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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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w‘m*sszzr--*mm Seite 22 Dr. Blocks Wochenschrift. Nr. 2 Auswanderungsagenten in der unverschämtesten Weise ausgebeutet, wenn nicht gar um ihre paar Hungergroschen betrogen. Diesen gewissenlosen Individuen könnte man das Handwerk legen, wenn man die Emigranten aus einer ffopflos fliehenden Herde zu reisendem Publikum erzieht, wenn man sie gewöhnt, sich an die autorisierten Zentralstellen um Hilfsmittel und Auskünfte zu wenden. Durch eine solche Einführung könnte vor allem eines erreicht werden: Die Ausstellung von Pässen durch die russische Regierung. Die Opfer der Auswanderungsagenten werden besonders jene Emigranten, welche keine Pässe haben und daher unter Lebensgefahr über die Grenze geschmuggelt werden müssen. Wie jedoch bekannt ist, will die russische Regierung die Auswanderung von Juden offiziell unterstützen, hat sogar einmal den Vorschlag gemacht, pro Kopf eine Auswanderungsprämie zu zahlen. Bei so vieler Liebe wäre es wahrscheinlich ein Leichtes, in offizieller Verständigung mit der Zentralstelle die notwendigen Papiere für jeden Europamüden zu erhallen. Die Zentralstelle würde auch Pauschalpreise für den Eisenbahntransport ermöglichen, die V^pfbguug und Unterkunft menschenwürdig gestalten, eine Vorhalle für Amerika schon in Europa beginnen lassen. An diesem Projekt arbeiten zwar schon mehrere Organisationen, aber sie haben durch ihr getrenntes und eigenmächtiges Vorgehen nicht die richtige Wirksamkeit. Nur eine grobjüdische Organisation kann nach allen Sktten die Kraft haben, gehört, respektiert, von den jüdischen Massen und den Regierungen benützt und ausschließlich anerkannt zu werden. Zu dieser Aufgabe ruft uns jetzt dringend das Kartell der Schiffahrtsgesellschaften! Mit bestem Dank für die Aufnahme dieser Anregung der Redaktion ergebener Dr. K. R. Vom Aabrmarkt des Lebens. Der Bürgermeister von Rom und Dr. Steinwender Mit dem Antisemitismus geht es entschieden bergab. Herr Dr. O. Steinwender hat ihm ostentativ den Rücken gekehrt. Man muß sich an einige historische Daten erinnern: Am 8. Oktober 1886 hielt Abgeordneter Dr. Steinwender in einer Versammlung des „Deutschen Vereines" eine Rede über die Verstaatlichung der Nordbahn, welche er mit nachstehenden Worten einleitete: „Vor mehr als anderthalb Jahren fand in diesem Saale eine Versammlung zur Besprechung der Nordbahnfrage statt, welche spater zur Schädigung des Staates und der öffentlichen Moral für Rothschild und Konsorten entschieden wurde und zwar mit Hilfe einer verderbten, käuflichen Preffe, wie wir sie eben in Oesterreich haben." Herr Dr. Steiuwender schilderte all die kleinen und großen Mittel, durch welche die öffentliche Preffe demoralisiert wird und sagte: „Das JnteratengesLäst ist eine Form der Bestechung, der man nicht an Len Leib kommt. Em Blatt, welches Pauschalien von Banken und Eisenbahnen genießt, kann sich nicht lange einbilden, frei zu sein, und muß dahin kommen, entweder auf seine Unabhängiokeit oder auf die Pauschalien zu verzichten. Sie werden in diesen Tagen in den Blättern große Inserate über die Dombau-Lose gefunden haben. Eine Zeitung, welche solche sehr gut gezahlte Inserate bringt, ist nicht imstande, im volkswirtschaftlichen Teile gegen die Ausbeutung des kleinen Publikums aufzutreten." Heute ist Dr. Otto Steinwender zwar auch einer der Vizepräsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses, aber auch der ständige Leitartikler des „Neuen Wiener Tagblattes". Dr. Otto Steinwender, welcher sich gerne den „ersten Antisemiten Oesterreichs" nennen laßt, hat einmal in einer Wählerversammlung beim „Wilden Mann" in Währing, November 1891, bei welcher fünf Berichterstatter liberaler Blätter aus dem Saale hinausbefördert wurden, wörtlich gesagt: „Man solle sich endlich abgewöhnen, immer wieder die