Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette «4 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. s Und - darum, veil der dude so tief im kapitalistisch gerichteten nationalen Leben nistet, schwirrt es an höchsten und allerhöchsten Orten von Ballins und Rathenaus. Darum macht Sir Ernst Cassel Weltgeschichte. Darum waren Sonnino und Luzzati in Italien Finanzminister und Ministerpräsidenten. Darum wimmelt es auf Kolonialkongressen und in Kolonialgesellschaften von Juden, die bei der Aufgabe, die noch dunklen Punkte durchzukapitalisieren, nicht fehlen dürfen. Darum müssen in der Nationalliberalen Partei, welche die grossen Verbände der Unternehmer und Industrieexporteure hauptsächlich mit vertritt, von recbtswegen Juden umgehen und vom politischen Ehrgeiz gestachelte Bankdirektoren ausser Dienst Unterschlupf suchen. Darum balanzieren auch so zahlreiche jüdische Seiltänzer auf dem vom Hansabunde gespannten Seile in der Maske der Harmonieapostel. Schon gibt es jüdische Latifundienbesitzer, die Rechtsnachfolger von Fürsten und Baronen. Der Verfasser dieses Aufsatzes ist selbstverständlich ein antisemitischer Preßsöldling. Nichtsdestoweniger wird dieser Aufsatz in der gesamten antisemitischen Presse Oesterreichs und Deutschlands als eine Enunziatiou des Judentums vorgeführt. Zu diesem Zwecke wird „auf diese bedeutungsvolle jüdische Stimme hmgewiesen, welche den Triumph des Judentums in so beredter Weise verkündete." „Unzweifelhaft halt das Judentum die gegenwärtige politische Lage in Deutschland für außerordentlich günstig, um einen allgemeinen Vorstoß zur Erringung der Vorherrschaft auf der ganzen Linie zu unternehmen. Den nötigen Mut hiezu schöpfte es aus der Zertrümmerung des konservativ-liberalen Blockes, woran die jüdische Minierarbeit die Hauptschuld trug." Das ist antisemitische Preßbubenmoral! Weber Stiftungen und Stiftungamrsen. In dem (anläßlich der vor Kurzem stattgehabten Wahlen herauSgegebenen) Tätigkeitsberichte des VotstandeS der iftaelitstchen Kultusgemeinde Wien finden sich unter dem Titel „Stiftungs- Angelegenheiten" einige wenige Zeilen, welche über diesen Teil der Verwaltungsagenden mit kurzen, trockenen Worten und Zahlen berichten. Doch wird es nur wenigen Eingeweihten hiedurch ermöglicht worden sein, fich über dieses wichtige Gebiet eine gewisse Vorstellung zu machen. Diesem Zwecke soll nun diese Abhandlung dienen. — Bor allem dürfte eS vielleicht erforderlich scheinen, darüber klar zu werden, was der Begriff „Stiftung" oder der ähnliche Begriff „Widmung" eigentlich bedeute; der Unterschied zwischen beiden ist ein rein juristischer und darauf wollen wir weiter nicht eingrhen. Eine Stiftung ist nichts anderes als eine jährlich wiederkehrende Spende für „ewige Zeiten", welche ihr Geber einen von ihm bestimmten Lwecke zuführt. Da diese Spende für ewige Zeiten erfolgen soll, so muß der Spender jenes Kapital erlegen, dessen ZmseuerträgniS dem von ihm beabsichtigten Jahresbetrage entspricht. Selbstverständlich muß über eine derartige Spende ein Schriftstück zum „ewigen Gedächtniffe" — der „Stiftbrief" verfaßt werden» welches alle von dem Spender — im gegebenen Falle heißt er „Stifter" — getroffenen Anordnungen enthält. Das Wesen und der Begriff einer Stiftung ist nichts Neues, Modernes. Tatsächlich finden wir schon im jüdischen Rechte eine Bezeichnung für das Wesen der Stiftung, wie ich es hier dargestellt habe, das ist der Ausdruck „Keren-KajemeS", waS so viel wie „ewiger Kapital" bedeutet. Interessanter aver ist der Ausdruck des