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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-16 · 50 (16.12.1910) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
50 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 886 Dr. Bkochs WochenßchM. Nr. 80 entfliehen. Sicher wäre auch die fruchtbarste und ausschweifendste Phantasie eines Romanschreibers niemals darauf verfallen, eine solch wunderbare, ganz unglaublich klingende Geschichte zu erdichten, wie wir sie hier den Lesern als wirklich vorgefallen jetzt erzählen wollen zum Beweis dafür, wie wahr ein englischer Romanschriftsteller gesprochen hat, von dem wir neulich die folgenden Worte gelesen haben: „Wir Romandichter und namentlich die Schreiber von Sensationsromanen werden häufig angeklagt, daß wir einen zu ausgiebigen, ich mochte sagen, ausschweifenden Gebrauch von dem „langen Arm des Zufalls und des Zusammentreffens" machen, aber meine eigene Erfahrung ist, daß das wirkliche Leben an Zufällen und Zusammentreffen so voll istz. wie sie wunderbarer und staunenerregender auch die ausschweifendste Phantasie sich nicht ausmalen könnte und daß nichts so sensationell ist, als das Leben selber." Mögen sich die geehrten Leser und Leserinnen von der Wahrheit dieser Worte aus der nachfolgenden möglichst ausführlich wiedergegebenen, an höchst tragischen wie auch an recht komischen Episoden und Szenen reichen Taufgeschichte eines russisch-jüdischen Mädchens aufs neue selbst überzeugen» mit deren Darstellung der Schreiber dieser Zeilen nicht nur beabsichtigt» seiner geehrten Leserwelt eine spannende und fesselnde Unterhaltung zu bieten, sondern auch, wie er sich einredet, einen nicht unwichtigen und unwillkommenen kleinen Beitrag zu der religiösen und sozialen Zeit- und Sittengeschichte Jerusalems im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts zu liefern. Wenn demnach Schreiber mit diesen kurzen einleitenden Worten nun sich anschickt, im Folgenden zur eigentlichen Behandlung seines' Themas überzugeheu, sieht er sich vorher nur noch genötigt, eine gewisse eaptatio benevolentiae an seine verehrten Leserinnen und Leser vorauszusenden und sie gewissermaßen um Entschuldigung zu bitten, wenn er bei der nun folgenden dramatisch bewegten Darstellung des Taufromans dieser jungen Jüdin, in welchem er ganz ohne sein Zutun und fast gegen seinen eigenen Willen auch längere Zeit eine aktive persönliche Rolle zu spielen berufen war, nolens volens sich genötigt sieht, bei seiner Erzählung häufig auch von sich selber in der ersten Person zu reden. Als ich mich an einem heißen Julilage des Jahres 1908, an dem man seinen Nachmittagskaffee bequem an der Sonne kochen konnte, zu meinen Lehr- und Unterrichtsstunden und sonstiger literarischer Arbeit in das große griechische Zentralkloster des hl. Konstantinus bei der Grabeskirche, wie gewöhnlich seit Jahren, begeben wollte und zu dem Zweck wie sonst von meiner außerhalb der eigentlichen Stadt gelegenen Wohnung aus der östlich der Jaffastratze parallel laufenden Straße, bei dem in der unmittelbaren Nähe der türkischen, französischen und deutschen Post und der Banque Ottomane gelegenen jüdischen Hotel Lasinsky vorüber kam, wurde ich von dem Hotelbesitzer und zwei anderen jüdischen Männern auf der Straße angerufen und dringend gebeten „in einer höchstwichtigen und eiligen Angelegenheit" augenblicklich zu einer Besprechung in das Hotel einzutreten, ohne daß ich aber an diesem und den beiden folgenden Tagen dem immer stürmischer werdenden Drängen der jüdischen Männer Folge leisten wollte. Es vergeht ja fast kein Tag, an dem ich nicht, wie man es mit einem treffenden Ausdruck bezeichnen kann, mehrere Juden auf der Straße „am Halse hängen habe", von denen jeder ein ganz besonderes, höchst wichtiges, dringendes und unaufschiebbares Anliegen an mich hat, welches an meine Zeit, Geduld und Menschenfreundlichkeit meist nicht geringe Anforderungen stellt. Der eine