Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021926--19839-3044845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 52 Dr. Bkochs Wochenschrift. Geüe 861 Rabbiner Minor, sein hebräischer Lehrer, erzählte über die Eigenart Tolstois: >,Wir begannen mit dem ersten Buche Mosis und kamen mit einigen Weglassungen bis Issaias, wo wir das Lernen unterbrachen. Die Prophezeiung über den Messias — das war alles, wessen er bedurfte. Er kannte auch etwas Talmud. In seinem Durste nach Wahrheit fragte er beinahe in jeder Unterrichtsstunde über die moralischen Anschauungen des Talmud und über die Erklärungen desselben zu verschiedenen Bibelstellen aus....“ Kelbstbenmßtleiir. Alljährlich tritt um diele Zeit eine Erscheinung zutage, die energischesten Widerspruch heraussordert. Wir meinen die beschämende Einführung nicktjüdischer Gebräuche in unser jüdisches Haus. Der Nikolo, der Krampus, der W°ihnachtsbaum, der Sylvestertrubel gehören nicht in unsere Familie. Alle diese Gebräuche find den Christen heilig und teuer und achten und würdigen wir das relig'öse Gefühl der Andersgläubigen. Wir find nicht engherzig und sprechen den Frommen und Gerechten aller Völker die ewige Seligkeit nicht ab. Diese Gebräuche jedoch find spezifisch christlich. Jeder Rechtdenkende muß dieses Hereinziehen des Fremden als Unfug bezeichnen. Unser Stammvater Jakob sagte zu Elan: bz 'b w „Ich habe alles" und das gilt für Israel zu allen Zeiten. Wir haben alles, um das Herz unserer Kinder für den Glauben, für das Volk, für unsere Geschichte zu erwärmen. Wir besitzen solche Reichtümer für Geist und Herz, daß die Völker seit den ältesten Zeiten davon zehren. Sie haben ihre Kultureinrichtungen, ihre Moralqesetze, ihr religiöses Leben auf unserer heiligen Schrift aufgebaut und begründet. Wir haben es nicht notwendig, bei denen, die von uns gelernt haben, eine Anleihe zu machm, um unsere Kinder zu erfreuen. Wer in die jüdische Familie, in das empfängliche Herz des Kindes das fremde Feuer pflanzt, wundere sich nicht, wenn der Feuerbrand alles Jüdische verzehrt und vernichtet und unsere Kinder dem Ansturm von Außen nicht standhalten. Da sinnt man auf Abwehr der Taufbewegung und bedenkt nicht, daß hier die Wurzel des Uebels zu suchen ist. Darum fort mit den fremden, nichtjüdischen Gebräuchen aus unserem Hause und * Rückkehr zu gesunden Verhältnissen. Dazu gehört noch ein wichtiger Umstand. In den „besseren" Familien nimmt man prinzipiell keine jüdischen Hauslehrer und Hofmeister, christliche Erzieherinnen lenken das Gefühlsleben der Kinder in ganz andere Bahnen. Folgender Vorfall, der als typisch gelten kann. Ein kleines, jüdisches Mädchen fragt den Religionslehrer, der ins Haus kommt: „Herr Lehrer, ist es wahr, daß die Juden schlechte Menschen find?" — „Aber liebes Kind, woher weißt Du denn das?" — Antwort: „Mein Fräulein (nämlich die Erzieherin) hat es mir gesagt." Der Religionslehrer macht die Mutter des Kindes pflichtschuldigst darauf aufmerksam, Wirkung : Der Religionslehrer wird verabschiedet, weil er zu zelotisch ist. — Folgende Anzeige in der Zeitung: „3E. D. (jüdischer Name), P. Z. (detto), Verlobte,- Wien, Tarnow, Weihnachten. — Eine böhmische Zeitung schrieb vor einiger Zeit: „Christen, schaffet Euch für Weihnachten etwas anderes an, denn die Juden zünden unsere Weihnachtsbäume an!" Muß da nicht jedem von uns, sei er Orthodoxer oder Freidenker, die heiße Schamröte ins Gesicht steigen ob diesem gänzlichen Mangel an Selbstbewußtsein und Würde? In unsere jüdischen Häuser muß wieder der jüdische Geist einziehen, darum fort mit dem fremden Feuer. „Geh' zu den Müttern!" mahnt uns ein berühmter Weiser. Wir wenden uns deshalb an die Mütter, denn in ihrer Hand ruht der größte Teil der Erziehung, sie üben den größten Einfluß auf das Kind und sein Gemütsleben. Der