römischen Rechter »p i a causa« „Fromme Sache" schon aus dem Grunde, weil er uns gleichzeitig die kulturhistorische Beurteilung der Stiftungszwecke durch viele Jahrhunderte hindurch förmlich aufdrängt. Es waren wirklich lauter «fromme Sachen", für welche Stiftungen errichtet wurden. Bei den Christen z. B. Stiftungen für das Lesen von Messen, für die Erbauung von Klöstern und für den Lebensunterhalt ihrer Bewohner (daher die Ausdrücke „das Stift" und „Stiftsherrn" für dieselben), ferner Stiftungen für die Errichtung von Kirchen und für die Bezahlung der Geistlichkeit an denselben rc. Später werden wohl auch Hospitale (dar sind aber nicht Spitäler in unserem Sinne, sondern eigentlich Herbergen für Pilger), Armenhäuser und AehnlicheS errichtet, alles aber nur im Anschluffe und unter Aufsicht von Klöstern und Kirchen. Selbverständlich fehlt er unter diesen „frommen Sachen" auch nicht an „Unterstützungen für Konvertiten" — hauptsächlich waren dies — fei es freiwillig oder infolge von Zwavgsmaßregeln --- vom Judentume Abgrfallene; eS gibt eben nichts Neues unter der Sonne. Bei den Juden wurden die Stiftungen -- in der Regel für die Errichtung einer Schule — „Klaus" — gewidmet, an'welcher ein Rabbi erhalten werden, sollte (in Mähren und Böhmen gibt eS noch heute Gemeinden, welche außer dem eigentlichen Rabbiner noch einen Stifts-. rabbiner besitzen), dcffen Schülern auch ein kleiner Beitrag zu ihrem Lebensunterhalte geboten wurde, später treten dann die AuSyeircJung von Brauten, die Unterstützung von Waisen und Witwen, sowie von Kranken rc. hinzu. Die Jahrzeit-Stiftungen — bei den Christen als Meffen-Stistungen, wie bereits gesagt die älteste Form — ist bei uns Juden erst eim Erscheinung der neueren Zeiten. Eine Erscheinung der neueren Zeit ist es auch, daß der Staat — die Nützlichkeit der Stiftungen für die Allgemeinheit erkennend — sie unter seine besondere Aufsicht gestellt hat, ihr Entstehen von seiner Genehmigung abhängig macht und ihre Verwaltung überwacht. Dte Organe des Staates sind hiebei dte Landesregierungen, welche als „S t i f t u n g S b e h ö r d e n" fungieren, die höchste Stelle ist das Ministerium des Innern, bezw. so weit Stiftungen für Studenten, Schüler und Schulen in Betracht kommen, das Ministerium für Kultus und Unterricht. Die Verwaltung der Stiftungen wird aber nur zu einem verhältnismäßig geringen Teile bei den staatlichen Behörden geführt, meistens bei den politischen Gemeinden, sowie bei den konfessionellen Institutionen, z. B. bei den Kultur gemeinden. Von unserem Standpunkte aus interessieren uns nur die in der Verwaltung der Wtener Kultusgemetnde stehenden Stiftungen; und so wollen wir die Entwicklung des Stiftungswesens bei der Kultusgemeinde ein wengi verfolgen. ES ist nun eine sehr auffällige Erscheinung, daß die ältesten, bei der Kultusgemeinde verwalteten Sttftungen auf nicht mehr als neunzig Jahre zurückreichen und in Bezug auf ihre Anzahl und ihre Dotierung (das ist die Höhe ihres Kapitales) als sehr geringfügig bezeichuet werden müssen. Auch die Zwecke, denen zu dienen sie bestimmt sind, müffen ein gewiffes Befremoen erregen; es sind größtenteils Snstungen rituellen Charakters, Jahrzett-Sttftungen, Stiftungen für Honorterung von Funktionären und Lehrern, einige, aber auffallend wenige — doch verhältnismäßig reich dotrerte — für wohltätige Zwecke (für Bettplätze im Spitale, für Studrerende, für Schulen, für Bläute rc.). Man wäre beinahe versucht, zu glauben, daß die Wiener Juden seit jeher eine traurige Ausnahme von der allgemeinen