Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 iaieKxaasixmmBBSzsassasi^iwiSXSj^tSBSmäiSCSjee£SESM Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 10 Daß zu all dem Geld, viel Geld, daß Millionen hiezu gehöre», ist einleuchtend. Die Beschaffung dieser Mittel und eine eingcheude Prüfung der Finanzlage wird Ihrer Beschlußfassung unterbreitet werden. Auch eine Aenderung des Statutes steht schon seit mehreren Jahren in Beratung. Die Angelegenheit hat den Vorstand in der abgelaufenen Periode intensiv beschäftigt. In der für die Borberatung eingesetzten Kommiffion, dem Vertreterkollegium und selbst dem Plenum sind Beratungen gepflogen, zum . Teile sogar auch schon Beschlüffe gefaßt worden. Zu einer endgiltigen Erledigung ist es bisher nicht gekommen. Wie lange es bis zu einer solchen noch dauern wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob der derzeitige Vorstand die bisher auf Grund eingehender Erwägungen nach langen Vorberatungen gefaßten Beschlüsse akzeptiert oder aber diesbezüglich einen anderen Standpunkt einuehmeü wird. Wenn die vorstehend angeführten Angelegenheiten in der bevorstehenden Seffion zur Durchführung gelangen werden, so wird diese Periode eine der arbeitsreichsten und auch für die fernere Zukunft der Gemeinde bedeutsamsten gewesen sein. Um all dies zu bewältigen, ist aber die intensivste Mitarbeit jedes einzelnen Vorstandsmitgliedes notwendig und in dem Sinne lade ich alle zu gemeinsamer Arbeit ein. Herr Dr. Jakob Engel dankt namens der neugewählten Vorstandsmitglieder dem Präsidenten für die herzliche Begrüßung uud gibt namens derselben die Erklärung ab, daß jeder von ihnen bestrebt sein wird, nach seinen Kräften an den Arbeiten des Vorstandes mitzuwirken. Bei der hierauf folgenden Konstituierung des Kultusvorstandes werden gewählt mit 1 jähriger Mandatsdauer: Zum L Vizepräsidenten der bisherige I. Vizepräsident Herr Dr. Gustav Kohn. Zum II. Vizepräsidenten der bisherige II. Vizepräsident Herr l 1 Hoftat Dr. Benjamin Rappaport. Bei der Wahl der Mitglieder des Bertreterkollegiums werde» wiedergewählt die Herren: Salo Cohn, Max Frank, Dr. Leopold Kohn, Wilhelm K u ff n e r, Prof. Dr. Josef P o.l l a k, Dr. Markus Spitzer, Dr.- Maximilian Steiner; neugewählt Herr kais. Rat Siegmund K a u d e r s. Sämtliche Herren erklären, die auf sie gefallene Wahl auzuuehmen. Sohin erfolgt die Wahl in die einzelnen Kommiffionen uud Komitees und die Konstituierung derselben. An Spenden find eingelaufen: Von Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern: Als Präsenzgebühr der Pollak Ritter von Rudin'schen Familien-Stiftung für Arme.K 300.— Weiters für Arme je K 100.—, zusammen . . „ 200.— Für den Baufond des Fugbachtempels . . . „ 100.— Kouvalidierung ritueller Ehen. Unter den in Wien lebenden, aus Galizien, Rumänien, Rußland uud Ungar« zugereisten Juden befindet sich eine nicht geringe Anzahl, welche in nur ritueller, das heißt nach den Staatsgesetzen ungiltiger Ehe leben und deren Kinder demnach in den Matrlleu. als unehelich eingetragen werden müffen. Solchen Personen, namentlich aber den Kindern derselben erwachsen ans diesem Umstande mannigfache Unannehmlichkeiten. Da es den betreffenden Personen, die zumeist der ärmeren und ürmsteu Klaffe angehören, an den nötigen Mitteln, oft aber auch au dem nötigen Jntereffe fehlt, durch eine nachträglich gesetzliche Eheschließung ihre Kinder zu legitimieren, hat das Präsidium der Kultusgemeiude im Jntereffe dieser Kinder dem Matrikelamte den Auftrag erteilt, nach Möglichkeit die Kon- Validierung ritueller Ehen durchzuführen oder zu fördern. Das Matrikelamt hat sich zu diesem Zwecke mit den verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten, an welche die in Rede stehenden Personen