der Plenarsitzung des Kultusvorsiandes vom 28. Dezember LSLV. .Von Herrn Josef Pavelcik für arme Juden . . . K 20.— „ „ S. 8., XIX. Bez., anläßlich des Todestages seines Vaters für jüdische Arme ... „20.— Von Herrn Ingenieur Heinrich Socholler für die Brigittenauer Schulküche ..„ 5.— WeiterS: Dankschreiben der Herren Arthuc und Ludwig Liebermann für die Kondolenz des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens ihres Vaters Herrn Hermann Liebermann. Dankschreiben der Frau Nani David für die seitens des Kultusvorstandes bewiesene Teilnahme, anläßlich des Ablebens ihres Gatten. Herrn Rabbiners Dr. David und für die zum Ausdrucke gebrachte Würdigung der Verdienste deS Verstorbenen. Ferner eine Mitteilung der Genannten, daß sie die Bibliothek ihres sel. Gatten der Religionslehrer-Bild'ungsanstalt widme. Dankschreiben des Herrn Hermann David in Hamburg namens der Geschwister des verstorbenen Rabbiners Dr. Elieser David für das ihrem Bruder gewährte Ehrenbegräbnis und für die zahlreiche Beteiligung der Mitglieder des Kultusvorstandes an dem Leichenbegängnisse. Mitteilung der isr. Gemeinde in Petersburg über das Ableben des Präsidenten Baron David Günzburg. Dankschreiben der Frau Marianne Singer für die Kondolenz anläßlich des Ablebens ihres Gatten Herrn Fritz Singer. Mitteilung des Waisenvereines, betreffend die Verschiebung der Feier der Schlußsteinlegung im neu erbauten Knabenwaisenhause. Dankschreiben von Ehepaaren, deren Ehekonvalidierungen durch das Matrikelamt bezw. den Beamten desselben, Herrn JuliuS Rosenfeld, durchgeführt wurden. DiejgakMche Enquete endlich einberufen. Die vom gallischen Landesausschutz beschlossene Enquete über die Notlage der Juden in Galizien ist nun endlich doch ernberufen worden. Die Einladungen sind bereits verschickt worden. Die Enquete, die mehrere Tage in Anspruch nehmen wird, wird am 23. Jänner 1911 in Lemberg unter dem Vorsitze des Landmarschalls Grafen Badeni beginnen. Einladungen sind an dir Vertreter aller Parteien, an bekannte, jüdische, im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten, an anerkannte Nationalökonomen und Fachschriftsteller ergangen. Der Landmarschall als Einberufer der Enquete im Aufträge des Landesausschusses wird während der ganzen Verhandlungen persönlich den Vorsitz führen. In seinen Weisungen an die einzelnen Referenten verlangt der Landmarschall von diesen nicht nur theoretische Schilderungen der jüdischen Notlage und ihrer Ursachen, sondern auch praktische und durchführbare Vorschläge zur Abhilfe. Die Vorgeschichte der Enquete ist bekannt. Sie wurde im Jahre 1907 vom Abgeordneten Dr. Löwenstein im gallischen Landtag am Schlüsse einer grotzen Rede über die Notlage der Juden in Gallien beantragt. Damals wurde die Enquete bs-