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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-16 · 50 (16.12.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
50 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 60 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 827 Berufen zu und nimmt ihnen diese dann weg. Das Ganze nennt man dann österreichische Sozialpolitik. Solange sich diese überhaupt ertragen läßt, wird sie von den Juden ergeben hingenommen. Aber der Jammer in der Schenkerfrage wird wahrscheinlich so stark werden, daß er als eine Anklage von ganz Europa gehört werden wird. Wenn man schon die Inden aus einem Berufe vertreiben wollte, so hätte man doch noch die geringste, die minimalste Billigkeit walten lassen und ein Uebergangsstadium schaffen können. Man hätte keine neuen Konzessionen an sie verleihen müssen. Aber sie aus ihrem bisherigen Besitz mit einem Schlag, an einem Tag enteignen, ist eine fürchterliche Maßregel. Notabene ohne jede Entschädigung enteignen! Preußen will die Güter der Polen zwangsweise gegen schweres Geld enteignen, die Polen bezeichnen das als unerhörte Brutalität und rufen hier in Oesterreich Kaiser und Reich für ihre Posener Brüder auf. Sie selbst aber begehen das Gleiche blutarmen Teufeln gegenüber ohne Rücksicht und ohne Verzugsfrist. Hoffentlich aber findet noch in einem letzten Momente die Regierung, daß es doch nicht ohneweiters angeht, mit einem Schlage zehntausende loyaler Staatsbürger mit ihren Angehörigen zu Bettlern zu machen. Würde sie nicht einfach Truppen ausrücken lassen, wenn man dasselbe den uied.r österreichischen Wirten auch nur anzudrohen wagte? Oder vielleicht findet sich unter den mächtigen Faktoren Galizi ns doch die Einsicht, daß das Schenkergesetz schon aus Rücksicht auf die unerträgliche wirtschaftliche Spannung im Lande eine humane Durchführung braucht, soll es nicht für die galizischen Juden einen grausamen wirtschaftlichen Pogrom bedeuten. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die Stellung der Zionisten in Wahlkämpfen gegen die Antisemiten und Taufjuden. (Präsident David Wolfsohn gegen die „Oesterreichische Wochenschrift".) III. Unsere Leser würden vielleicht auf die Antwort neugierig sein, die auf unseren Artikel unter vorstehender Ueberschrift erfolgt ist. Wir haben die nicht zu umstoßende Tatsache historisch festgelegt, daß, als die Wiener jüdische Gesamtheit gegen zwei als Kandidaten für den Gemeinderat präsentierte Renegaten den Kampf ausgenommen, die Wiener zionistische Parteileitung und die ihr anhängenden Studentenvereine jede Wahlhilfe verweigerten, was das offizielle Organ als selbstverständlich erklärt hat: „Oie zionistische Partei aber hatte keinen Anlass, sich für die Angreifer zu exponieren, welche ja nicht auf ein jüdisches, sondern auf ein deutsches Programm kandidierten. Sollte sich wirklich so ein deutschfortschrittlicher Wahlwerber an einem zionistischen Studenten verein herangemacht (!) haben, dann war es nur eine gesunde Leh:e, dass zionistische Korporationen ihre Weisungen ausschliesslich von der eigenen Partei zu empfangen gewillt sind.” Den Kampf gegen die kandidierenden Taufjuden hat die zionistische Parteileitung nicht unterstützt, weil die „Angreifer" „nicht auf ein jüdisches, sondern auf deutsches Programm kandidierten"; dagegen wurde Herr Dr. Ofner gern unterstützt, obgleich er den Herren ins Gesicht rief, er laffe sich sein deutsches Herz nicht aus der Brust reißen In der Wählerversammlung, welche aus Anlaß der Kultusgemeindewahlen Samstag den 19. November im Saale des Hotel Guth stattfand, erwähnte der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, sein energisches Bemühen, die Taufjuden bei den Gemeinderatswahlen zu Falle zu bringen. Unter dem lebhaften Beifall der Zuhörer fügte er hinzu: »Ich will hier nicht die Präge erörtern, oh wir hei diesem Anlasse von allen Juden oder von allen jüdischen Parteien unterstützt worden sind, und will nur bemerken, dass ich vor wenigen Wochen in einer Zeitung gelesen habe: ihre Partei konnte jene Bewegung nicht unterstützen, weil die Männer, für die sie hätten eintreten sollen, ihr nicht konveniert haben. Das können Sie in einem Parteiblatte lesen, das vor drei bis vier Wochen erschienen ist. Und da sage ich Ihnen, wenn man mich heute vor die Wahl stellte, einem Strassenbettler gegenüber dem getauften Juden die Stimme zu geben, ich mich iur den Strassenbettler entscheiden würde.