hat gehört, ich sei ein treffsicher Lehrer Kr neue und alte Sprachen und da wünscht er denn, daß ich ihn selbst noch in vorgeschrittenen Jahren, oder den Sohn und die Tochter in die Geheimnisse der deutschen, französischen und englischen, ja selbst der. lateinischen und griechischen Sprache einweihe, ohne welche man ja heutzutage nicht nur keinen Anspruch auf wirkliche Bildung erheben, sondern auch schwer Geschäfte machen könne. Ein anderer ist selbst so etwas wie ein Gelehrter und wissenschaftliches Genie und hat auf dem Gebiet der biblisch-talmudischen, oder allgemeinen wissenschaftlichen Forschung die Lösung eines schweren Rätsels und Problems und den Stein der Weisen gefunden, an dessen Entdeckung seit Jahrhunderten die klügsten und scharfsinnigsten Geister sich vergebens den Zopf zermartern, und er möchte nun, daß ich über seine unschätzbare, epochemachende Leistung ein kompetentes Urteil abgebe und erkläre, daß sie Kr den wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt der Menschheit mindestens ebenso große Bedeutung beanspruchen könne, als die Erfindung dev Buchdruckerkunst, der Elektrizität, des Telegraphen, Telephons und Luftschiffs, der Entdeckung Amerikas, des Seewegs nach Indien und des Nordpols. Ein dritter hat sich> aus Deutschland, Frankreich, England oder Amerika irgend ein in einer jüdischen Jargonzeitung am gezeigtes und angepriesenes hygienisches und diätetisches Universalmittel und Lebenselirir oder einen Photon graphen- und Hektographenapparat und eine Recken-, Schreib- oder Milchentrahmungsmaschine kommen lassen, kann aber die beiliegende mehrsprachig gedruckte Gebrauchsanweisung nicht lesen und kommt nun zu mir, daß ich ihm aus der Verlegenheit helfe, die Hieroglyphen entziffere und suche „das Ding in Gang zu bringen". Ein vierter endlich, ein kleiner Kaufmann, Handwerker und Gewerbetreibender oder Angestellter, dessen „Weib wie ein fruchtbarer Weinstock um das Haus herum ist und dem die Zinder wie die Qelzweige um den Tisch herum wachsen" und der nicht" mehr'weiß,"' wie “et*ihre Speise geben soll zur rechten Zeit", trachtet schon lange das kaum mehr zureichende knappe Einkommen durch einen lohnenden Nebenerwerb zu vergrößern und möchte deshalb in Jerusalem eine Agentur für eine ausländische Lebens-, Haus-, Mobiliar- und Viehversicherung etablieren, oder eine Niederlage einer Sodawasser-, Bier-, Konserven-, Stein-, Glas- und Metallwarenfabrik errichten, darum kommt er jetzt zu mir mit der Bitte, „da M ja alles wisse", ihm alle großen und bedeutenden Versicherungs!gesellschaften und Fabriken der Welt zu nennen und mich in seinem Namen mit jeder brieflich in Verbindung zu setzen, damit ihm womöglich zu gleicher Zeit nicht bloß eine, sondern zum wenigsten gleich fünf und zehn Vertretungen auf einmal übertragen werden, wobei dann, wenn das Geschäft gut geht, auch für mich selber eine gehörige Dividende herausspringen soll. Weil sich, wie gesagt, derlei Fälle, wo ich in der geschilderten Weise Tag für Tag von diesem und jenem Juden „in einer dringenden Angelegenheit" auf der Straße „um ein gütiges Gehör und eine kleine Gefälligkeit" angegangen werde, dutzendweise ereignen, glaubte ich nicht anders, es handle sich auch jetzt um etwas ähnliches der Art, als ich beim Worübergehen auf der Straße von dem Besitzer und anderen jüdischen Männern in das jüdische HotelLasinsky gerufen wurde und stellte mich deshalb zwei Tage lang allen dringenden Bitten und Flehen zum Trotz der Einladung gegenüber völlig taub. Als ich aber auch am dritten Tage wiederum die Straße passieren und unaufgehalten an dem Hotel Lasinsky vorübergehen wollte, kamen die drei Männer von gestern und vorgestern aus dem Hotel im Sturmschritt auf mich zu, packten mich an beiden Armen und von allen Seiten und ließen mich nicht mehr los» indem sie wie im Ehorus durcheinander riefen: „Sie dürfen jetzt nicht mehr weiter

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