in der Regel als Bittsteller herantreten, mit der Bitte nm Namhaftmachung solcher Parteien gewendet und sohin in der Zeit vom 1. Jänner bis Mitte November 1910 dreißig Konvalidiemnge« vorgenommen. Die in nicht geringer Anzahl vorhandenen rituellen Ehen verschlechtern aber auch die Statistiken über die Anzahl der unehelichen Geburten sehr zu Ungunsten der Juden, woraus leicht falsche, der jüdischen Bevölkerung ungünstige Schlüsse gezogen werden könnten. Um auch nach dieser Richtung hin möglich Abhilfe zu schaffen, hat das Matrikelamt über Anregung des Sekretärs des „Allgemeinen, österreichischen, israelitischen Bundes", 'Jakob Krausz, in den letzten Wochen die Durchführung von Kon- Validierungen außerordentlich rasch betrieben, damit die sich daraus ergebenden Resultate schon für die im gegenwärtigen Zeitpunkte stattfindende Volkszählung verwendet werden können. Der Verkehr mit den galizischen, ungarischen und rumänischen Behörden und Matrikelämtern wurde meist expreß oder auf telegraphischem Wege durchgeführt; von Wiener magistratischen Bezirksämtern wurden 31 Aufgebotsdispense erwirkt, die trotz mangelhafter Dokumente in bereitwilligster Weise erteilt wurden, Auch die k. k. Statthalterei gab nach gepflogener, mündlicher Rücksprache weitgehende Erleichterungen zur Durchführung einiger schwieriger Fälle und es gelang dem Amte in der kurzen Zeit von Mitte November bis 31. Dezember 1910 noch 31 Ehen zu konvalidieren, aus denen ungefähr 120 Kinder stammen. Unter diesen rituellen Ehen war auch die eines städtischen Bediensteten, der plötzlich schwer erkrankte und daher im Bette getraut werden mußte und dem nunmehr diese Trauung die Zukunft seiner Familie gesichert hat. Auch eine zweite Konvalidirung in Ottakring mußte am Krankenbette vorgenommen werden. Herr Rabbiner Dr. Bach nahm die meisten dieser Kon- Validierungen vor. Der Bericht wird mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Nach Erledigung von Stiftungsangelegenheiten wird die Sitzung um halb 1 Uhr mittags geschlossen. Die Uolksziihlrmg mb die Juden. Im Rahmen des von der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" veranstalteten Vortragszyklus sprach am 13. Dezember 1910 Herr Reichsratsabgeordneter Doktor Arthur Mahler im Festsaale des „Niederösterreichischen Gewerbevereines" vor einem zahlreichen und distinguierten Publikum über das Thema: „Die Volkszählung und die Juden." Redner bespracht zunächst die Verfässungskämpfe in Oesterreich, welche, wie überall, auf die Formel reduziert werden können: Sie sind das Streben um die Anerkennung der vollen Gleichberechtigung im Staate und an den Gütern des Daseins. Die wachsende Wertschätzung des Individuums als solchen führt zur Demokratie und zur Verringerung des Wertes, welcher der Geburt und dem Besitze beigelegt wird. Aber während in England als einem im wesentlichen nationalen Einheilsstaate die Religionsdifferenz heute bereits vollkommen in den Hintergrund gerückt ist> erstreckt sich bei uns in Oesterreich diese Differenz auf Nationalität, Klassen- und Religionsunterschiede. Der Artikel 19 der Staatsgrundgesetze zeigt, daß selbst der österreichischen Gesetzgebung vor vierzig Jahren die Größe des Problems noch nicht klar war. In unserem Staate geht die Entwicklung unseres gesamten politischen Lebens nach der Seite der Rationalität und so gelangte man zu einer Mechanisierung des Gleichberechtigungsprinzips, die den Staat schädigt und den Nationen nichts nützt, uns Juden aber umbringt. Selbst bei Besetzung der Beamtenstellen verlangt man die Berücksichtigung der nationalen Verhältnisziffern und gelange hierdurch dazu, daß der Staat gewöhnlich in dem Momente, wenn er einen Beamten ernennen will, den er braucht, zumindest noch einen er-