Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr, 49 Dr. Wachs Wochenschrift. Seite 921 Strakonih. Freitag den 2. Dezember starb hier unser langjähriger Schacharit Chasen Herr Marcus Ungar. Der Verblichene erreichte ein gesegnetes Alter von 91 Jahren und erlebte das seltene Glück, die diamantene Hochzeit zu feiern. Er war noch heimisch auf dem Gebiete unserer altjüdischen Literatur. Das Begräbnis fand Sonntag statt und die große Teilnahme aller Schichten der hiesigen Bevölkerung bewies, wie geehrt unser Glaubensgenosse war. Im Trauerhause widmete Herr Dr. B. Wolfs dem Verstorbenen eincn tiefempfundenen und ehrenden Nachruf. Die kantoralen Funktionen versah in gewohnter exakter Weise Herr Oberkantor Menkes. Oderberg-Bahnhof. In der am 23. v. M. in Anwesenheit des Bezirkshauptmonnes Ritter Jaxa von Bobowski und eines zahlreichen Auditoriums bei vollzähliger Beteiligung der Gemeinde- Ausschußmitglreder stattgefundenen Wahl des Gemeinde-Vorstandes wurde unser Glaubensgenosse der Bahnhofrestaurateur Herr Viktor Lustig mit 24 von 30 abgegebenen Stimmen zum dritten Male zum Bürgermeister von Oderberg-Bahnhof, Schönickel und Kopitau gewählt. Die Verdienste des Herrn Bürgermeisters Lustig um die Entwicklung der Gemeinde wurden nach der Wahl durch den Herrn Bezirkshauptmann von Bobowski in ausdrucksvollen Worten hervorgehoben, worauf Herr Bürgermeister Lustig sein Programm für die neue Verwaltungsperiode in ausführlicher Rede entwickelte. Zu bemerken ist noch, daß Herr Bürgermrister Lustig auch Präses der neukreierten israel. Kultusgemeinde zu Oderberg-Bahnhof ist. in welcher Eigenschaft er sich zufolge seines ersprießlichen Wirkens und seines bescheidenen und friedliebenden Wesens großer Beliebtheit erfreut. 1. 6. Warasdiu. (Trauung.) Montag den 12. Dezember d. I. findet um halb 12 Uhr vormittags im israelitischen Tempel in Graz die Trauung des Fräulein Frieda Braun, Tochter des Herrn Samnel Braun, mit Herrn Hermann Hönigsberg, Sohn des Herrn David Hönigsberg, statt. Feuilleton» Skizze« und Studien zur Geschichte der Inden in Polen. Von Dr. Mojer Balaban, Lemberg. (Schluß.) X. Die Sicherheit im Lemberger Ghetto. Außer den Schülern hatten die Juden eine andere Plage; dies waren Soldaten. Di.e vielen königlichen Privilegien befreiten die Juden verschiedener Städte von Militäreinquartierungen; dieses Privileg hatten auch die Juden in Lemberg. Dafür waren sie verpflichtet, alle Kontributionen und Militärauflagen summarisch zu entrichten, das heißt, die Gemeindeverwaltung zahlte das Geld und repartierte die einzelnen Beträge unter die Bürger. So oft aber die Judengemeinde mit der Militärkommission nicht einig werden konnte, kam es zu Judenschlägereien und Tumulten. Die Verteilung der Summe geschah — laut dem Landbuch der reußischen Landmannschaft — auf diese Art: Ein Viertel zahlte der Judenvorstand aus der Gemeindekasse, das zweite Viertel nahm man von der Kopfsteuer, und die Hälfte zahlten die Hauseigentümer?^) Soldatentumulte notieren die Stadt- und Grodakten in Menge, um hier nur einen hervorzuheben. An einem Samstag (Jahr 1600) kam der Rittmeister Albert Osiecki mit vielen Genossen in die Iudengasse geritten und begann die Synagoge zu erstürmen. Die Juden verschanzten sich im Innern und flehten den Rittmeister an, er möge von ihnen lassen. Osiecki wich von der Stelle und bat, man möge ihm den Juden Aron, den M e h l h ä n d l e r, herausschicken: er gab sein v e r b u m nobile (adeliges Ehrenwort), daß er dem Aron nichts zu Leide tun werde. ,, Als der Jude die Schwelle der Synagoge überschritt, schoß ihn der Rittmeister an Ort und Stelle tot?