Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 843 jedem Betrachte ein wahrer Segen und verspricht es in noch viel höherem Grade zu werden. Das Institut ist direkt eine Entlastung der Wiener Anstalt. Wer es unterstützt, tut ein wahrhaft edles Werk, wer es fördert, dient indirekt unserer Anstalt und unserer Gemeinde. Das Institut in Jerusalem entspricht allen Anforderungen. Es wird jetzt von ungefähr 40 Zöglingen besucht. Die Lehrgegenstände find: Religion md Hebräisch; die Lehr- und Umgangssprache des Hauses., ist die hebräische; Deutsch; Geographie und Geschichte, besonders die Palästinas; Naturlehre. Es werden dreierlei Blindenschriften gelehrt. Die Brill'sche, nach der auch Hebräisch gelehrt wird, ein System, das von „the British and Foreign Blind Association“ in London angenommen ist. Die Klein'sche Stachelschrift und die Heboldschrift. Ferner werden Mufik und Gesang eifrig gepflegt. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Handwerk gewidmet. Tüchtige Korbflechter, Bürstenmacher, Stuhlflechter und Strumpfstricker gehen aus der Schule hervor. Ausgestattet mit tüchtigem, religiösem und profanem Wissen, gerüstet für den im heiligen Lande doppelt schweren Daseinskampf, treten fie hinaus ins Leben. Gut jüdisch erzogen, als tüchtige Kenner der hebräischen Sprache find diese Schüler blinde, aber nicht stumme Zeugen der Tüchtigkeit unseres Stammes und Glaubens und beredte Werber und Verkünder des Institutes, dem fie ihre Rettung danken. Kein größeres Heil vermag man diesen Aermsten zu spenden, als sie geistig sehend zu machen und fie also der Finsternis zu entreißen und zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen. Und wir haben die Pflicht, unserer armen Blinden im Heiligen Lande uns anzunehmen. Gerne führt man als Einwand an: wir haben bei uns Elend und Sorge genug. Ich weiß es. Habe tagtäglich genug des Elends vor Augen und Kummer genug, die Bittenden zu befriedigen. Seit wann aber hat unser Herz aufgehört, für das Elend im heiligen Lande doppelt warm zu schlagen und zu empfinden: seit wann macht unsere Solidarität wenigstens gegenüber der Armut und der Krankheit vor Jerusalems Mauern Halt?! —Das Blindeninstitut in Jerusalem kämpft einen schweren Kampf. Und wir dürfen die Wackeren nicht verlassen, die ihn kämpfen. Es ist mir gelungen, eine Anzahl Mitglieder zu gewinnen; zu wenig, viel zu wenig. Männer von Namen haben sich der Sache angenommen. Die Herren Prof. Dr. K ö n i g st e i n, Direktor Heller, Bankier Tugendhat, Herr Privatier Ignatz B a ck, Dr. L a u b u. a. m. interessieren sich dafür. Einer der Leiter der Anstalt, Herr Nahum Nathansohn ist augenblicklich in Wien und versucht, Gönner zu gewinnen. Der Ruf wird nicht verhallen. Herr Bankier Tugendhat (IX., Frankgasse 4) nimmt bereitwillig Spenden entgegen. Kommet, ihr Sehenden und helfet dem Israelitischen Blindeninstitut zu Jerusalem woher das Licht der Welt gekommen ist, das Licht der Lehre, der Wahrheit und der Liebe. Zeigen wir uns dankbar. Wir statten nur eine alte Schuld ab. Oder find uns die Bettler aus Palästina willkommener als die Geretteten und Ausgerichteten? Ich bitte Brüder um Hilfe für Brüder. Hundert jüdische Kinder christlich erzogen. Der Vorstand der Krakauer Kultusgemeinde hat in einer seiner letzten Sitzungen sich mit den Zuständen in der sattsam bekannten Bobreker Findelanstalt beschäftigt. Heber diese stets wichtige und aktuelle Frage hat sich der Vizepräsident der Krakauer Kultusgemeinde Dr. Rafael Landau, ein genauer Kenner der Angelegenheit, einem Journalisten gegenüber folgendermaßen geäußert: Bekanntlich hat die Fürstin Ogniska in Vobrek eine Erziehungsanstalt für Findelkinder errichtet, in welcher ungefähr 500 Kinder erzogen werden. Die Anstalt selbst ist Modern