« Herr Präsident David Wolfsohn aber hat unsere Vermutung, daß auch die zionistische Parteileitung in Köln die absonderliche „nationale Politik" der Wiener Zionistenführer nicht anders einschätzt, mit dem Ausdruck „größter Entrüstung" zurückgewiesen. Nr. 49 der „Welt" brachte uns die Antwort: Der Kernpunkt der Frage, die auch der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern in seiner Rede präzis losgeschält hat, wird nicht mit einem Worte, sage nicht einem einzigen Worte berührt, eine Fülle der gemeinsten Schimpfereien und Jnvektiven ergießen sich dagegen aus das Haupt des Doktor Bloch, als gälte es, die Stimmen der Wahrheit im Unrat zu ersticken. Man will über die offenbar unbequem gewordenen Tatsachen lieber nicht reden; dafür aber wird eine faustdicke Lüge den Lesern erzählt: Unter der Spitzmarke „Politisches Angebertum" wird erzählt: „Als der Herausgeber der „Oesterreiehischen Wochenschrift“ seinerzeit Theodor Herz! einige Seiten seines Blattes für zionistische Publikationen augeboten hatte, lehnte dies Herzl mit der Begründung ab: „Ich will ein reines Blatt haben.“ Diese Mitteilung ist keine geringere Infamie als die unmittelbar vor den Kultuswahlen in Wien publizierte Sensation von dem angeblichen Uebertritt zum Christentum, den der einzige „Sohn des seligen Baurates W. S t i a s n y" vollzogen haben soll. Beide Nachrichten sind gleichen Ursprunges, tragen den Stempel desselben Geistes! Das ist aber auch Alles, was die „Welt" zur Aufklärung und Rechtfertigung bietet, daß am Tage eines schweren Kampfes der Wiener Juden gegen das Renegatentum die zionistische Parteileitung untätig bei Seite stand, daß die zionistischen Studenten-Vereine die angesuchte Mitwirkung versagten und daß das offizielle Parteiorgan, welches am Wahltage ausgegeben wurde, nicht mit einem einzigen Wort des Wahlkampfes, der jüdischen Kandidaten, der stattfindenden Wahl erwähnte. Wir wiederholen nur noch unsere Worte aus Nr. 46: Es ist vielleicht abzuwarten, ob gegen die nunmehr parteimäßig zu nennende Praxis, welche elementaren Pflichten gegen das Judentum in dem Ausmaß Geltung zuerkennt, als mit ihrer Hilfe der verschmachtende Mandatshunger Befriedigung erhält, aus den Reihen der Partei keine Stimme sich erhebt; ob in der gesamten zionistischen Organisation nicht ein einziger Mann von seinem Gewissen gedrängt wird, für solche klug sein wollende Methoden die Verantwortlichkeit abzulehnen — in Erinnerung des Dichterwortes: „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, Der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht." Aufhebung -es Schächtverbots in Sachsen. Einige antisemitische Zeitungen im Deutschen Reiche sind recht traurig gestimmt, sie haben eine dunkle Hunde erlangt, die ihnen viel Herzeleid bereitet.^ Das Königreich Sachsen war der einzige deutsche >r-taat, der ein Schächtverbot erlassen und streng durchgeführt hat: man hegte die stille Hoffnung, daß das Beispiel Sachsens auf andere deutsche Staaten im Laufe der Begebenheiten einwirken werde. Nun erfuhren sie auf geheimnisvollem Wege, daß die königl. Regierung in Dresden daran gehe, das Schächtverbot gar auszuheben. Welch ein Jammer für ein antisemitisches Herz! Die antisemitische „Deutsche Tagesztg." schreibt hierüber: „Zu unserer Ueberraschung und zu unseremkbhaften Befremden haben wir von zwei verschiedenen weiten gehört, daß die sächsische Regierung entschlossen sei, das seit vielen Jahren bestehende Schächtverbot demnächst aus-

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