Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021929--19875-3044882- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. l Dr. M»chs Wochieufchrift. :@eite 17 Feuilleton. Der Tanfroman eines russisch-jüdischen Mädchens in Jerusalem. Äuf Crind persönlicher Erlebnisse dargcflellt von Phil. Kieserrüorf (Fortsetzung.) Als die Mutter und ihre drei Begleiter um die bestimmte Stunde auf dem russischen Konsulate auf dem großen russischen Platze angekommen waren, setzten sie sich 'zusammen, da sich weiter niemand um sie bekümmerte, auf eine Holzbank im Korridor und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Nach Verlauf einer Stunde, während welcher die drei unverdrossen auf ihrem Sitze ausgehalten, rasselte endlich eine von einem Säbel beschwerten und in Staatsuniform prangenden Kawafsen begleitete, dicht verschlossene Droschke in den Hof, welcher zwei dicht vermummte russische Nonnen und das ebenfalls tief in Nonnenkleider eingehüllte jüdische Mädchen entstiegen. Als die Mutter der Tochter ansichtig wurde und dieselbe mit den Nonnen und dem Kawassen an ihr im Korridor vorüberschritt, wollte sie derselben in der ersten freudigen Erregung und dem stürmischen Drang ihres Herzens um den Hals fallen, wurde aber sofort von dem eben angekommenen und den anderen anwesenden russischen Kawassen, die jetzt erst die Unglückliche zu bemerken schienen, zurückgehalten und an ihrem Vorhaben gehindert, während die Nonnen im Nu mit dem Mädchen unter der sofort sich wieder fest schließenden Türe des Arbeitszimmers des Konsuls verschwanden. Die Mutter und ihre beiden Begleiter hofften jetzt auch voll Verlangen und Ungeduld, jeden Augenblick hineingerufen zu werden, aber der Zeiger auf der Uhr rückte weiter und weiter gegen Mittag zu, ohne daß sich wieder jemand um die Harrenden weiter bekümmerte. Endlich, nach Verlauf einer längeren Zeit, zeigte sich der Kopf des Konsuls in der geöffneten Türspalte, und die im Korridor auf glühenden Kohlen Sitzenden glaubten nun endlich den Augenblick gekommen, zur Aussprache und Verhandlung gleichfalls in das Zimmer gerufen zu werden. Aber weit gefehlt, sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Konsul sagte nur ganz kurz angebunden zu der Mutter : „Ihre Tochter will getauft werden und nichts mehr von Ihnen wissen", und versuchte eben, so rasch wie er die Worte gesprochen, wieder hinter der Türe zu verschwinden. Aber der Konsul hatte noch kaum seine Worte beendet, als die Mutter, wie von einer Viper gestochen, bliitzschnell von ihrem Sitze aufsprang und hinter ihm drein in das Zimmer zu drängen suchte und mit laut erhobener Stimme Einlösung des gegebenen Versprechens verlangte, die Tochter selbst zu sehen und zu sprechen. Auf das ungestüme Drängen der Mutter ließ der Konsul dieselbe zufetzt auch eintreten, dagegen verweigerte er den jüdischen Männern, ihren Begleitern, energisch den Zutritt. Aber auch die Mutter durste sich der Tochter nicht völlig nähern und sich mit derselben nur in russischer Sprache und nicht im jüdischen Jargon unterreden, damit dem Konsul kein Wort ihrer Zwiesprache entgehen könne. So bat denn die Mutter die Tochter flehend, mit ihr wieder nach Hause zuriickzukehren, oder, wenn es ihr zu Hause nicht gefalle, ihren Vorschlag anzunehmen und nach Amerika zu dort wohnenden Verwandten zu reisen, nachdem sich schon Freunde und Bekannte in Jaffa und Jerusalem erboten hätten, das für die Aeberfahrt nötige Fahrgeld beizusteuern. Die Pfaffen, Nonnen und der Konsul hatten aber das unselbständige, furchtsame und willenlose Mädchen bereits so eingenommen und eingeschüchtert, daß es alle Vorstellungen und Bitten der Mutter mit den gleichen kurz vorhin von dem Konsul gebrauchten angelernten Worten zurückwies: „Ich will getauft werden und von euch nichts mehr wissen". Im nächsten Augenblick drängten die mitgekommenen Nonnen das Mädchen auch schon zur Türe hinaus