Frage aufzuwerfen, ob die Juden wirklich schlecht und all jener Verbrechen schuldig seien, deren man sie anklagt. Es genügt, daß sie Juden sind." Herr Steinwender war jetzt in Rom und er konnte sich nicht enthalten, dem gegenwärtigen Bürgermeister der ewigen Stadt, Herrn Ernesto Nathan, seine Reverenz zu machen. Bürgermeister Nathan ist nicht ein Mann nach dem Herzen der Juden; feine Reden gegen den Papst haben in jüdischen Kreisen nicht bloß stille Mißbilligung gefunden, sondern auch vielfache öffentliche Proteste jüdischer Korporationen hervorgerufen. Für den internationalen Antisemitismus gilt Ernesto Nathan als Jude, er wird als solcher wegen seiner jüdischen Abstammung und wegen seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volke blutig gehaßt, beschimpft und verfolgt. Diesen jüdischen Bürgermeister von Rom — Ironie der Weltgeschichte — stattet Vizepräsident Dr. Otto Steinwender aus Wien einen Besuch ab. Darin offenbart sich der Wandel der Zeiten. Für die politische Karriere ist der Antisemitismus kein Element der Macht mehr und keine unbedingte Voraussetzung. Ueber den Besuch Dr. Steinwenders beim Bürgermeister Nathan liegen folgende Meldungen vor: Rom, 7. Jänner. Bürgermeister Nathan gab gestern zu Ehren des in Rom anwesenden Vizepräsidenten des österreichischen Reichsrates, Dr. O:to Steinwender, ein Diner, an welchem viele einflußreiche Staatsmänner Italiens teilnahmen. Bürgermeister Nathan toastierte auf die Freundschaft mit Oesterreich und mit den liberalen deutschen Abgeordneten^des Reichsrates. Dr. Steinwender dankte mit herzlich bewegten Worten und ließ die Möglichkeit durchblicken, daß seine Freunde anläßlich der diesjährigen Jubelausstellung eine Romfahrt iv corpore antreten könnten. Der Toast wurde mit rauschendem Beifall ausgenommen. Der „Messaggero" meldet hiezu: „Der Vizepräsident des Reichsrates Dr. Otto Steinwender hat den Bürgermeister Nathan gestern besucht und wurde von diesem zu einem Dejeuner eingeladen, bei welchem Dr. Steinwender herzliche Wünsche für das Gelingen der römischen Jubelausstellung aussprach und dem Bürgermeister der freudigen Zustimmung Oesterreichs versicherte." Eine internationale Aktion über die Auswandernngsfrage. Die traurigen Vorgänge in London, an denen, wie die Untersuchung allmählich feststellt, Juden bloß als Opfer, nicht aber aktiv teilgenommen .haben, haben in der gesamten englischen Presse wieder ein Echo gesunden, das besonders für die Juden der östlichen Staaten Europas von großer Bedeutung werden kann. Die meisten Blätter verlangen .die weitestgehende Verschärfung des ohnehin f chon stark prohibitiven Fremdengesetzes und die strengere Ueberwachung der Einwanderung. In diesem Zusammenhänge gewinnt .eine Anregung der durchaus nicht judenfreundlichen Londoner „Times" besondere Bedeutung. Die „Times" meinen ganz richtig, daß es ungerecht und deplaziert wäre, die jüngsten Vorfälle .dazu zu benützen, um gegen die Traditionen des freien England zu unwürdigen Maßregeln zu greifen. Viel wichtiger wäre es, wenn die englische Regierung die Gelegenheit ergreifen und V ei den übrigen Staaten eine intemationale Enquete über die Auswanderung ihre wahren Ursachen und Folgen anregen und durchsetzen würde. Es sei immerhin ein großer Unterschied, ob-jemand bloß deshalb auswandert, weiler es anderswo etwas besser hat, oder deshalb, weil die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in seinem Lande ihm sein Verbleiben unerträglich und un- «möglich ^machen. Von der historisch-ethnographischen Gesellschaft in Petersburg. In der letzten Sitzung der historisch-ethnographischen Gesellschaft in Petersburg hielt nach einem warmen Nachruf1 lauf den verstorbenen Begründer der Gesellschaft Baron David Günzburg Dr. I. L. Kantor einen lehrreichen Vortrag über seine „Erinnerungen an das jüdische gesellschaftliche Leben der 80 er Jahre in Petersburg". Er

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