^) Noch nicht zufrieden, stürmte er ins Haus des Gemeindevorstehers Joseph und wollte ihn auch niederschießen. Joseph konnte noch zur rechten Zeit ") B u b e r: K i r j a. N i s g a b a. S. 90. Note 8. entrinnen, wogegen "seine Habe ganz ausgeplündert wurde. Aron der Mehlhändler hinterließ sechs Waisen. Die Juden schwuren dem Osiecki Rache; wer von den Soldaten oder Offizieren seiner Fahne sich in der Vorstadt zeigte, wurde beleidigt und geschlagen. So wurden die Adeligen Pore b s k i und R u d z i n s k i geschlagen, verwundet und beraubt? 0) Oefters als in der Stadt waren Tumulte und Ueberfälle in der Vorstadt: hier war kein Judentor. und die Nähe der Dörfer und Wälder ermöglichte den Tumultuanten das Davonlaufen. Johann Oborski. der Eigentümer eines Meierhofes in der Nähe Lembergs, fiel im Mai des Jahres 1600 in die Vorstadt ein, s chlug einen jeden Juden, dem er begegnete, und begann, mit Hilfe seiner Heiducken ein Judenhaus zu demolieren. Das dauerte eine Stunde, bis sich die Inden aufrafften undden Herrn Oborski in einer Schenke überfielen und ordentlich durchprügelten. Daraus erwuchs ein Ritualprozeß, denn Herr Oborski klagte die Juden an. „sie hätten im Getümmel seinen Knappen Zebrowski entführt, und ihn zweifellos zu ihren Zwecken verwendet"?^) Manchmal war Ausgelassenheit und Säuferwahn Ursache eines Judentumultes. Am 17. Mai 1614 klagte der Synagogendiener im Namen seiner Gemeinde die Adeligen Kaminski und Iablonski an?^) daß sie am 16. Mai, um die 22. Stunde (10 Uhr FUih), an der Spitze einer Schaar bewaffneter Leute, in die Synagoge einfielen, in der Zeit, als die Juden ihr Gebet verrichteten. Mit gezogenen Säbeln schlugen sie auf die Juden los und vertrieben sie aus der Synagoge, nachher drangen sie in das Haus des Juden R a ch m i e l, tranken 3 Töpfe Branntwein aus, verschütteten 6 Kannen Meth auf den Fußboden, zündeten dem- Wirt den Bart an und gossen einige Töpfe Branntwein in den heißen Ofen, wodurch eine gewaltige Explosion entstand. Außer diesen Tumulten notieren die Akten Ueberfälle auf einzelne Personen bei Tag und bei Nacht. Solche Ueberfälle geschahen aus Rache, Neid, Haß oder aus Uebermut. Wir dürfen aber nicht meinen, daß die Juden so ganz wehrlos sich dies alles gefallen ließen! Die Juden litten zwar sehr viel, waren aher doch nicht so ruhig wie die Lämmer, sie verteidigten sich, wo sie konnten, und ihre Vorhut bildeten in der Vorstadt die Fleischer. Mit dem Messer in der Hand, Sommer und Winter auf der Straße, auf den Plätzen vor den Synagogen, wehrten sie nicht nur einen Ueberfall ab, sondern verschafften sich Genugtuung auf eine ganz „scharfe" Weise. Laut 'dem polnischen Gesetze durften jüdische Fleischer nur an Juden ihre Ware bringen', und die rituell unerlaubten Teile durfiten sie an die christlichen Fleischer en gros verkaufen. Die Juden hielten sich nicht daran und verkauften das Fleisch den Juden und den Christen. Dies gab Ursache zu Prozessen und Tumulten, die bis zur österreichischen Okkupation dauerten. Oft machten die christlichen Fleischer in Assistenz der Zunftmeister Revisionen in jüdischen Fleischbänken, und da kam es zu förmlichen Schlachten, die viele Opfer kosteten?^) Die Tapferkeit der Fleischer war so bekannt, daß sie mit der Zeit zu einer Judenwache wurden. Ein kleines Beispiel wollen wir hier angeben. Im Jahre 1607 wurden zwei Fleischejr, Munisch und Natan von den Adeligen Czechowicz und Rakowski gewaltig verwundet, so daß sie ihr 15) Grodakta C. L. Bd. 354, pag. 3323—5. 16) Ibidem C. L. pag. 3330-31. 1?) C. L, Bd. 354, pag. 2957. “) C. L. Bd. 368, pag. 1313—14. 1a) Eine ganze Reihe von Tumulten habe ich in meinem Werke: Lemberger Juden um die Wende des XVI. und XVII. Jahrhunderts, S. 473—9, aufgezählt.