eingerichtet. Sie besitzt eine eigene Schule mit einer Küche, Badeeinrichtungen, Spielplätze usw. Die Kinder stehen unter Aufsicht eines geschulten Lehrpersonals. Das Budget der Anstalt beträgt über 100.000 K jährlich und wird von der Fürstin Ogniska aus Eigenem bestritten. In diesem Findelhaus werden sämtliche in Oesterreich geborene, nach Galizien zuständige Findlinge untergebracht. Gegenwärtig befinden sich dort 500 Kinder, davon 100 jüdische. Der Direktor der Anstalt erklärte sich bereit, die jüdischen Kinder herauszugeben, wenn sich nur jemand fände, der sie übernimmt. Bis zum 14. Lebensjahre werden sämtliche Kinder in der katholischen Religion unterrichtet und erzogen. Haben sie dieses Alter erreicht, so wird an den jüdischen Kindern die Taufe offiziell vollzogen. Ich habe seinerzeit mit der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" und mit dem Bevollmächtigten des Baron Springer, der schon so viel für Waisen und Findlinge geopfert hat, Unterhandlungen gepflogen. Diese Unterhandlungen führten jedoch zu keinem Ergebnisse. Es wäre daher Pflicht der gesamten Judenschaft Oesterreichs, in dieser Sache eine Aktion zu unternehmen, an welcher sich auch die ausländischen Juden beteiligen sollten, da diese Frage nur auf diese Weise gelöst werden kann. Daß eine solche Aktion Erfolg haben könnte, geht aus der folgenden Tatsache hervor. Vor 14 Jahren gebar eine arme jüdische Frau aus Galizien in der Wiener Gebäranstalt einen Knaben. Da die Frau in sogenannter „galizischer Ehe" bloß nach jüdischem Ritus lebte, wurde das Kind als unehelich betrachtet, und da ferner die Mutter infolge einer Wochenbettkrankheit längere Zeit im Krankenhause bleiben mußte, wurde das Kind der Wiener Findelanstalt übergeben, von wo es nach Bobrek gebracht wurde. Die Direktion der Bobreker Findelanstalt begann nun, nach einem Vormund für das Kind zu suchen. Inzwischen erfuhr auch der Vater des Kindes, wo sich dieses befindet. Als Rechtsvertreter des Kindes führte ich damals einen Prozeß wegen Herausgabe desselben, und schließlich gelang es mir nach zweijähriger Prozeßführung das Kind den Eltern zurückzubringen, die es nun im jüdischen Glauben erziehen. Als vor einigen Jahren die Angelegenheit die jüdische öffentliche Meinung zu beschäftigen begann, wurde in chassidischen Kreisen die Frage laut, ob sich orthodore Juden laut jüdischem Gesetze für Findelkinder, die vielleicht „Mamserim" sind, annehmen dürften. Zu jener Zeit veröffentlichte der damalige Krakauer Rabbiner, Rabbi Chajim Loeb Horowitz eine Broschüre, in welcher er nachwies, daß es nicht nur nicht verboten, sondern Pflicht eines jeden Juden sei, sich dieser Findelkinder anzunehmen, und fie dem Judentums zurückzuführen. Dieser Anschauung schlossen sich damals auch der Berschaner Rabbiner Schwadron und andere hervorragende Rabbiner an. Der galizische Landesausschuß zahlt heute der Bobreker Anstalt 14 Kronen monatlich für jedes Kind. Der Landesausschuß hat wiederholt erNärt, für den Fall, daß eine jüdische Findelanstalt entstehen sollte, auch dieser dieselbe Subvention zu geben. Die Baukosten einer solchen Anstalt würden sich auf 400.000 Kronen belaufen, außer dem Kapital, das für die Erhaltung der Kinder sichergestellt werden müßte, die heute zumindest 28 Kronen pro Kind kosten würde. Dr. Landau richtet schließlich einen Appell an die jüdischen Organisationen und die vermögenden Juden, die Errichtung einer solchen jüdischen Anstalt möglich zu machen. Bis dahin aber ist es Pflicht der Krakauer Kultusgemeinden, sich die Namen und Zuftändigkeitsliste der jüdischen Findlinge in Bobrek zu verschaffen und auf Grund derselben die einzelnen Kultusgemeinden zu veranlassen, das betreffende Kind nachhause zu bringen und für seine Erziehung zu sorgen.