Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Sette 23 Dr. Vlochs Wochenschrift. schildert den Einfluh der groben Schriftsteller jener Zeit. Zivi Hirsch> Hakohen Rabinowit'ch, Lewanda, Buti den Iogli (Dr. Katzenellsohn), P. I. Lewinsohn, Bogorod usw. Fast keiner dieser hervorragenden Männer hat je eine Schule besucht. Rabinoroitsch hat bis an sein Lebensende nicht gut russisch sprechen können. Alle seine Kenntnisse hat er sich im Wege des Selbststudiums erworben. Er war ein scharfer Geist und verfügte über ein seltenes Gedächtnis. Er war mit dem damaligen Bildungsminifter Deljanow, dem Erfinder der Perzentnornr für jüdische Schüler, befreundet. Sie' verbrachten viele Stunden in anregenden Gesprächen, in denen Rabinowitsch das Wort in gebrochener deutscher Sprache führte. Interessant war auch die Persönlichkeit Lewandas. Er besuchte die Rabbinerschule und zeigte grohe Begabung. In seiner Jugend war er Mitarbeiter der polnischen Zeitung „Wilenski Dniewnik". Nach dem Aufstand im Jahre 1863 ging er zu den Russen Wer, wofür ihn das polni'che Gericht zuln Tode vemrteilte. Mit Hilfe der Frau eines der Gerichtsherren entfloh er aus dem Gefängnisse an dem Tage, da das Urteil hätte vollstreckt werden sollen. Lewanda blieb bis an sein Lebensende ein treuer Jude und schloh sich nach den Pogromen in den 80 er Jahren den Chowewei Zion an. Eine Handschrift aus der Zeit der Hasmvnäer. Eine englische Revue bringt die überraschende Mitteilung, dah in Damaskus einige Blätter einer alten Handschrift gefunden wurden, die aus der Zeit der Hasmonäer stammen und Mitteilungen über die Geschehnisse jener Zeit enthalten. Vorläufig konnten bloß 60 Blätter der auf Pergament geschriebenen Handschrift sichergestellt werden. Die Schrift ist die althebräische Quadratschrift, Ähnlich der Schrift der Samarier. Der ganze Inhalt konnte bisher noch nicht festgestellt werden, weil die Schrift auf dem halbverfaulten Pergament schwer zu entziffern ist. Bis jetzt ist es bloh gelungen, die erste Seite vollständig zu entziffern. Hier befindet sich auch eine Stelle, die lautet: ..Und auch Antiochus, der König von Aram, und nach ihm werden auch die übrigen Könige Antiochus genannt; auch Ehuniw, der Sohn des Iadua, der Vater des Simon ..." Auf der letzten Seite befindet sich das Datum, das dem Jahre 268 vor der christlichen Zeitrechnung entspricht. Die Handschrift wäre demnach 2178 Jahre alt. und es ist kein Zweifel, dah, wenn die vollständige Lösung der Handschrift gelingt, sie uns noch manche wichtige Aufschlüsse aus der Zeit der Hasmonäer liefern wird. Der Kultusvorstand in Czernowitz und der jüdische Arbeiterbildungs Verein. (E i n g e s e n d e t.) Die Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift" wird um Aufnahme folgender Mitteilung ersucht: Folgender Aufruf ergeht an die jüdische Bevölkerung in der Bukowina: An die jüdische Bevölkerung! Im Jahre 1900 schuf die jüdischnationale Verbindung „Zephira" die Einrichtung der Arbeiter- Bildungskurse, um einer großen Zahl jüdischer Analphabeten die unentbehrlichsten Kenntnisse zu vermitteln und durch Hebung des geistigen Niveaus des jüdischen Arbeiters und Handwerkers zur Kräftigung seiner wirtschaftlichen Stellung beizutragen. In diesem Jahre hätten diese Kurse in das zehnte Jahr des Bestandes treten sollen. Bedauerlicherweise können sie aber heuer nicht abgehalten werden. Die Kultusgemeinde in Czernowitz, welche diese Institution durch neun Jahre in Pflichtgemäßer und dankenswerter Weise durch eine Subvention unterstützt und vor allem durch Ueberlasiang der Klassenzimmer in der jüdischen Gemeinde-Volksschule ermöglicht hatte, hat uns für dieses Jahr die Unterrichtslokaliläte« nicht gewährt. Lediglich aus diesem Grunde muß die Abhaltung der Arbeiterkurse, welche wie alljährlich Ende November hätten eröffnet werden sollen, in diesem Jahre unterbleiben. Statt der üblichen Ankündigung übergeben wir diese Mitteilung der jüdischen Oeffentlichkett und im Besonderen den jüdischen Arbeitern und Handwerkern. Auch einer zwetten ähnlichen Zielen dienenden Institution unserer Verbindung hat die