Regel in Bezug auf den jüdischen Wohltätigkeilssinn gebildet hätten, umsomehr als sich in manchen Provinzgemeinden eine große Zahl reicher Stiftungen vorfindet, welche ein Alter von zweihundert Jahren und mehr aufwetien. Damit würden wir aber unseren Vorfahren wirklich bitter Unrecht tun, denn nicht sie, sondern hauptsächlich die Verhältnisse haben dies verschuldet. Es ist zweifellos, daß bereits im Mittelalter in Wien jüdische Stiftungen bestanden, und wir haben Grund, anzunehmen, daß sie, den materiellen Verhältnissen der Gemeindeangehörigen entlprechend, gut dotiert waren. Die Rechtsunsicherheit, in welcher jedoch die Juden hier lebten, die Austreibungen, deren letzte unter Kaiser Leopold I. im Jahre 1670 erfolgte — bei diesem Anlasse wurde bekanntlich die Synagoge in eine Kirche, die heutige Pfarrkirche zum heiligen Leopold im II., Bezirke, umgewandelt — brachten es durch die gleichzeitigen Konfiskationen der Judengüter mit sich, daß die bestandenen Stiftungen spurlos verschwanden. Erleichtert wurde dies dadurch, daß in jenen Zeiten Staatsrenten, welche ja heute für die Anlegung von Stiftungsgelbern in der Hauptsache verwendet werden, nicht extstlerten, die Stiftungsgelder vielmehr auf einem „Judenhause" als — sagen wir den modernen Ausdruck — „satzpost" angelegt wurden. Mit den jüdischen Besitzern dieser Häuser aber wurden natürlich auch die jüdischen Stiftung« Verwalter und die jüdischen Bezugsberechtigten verjagt und damit hörte die Stiftung — da sich ja Niemand ihrer annehmen konnte — ebenfalls zu bestehen auf. Erst unter Kaiser Josef 11. wurden für die Wiener Juden nach damaligen Begriffen erträgliche — nach unseren heutigen aber noch immer unerträgliche — Lebensverhältnisse geschaffen, unter Kaiser Franz I. ihnen gestattet, eine Art Gemeinde zu bilden, und damit die Möglichkeit, „Gemeinsinn" zu zeigen und „gemeinnützig" zu wirken, gegeben. Nun entstanden eben auch wieder Stiftungen. Da aber dte Juden dem Bestände der günstigeren Wandlungen ihrer Geschicke in diesen und in den spateren Zetten doch nicht so recht traute», und auch, weil sie — teils ihrer allgemeinen Menschenliebe folgend, teils um den Neid zu beschwichtigen -- neben ihren Glaubensbrüdern auch die christlichen Mitbürger — dieser Ausdruck entspricht zwar nicht den Zeitverhältmffen — bedenken wollten, Übergaben sie damals — und aus Gewohnheit auch noch später — ihre Stiftungen meistens den politischen Behörden, ein Vorgang, der sich in Ansehung einzelner Verwaltungsstellen in späteren Zetten — wie wir ja alle wissen — bitter rächte. Erst die jüngsten Zetten führten dazu, daß von den jüdischen Stiftern das konfessionelle Moment sowohl in den gewählten StiftungSzwrcken, als auch in der Bestellung der Verwaltungskötper mehr betont wurde, wie sich aus den folgenden Ziffern klar ergibt: In den Jahren 1&0 bis 1869, das ist in 60 Jahren, wurden 94 Stiftungen mit £ 1,779.610.— Kapital, von 1870 bis 1889, daö ist in 20 Jahren, 203 Stiftungen mit £ 2,196.900.—, in dem Dyennium. 1890 dis 1899 146 Stiftungen mit £ 3,699.300.— und in dem Dezennium 1900 bis 1909 276 Stiftungen mit £ 5,884.300.— Kapital errichtet; es ergibt sich demnach, daß in dem letzten Dezennium dreimal so viel Stiftungen mit mehr als dreimal so viel Kapital errichtet wurden, als in den 50 Jahren von 1820 bis 1869. Das Gesamtkapital der von der Kultusgemeinde verwalteten Stiftungen beträgt rund 14V. Millionen Kronen. Interessant ist es, vom psychologischen Standpunkte auden Gedankengang einzelner Stifter bei der Errichtung ihrer Stiftung