Ausdruck „Römer bin ich" bildete den Inbegriff des Höchsten für den Bürger des römischen Reiches. Und doch gründete sich der Stolz des Römers nur auf die Macht, auf die rohe Gewalt der Waffen. Der Name Israel ist aber der Inbegriff des Höchsten, Erhabensten, der geistigen sittlichen Größe. Jüdische Mutter, es ist eine Ehre für unsere Kinder, diesen Nrmen zu tragen. Geben wir unseren Kindern das jüdische Sübstbeuußtsein, bilden wir sie zu Charakteren. Auch als Jude kann man es zu einer geachteten Stellung bringen; es gibt berühmte, jüdische Gelehrte, Künstler, Techniker usw. Denen hat die Zugehörigkeit zu unserem Volke nichts von der allgemeinen Hochachtung und Anerkennung genommen. Man liebt vielleicht den treuen Juden nicht, aber man verachtet doppelt und dreifach den charakterlosen, der sein Volk und seine Religion im Stiche läßt. Erziehen Sie deshalb unsere Söhne und Töchter zu glaubenstreuen, selbstbewußten Mitgliedern unseres Volkes l Diese werden uns dafür heißen Dank zollen. Oberlehrer Jakob Kohn. Korrespondenzen Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim. Am 26. Dezember wurde im Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnmheim das Chanukafest in feierlicher Weise begangen. Demselben wohnte nebst dem Vereinsvorstande eine große Anzahl von Gästen, darunter Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Grunwald, Herr Oberkantor Don Fuchs, Herr Gemeinderat Ernst N e u st a d t l, der Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift" Herr Dr. Josef Bloch, die Präsidentin des Vereines „Zuflucht" Frau Laura Goldschmidt, die Präsidentin des Brigittenauer Fr.-W.-B. Frau Dr. Emilie Weiß mit der Vizepräfi^entin Frau Marie Kohn, sowie zahlreiche Delegierte verschiedener Wohltätigkeitsvereine bei. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Bereinspräfidenten kais. Rat Dr. Krüger brachte Herr Oberkantor Don Fuchs in gewohnter künstlerischer Weise den gesanglichen Teil der Feier zum Vortrage, worauf Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Doktor Grunwald in zündender Rede die Bedeutung des Chanukafestes besprach und zum Schluffe der unvergeßlichen Verdienste der verstorbenen Gründerin des Heims Frau Berta Krüger gedachte Nach dem Vortrage eines auf das Chanukafrst bezughabenden Gedichtes durch einen ehemaligen Schützling des Vereines gelangten zwei unter der Leitung der Schriftführerin des Vereines Frau Dr. Lina Weiß einstudierte Lustspiele „In der Kochschule" und „Das vierblättrige Kleeblatt" in außerordentlich gelungener Weise von Schützlingen des Heimes zur Aufführung, worauf sämtliche Schützlinge mit einem reichlichen Abendessen und verschiedenen Geschenken bedacht wurden. Die schöne Feier hat auf Groß und Klein einen tiefen Eindruck gemacht und neuerlich bewiesen, von welch' hohem Ernste die Leitung des Vereines bei der Verfolgung seiner wahrhaft segensreichen Tätigkeit erfüllt ist. Der VolksKhlungsskandak in Lemberg. In Lemberg herrscht große Aufregung. Die galizischen Iuden sollen gezwungen werden, falsche Angaben bei der Volkszählung über ihre Umgangssprache zu machen. Die Zionisten und jüdische Sozialisten wie auch Poale- Zionisten haben dafür agitiert und große Versammlungen abgehalten, daß man bei der Konskription Umgangssprache: jüdisch angebe. Dagegen hat der Statthalter Bohrynski einen Erlaß publiziert, daß wer jüdisch schreibt, auf Grund des 8 30 einer Ministerialverordnung aus dem Iahre 1869 (20. August) mit 2—-40 Kronen bestraft und die Umgangssprache sodann als polnisch oder ruthenisch eingeteilt wird. Ferner sollen solche Iuden, welche es wagen, eine jüdische Umgangssprache zu notieren, den politischen Behörden prä notiert, d. h. zum Zwecke der Verfolgung und politischen Persekutionen vorgemerkt werden. Infolge dieses Erlasses bemächtigte sich der Lem-