Czernowitzer Kultusgemeinde ihr bisheriges Wohlwollen entzogen. Die Verbindung gedachte nämlich auch in diesem Jahre imBertrauen auf die seitens der Repräsentanz der Judengemeinde Czernowitz im Jahre 1906 öffentlich gemachte Zuficherung, daß das damals im Bau befindliche „Jüdische Haus" eine Pflegestätte aller jüdischen Kulturbestrebungen sein werde, den Vortrags-ZykluS wie bisher im „Jüdischen Hause" abzuhalten. Die uns erteilte Zu sicherung, für diese Borträge gegen Leistung des verlangten Betrages den Saal des „Jüdischen Hauses" benützen zu dürfen, ist kurze Zeit vor Eröffnung des Vortragszyklus zurückgezogen worden. Dadurch find aber die Vorträge glücklicherweise nicht unmöglich gemacht worden. Dank dem Entgegenkommen des Vorstandes des „Christlich-deutschen Vereines" finden dieselben nunmehr im Festsaale des „Deutschen Hauses" statt. Für die jüd.-nat. akad. Verbindung „Zephira" : cand. jur. Mordko Rothfeld, derzt. Präses Antisemitische Preßbübereieu. Für die arische Moral ist nichts so bezeichnend, als die Gewiffenlofigkeit, mit welcher antisemitischerseits Pceßerzeugniffe unter jüdischer Flagge fabriziert und, als angeblich von Juden ausgehend, in die Welt hinausgesendet werden. So haben antisemitische Skribenten eine Rede Sir Moses Montefiores, eine Rede Adolphe Crömieux, einen Brief des Grafen Wimpfen über Baron Hirsch und zahlreiche andere Falfifikate nacheinander fabriziert. Die antisemitische Pseudographie umfaßt bereits eine ganze Literatur. Diese ltterarischen Bubenstücke haben dieser Tage eine doppelte Bereicherung erfahren: Der »Dziennik Poznanski«, das in Posen erscheinende Organ der preussischen Polen, und nach ihm zahlreiche andere polnische und russische Blätter veröffentlichten einen Aufruf, welchen der zionistische Zentralverband in Paris an die Juden in Galizien und Ungarn erlassen hat. Der Aufruf soll lauten: »Brüder, Glaubensgenossen! ln der ganzen Welt gibt es kein Stückchen Erde mehr, das wir so leicht in unsere Hände bekommen können wie Galizien und Ungarn. Diese beid >n Länder müssen unser sein und alle Verhältnisse kommen uns dort zustatte i. Wendet alle eure Kraft an, um soviel Boden als möglich zu erwerben. Wenn es euch an Geldmitteln fehlt, so wendet euch an uns und wir werden euch die erforderlichen Summen zur Verfügung stellen. Wir haben Sammlungen für diesen Zweck eröffnet und die Gelder fliessen bei uns von allen Seiten reichlich ein. Behaltet das Ziel gut im Auge und ihr werd;t es erreichen. Der zionistische Zentralverband in Paris«. Das Judenelend in Galizien ist geradezu himmelschreiend, alle jüdischen Kreise des westlichen Judentums werden zur Hilfeleistung für die notleidenden Juden in Galizien aufgerufen. Tausende und Tausende wandern jährlich nach Amerika aus. Nun wird im Namen der Juden Galizien als ein neues Palästina gepriesen- und Juden sollen keine geringere Absicht hegen, als Galizien und Ungarn in ihre Gewalt zu bekommen. Ein ähnl ches literarisches Machwerk war in der von dem Berliner Verlage S. Fischer herausgegebenen Monatsschrift »Neue deutsche Rundschau« zu lesen: »Bis tief unter die konservativen Elemente des Landes — des Hinterlandes — haben sich die kapitalistische Stimmung und Wertungsart eingefressen; auch dort hat man sich daran gewöhnt, ohne Blinzeln dem Kapitalismus ins goldgeschminkte Antlitz zu schauen. Und da auf dem modernen, marktlüsternen, von den Grossbanken gesteuerten Kapitalismus die Finanzkraft des S'aates und der so heiss ersehnten Weltmacht beruht, darf man, ohne sinnlos zu faseln, nicht sagen: der Jude, der Kapitalist par excellence, sei ein staatsfeindliches Element. Im Gegenteile: er ist weit mehr staatserhaltend als staatsfeindlich, vulgo sozialdemokratisch. — Darum ist der Jude als Grossbänker, Grosshändler, Grossreeder, als Finanzier aller Kollektivbedürfnisse zwar nicht der offizielle Politikus, wenigstens nicht in dem noch vom Beamtentyp geleiteten Staate, aber hinter den Kulissen ist er ojme Unterlass tätig und unentbehrlich: er ist der eigentliche Drahtzieher und Akteur, klug genug, die dekorative Geste anderen zu überlassen.