Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 50 Dt. Blochs Wochenschrift. Seite 885 Prag. Der Verband der israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen in Böhmen veranstaltet in der Zeit vom 26. bis inklusive 29. Dezember d. I. seinen Ferialkurs IV. mit folgendem Lektionsprogramm: 1. Apologetik. Herr Rabbiner S. Arje- Smichow. 2. Ueber Methodik des israelitischen Religionsunterrichtes. (Fortsetzung.) Herr Rabbiner M. Freund-Bodenbach. 3. Aus der Geschichte der Juden in Böhmen. Herr Rabbiner Dr. M. Hoch-Jungbunzlau. 4. Einleitung in die Mischna und Gemara. Herr Dr. S> H. Lieben-Prag. 5. Homiletisches. Herr Rabbiner Dr. Rachmuth- Schüttenhofen. Beginn Montag am 26. Dezember d. I. um halb 9 Uhr vormittags in einem Lehrsaale der Talmud-Thoraschule in Prag, Joachimsgasse 3. Der erste Mische Hosrat in Galizien. Der Vizebürgermeister der Stadt Krakau, Landtagsabgeordneter Josef Sare, wurde vom Kaiser zum Hofrat ernannt. Hofrat Sure ist der erste jüdische Hofrat in Galizien. Bischof und Kultusvorsteher. Aus Esset in Kroatien wird gemeldet: Der Bischof Dr. Krapac stattete, gestern in Djakova dem dortigen schwerkranken Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde Adolf Kohn einen halbstündigen Besuch ab und entfernte sich mit den besten Segenswünschen für den Kranken. Der Besuch des Bischofs in dem jüdischen Hause erregte allgemeines Aufsehen. Adelsverleihungen. Budapest. Der König hat dem Großindustriellen Adolf Kürschner und dessen gesetzlichen Nachkommen, in Anerkennung seiner auf dem Gebiete der Volkswirtschaft erworbenen Verdienste, die ungarische Baronie, dem Beocsiner Großunternehmer Eduard Spitzer, in Anerkennung seiner aus dem Gebiete der Industrie und des Handels erworbenen Verdienste, taxfrei den Titel eines königlich ungarischen Hofrates, dem Agramer Großkaufmann und Großgrundbesitzer Philipp Deutsch, sowie dessen gesetzlichen Nachkommen, in Anerkennung seiner auf dem Gebiete des Handels erworbenen Verdienste taxfrei den ungarischen Adel mit dem Prädikat „von Macolf" verliehen. Die englischen Parlamentswahlen. Bei den gegenwärtigen Wahlen in England wurden bis jetzt 36 Juden gewählt. Von ihnen gehören 19 zur liberalen, 16 zur unionistischen und einer zur Sufflagistenpartei. Ein jüdischer „Coroners" in London. Zum erstenmal ist ein Iude für das Amt eines Coroners (Richter bei Leichenbeschauungen in Fällen plötzlichen und gewaltsamen Todes) gewählt worden. Der Betreffende ist der Rechtsanwalt Dr. Georg Cohen, der vom Rate der Grafschaft Middleser als Coroner für den Zentralbezirk der Grafschaft ernannt wurde. Er hat schon mehrere wichtige Stellungen in bedeutenden Spitälern bekleidet. Feuilleton. Ein Kind ohne Mater. Eine wahre Geschichte. Von I. Meth. Wien. Eines Tages — es war gerade während der letzten Rcichsratswahlen.— erschien ein älterer Mann, ein armer jüdischer Familienvater, bei einem angesehenen Advokaten im kleinen Provinzstädtchen R.... und bat ihn um Vertretung in folgender Rechtssache. Vor etwa dreiviertel Jahren war bei ihm eine Magd, ein ebenso hübsches wie bigottes Christenmädchen, in Stellung, die nach einiger Zeit in den Dienst des Ortspfarrers trat. Eben dieses Mädchen hatte vor kurzem gegen den Inden eine Paternitätsklage erhoben. Der Iude schwor hoch und teuer, daß er unschuldig sei und daß nur der Pfarrer an dem ganzen Malheur schuld sein könne, da er erwiesenermaßen dem Mädchen mehr zugetan war, als es ihm die christliche Nächstenliebe zur Pflicht gemacht hat. Der Advokat hörte die Erzählung aufmerksam an. erklärte jedoch, daß er die Vertretung aus - politischen Gründen ablehnen müsse. Der geistliche Herr so sagte er — sei m der Gemeinde beliebt und habe viel Anhänger, und wenn er. der Advokat, gegen ihn als Klageanwalt aufträte, würde er sich zweifelsohne dir Gegnerschaft des Pfarrers mitsamt seiner Anhänger zuziehen, was für seine Wahl - da er für den Reichsrat kandidiere — sehr verhängnisvoll werden könnte. Doch der Iude ließ nicht locker. Der Advokat, den die unerquickliche Lage dieses armen Mannes ungemein dauerte, sann auf einen Ausweg aus diesem Dilemma, und endlich sagte er: Lieber Freund, an meinem Entschluß vermag ich nichts zu ändern, aber einen guten Rat kann ich Ihnen geben. Nolens volens erklärte sich der Iude damit einverstanden und erhielt den Rat. - — , In den nächsten Tagen fand die Tagfahrt statt. Wie vorausgesehen, wurde der Iude schuldig erkannt. Er nahm das Urteil gleichmütig an, stellte jedoch das Begehren: Wenn er der Vater sei, so möge man ihm das Kind ausfolgen, damit er die übliche, rituelle Zirkumzision an demselben vornehmen lassen könne. Das Mädchen, welches während der ganzen Verhandlunge in siegesbewußtes Gefühl zur Schau getragen hatte, wurde plötzlich kreideweiß. Am ganzen Leibe zitternd, wankte sie und drohte, jeden Moment umzustürzen. Nein, nein nein! schrie sie mit kreischender heiserer Stimme das kann ich nicht zugeben. Das Kind von dem hochwürdigen Herrn laß' ich nicht beschneiden! Große Verblüffung im Saale. Der Ausruf wurde protokolliert. Der Iude meldete die Berufung an. Resultat: Der Pfarrer mußte die Vaterschaft anerkennen und — blechen. Der Tanfroman eines rnlNsch-jädischen Mädchens in Jerusalem. Auf Grund persönlicher Erlebnisse dargestellt von Phil. Kieferndorf. Nach Verlauf von beinahe zwei Jahren hat kürzlich die höchstsensationelle, ganz romanhaft klingende und dramatisch verlaufene Taufgeschichte eines russisch-jüdischen Mädchens in Ierusalem, resp. in Iaffa. ihren Abschluß gefunden, welche an wechselvollen, spannenden und aufregenden tragi-komischen Episoden. Szenen und Momenten alles weit hinter sich läßt und übertrifst, was man bisher schon über den Raub jüdischer Mädchen und Kinderdurch die katholischen und griechisch-orthodoxen Klöster und Geistlichkeit in Oesterreich und Rußland gelesen hat. Nur mit ihrem Schluß findet dieselbe in gewissem Sinn, ihr Pendant und Analogon in der vor einigen Monaten in England vor dem Lord Chief Justize in London verhandelten. allgemeines Aufsehen erregenden Taufgeschichtr des russischen Schwesternpaares Minelga-F riedland. da es in dem einen wie in dem andern Fall der Heldin der Geschichte schließlich gelang, durch entschlossene Geislesgegenwart und raschen, kühnen Mut der Gewalt der gefährlichen und verächtlichen Propagandisten und Proselyten- und Seelenjägern auf offener Straße zu