in den Hof, wo sie mit demselben in dem offen gehaltenen verdeckten Wagen wieder verschwanden und mit Windeseile davonjagten. Der Eindruck dieser niederschlagenden Szene auf die schon unsäglich duldende, leiblich und seelisch fast gänzlich gebrochene Mutter, welche nach dieser Begegnung mit der Tochter auch den letzten schwachen Hoffnungsschimmer, der noch matt in ihrem Herzen leuchtete, mit einemmale grausam vernichtet sah, war ein ganz furchtbarer und schrecklicher. Mit einem das ganze Konsulatsgebäude durchhallenden. Mark und Bein erschütternden, schrillen und gellenden Schrei fiel die völlig fassungslose, entkräftete, unglückselige Frau, von einer tiefen Ohnmacht ergriffen, wie tot auf die Dielen des Konsulatszimmers zur Erde nieder. Auf den gräßlichen und entsetzlichen Schrei der Frau drangen dann sofort ihre noch immer im Korridor wartenden jüdischen Begleiter in das Zimmer, trugen die arme elende Frau, um die sich auch jetzt niemand sonst auf dem Konsulate weiter bekümmerte. aus dem Zimmer an die Luft und ins Freie und bemühten sich, die gänzlich Bewußtlose wieder ins Leben zurückzubringen. Nachdem sich die Unglückliche unter der sofort aufgewendeten Pflege von dem erlittenen schweren Schlage wieder ein wenig erholt hatte und zu sich gekommen war, wurde sie von den Männern in das jüdische Hotel zurückgebracht, wo ich sie am Nachmittag desselben Tages in einem solchen elenden körperlichen Zustande fand, so daß zu den schlimmsten Bedenken und Besorgnissen Veranlassung gegeben war. Beim Anblick der neuen entsetzlichen Leiden der tief bejammerns- und bsmittleidenswerten Frau und beim Anhören der Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und Barbarei mit der man sie auf dem russischen Konsulate behandelt, wo man die mir förmlich gegebenen Versprechungen und Versicherungen nicht im geringsten in Anschlag gebracht und eingehalten hatte, kochte es mir jetzt auch gewaltig in der Seele, wußte aber zunächst noch nicht recht, wie ich meinem Proteste gegen dieses gänzlich gesetz- und gewissenlose Verfahren den kräftigsten Ausdruck geben sollte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Kutzsche M, Uebungen im richtigen und gefälligen Gedankenausdrucke. Leipzig 1910. Otto Wigand. M. 1.80. Das Bach ist trotz Wustmann, Heintze usw. für jeden deutsch Redenden oder Schreibenden geradezu unentbehrlich. Dort» wo Zweifel walten, findet man hier einleuchtenden Rat. Es gibt kaum einen befferen Spiegel für die sprachlichen Ungereimtheiten, die selbst in sogenannten „Weltblättern" alltäglich find. R. Lebeusbücher der Jugend. Herausgegeben von Dr. Fr. D ü s e l. Verlag von George Westermann in Braunschweig. M. 3 bis 3. Von dieser herrlichen Jugendlektüre, die wir bereits früher in diesem Blatte gewürdigt haben, liegen jetzt wieder drei überaus gelungene Proben vor. Irvings Astoria zeigt, mit welchem Geschick und sicherem Griff der Herausgeber der deutschen Jugend-Perlen aus der Literatur anderer Völker auswählt, die auf ihrem Mutterboden längst das Anrecht auf Klassizität errungen haben. Es ist ein amerikanisches Buch im besten Sinne des Wortes. Diese Geiftesauffrischung tut uns not und gut. Das Buch über den Grafen Zeppelin bedarf keiner rühmenden Worte. Heißhungrig wird unsere „Zukunft" danach greifen. Köstlich, in ihrer Art einzig find die berühmten „Hosen des Herrn von Bredow, in launigstem Gewände ein Stückchen nackte Wahrheit über die Geschichte unseres Adels, wie sie den Kindern auf der Schulbank selten so unverblümt geboten wird. Die Ausstattung der billigen Lände ist üppig zu nennen. x. Charles Dickens, Die Pickwickier. Roman in zwei Bänden. Deutsch von Gustav Meyrink. Geheftet M. 6.—, in zwei Pappbänden M. 8.—, in zwei Halbfranzbänden M. 13.—. Verlag von Albert Langen in München. Meyrink, drssen feine Kunst der Uebersetzung anläßlich der früheren Bande dieser neuen Dickens-Ausgabe mit nahqu bewun-