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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 819 Ein Jubiläum der Wiener Jüdischen Toynbee-Halle. Am 2. Dezember d. I. waren zehn Jahre verflossen, seitdem die Jüdische Toynbee-Halle Oesterreichs, die im XX. Bezirke, dem ärmsten Jndenviertel Wiens, ihre Tätigkeit begonnen hat. Was diese Institution bedeutet, besagt uns der § 2 ihrer Statuten, welcher lautet : „Der Verein hat den Zweck, unbemittelten, wtssensbedürftigen Juden in Wien in einem eigens hierzu eingerichteten Saale der Toynbee-Halle" unentgeltliche, bildende und unterhaltende Belehrung zu bieten, sowie alle Bestrebungen nach Kräften zu unterstützen, welche geeignet sind, die unbemittelte, jüdische Bevölkerung in Wien in körperlicher, geistiger und sittlicher Hinsicht zu fördern, unter Ausschluß jeder politischen Tätigkeit." In der Oth.nargasse 46 befinden sich derzeit die Räume der Toynbee-Halle. Vom Anfang November bis etwa Mitte April hat sie ihre Saison. Da öffnen sich täglich um halb 7 Uhr abends die Türen der behaglich erwärmten und beleuchteten Halle den Einlaßbegehrenden — Männern und Frauen der ärmsten Schichten — Studierenden und Handelsangestellten, Handwerkern und Taglöhnern, die nach dem mühe- und sorgenvollen Tagewerke, hier einer nützlichen Muße sich hingeben. Um halb 8 Uhr beginnt ein populär-wissenschaftlicher Vortrag, gehalten aus Gebieten der allgemeinen oder jüdischen Geschichte, der Naturwissenschaften, Hygiene, Medizin, Jurisprudenz, Nationalökonomie, des Erziehnngswesens und dergleichen. Die gespannte Aufmerksamkeit des Anditoriums, dessen gelegentliche Fragen und Einwürfe, die rege Beteiligung an eingeleiteten Diskuffionen, sie zeigen, wie innig der Kontakt zwischen den Vortragenden und ihrer Zuhörerschaft ist, welchem Verständnisse und Interesse die Themen begegnen. Nach 6 Uhr tritt eine Pause ein, welcher der ungezwungenen Unterhaltung des Auditoriums gewidmet ist und während welcher opferwillige Frauen und Mädchen, von denen viele sich zum Dienste nach eigener mühevoller Tagesarbeit einstellen, den Besuchern Tee mit Milchbrot offerieren. Für die Mehrzahl natürlich nur als Erquickung und Anregung gedacht, ist leider das Gebotene für eine bedauernswerte Minorität eine sehr willkommene Mahlzeit. Nach der Teepause folgt der zweite Teil des Abends, welcher zumeist zu einer Vorlesung aus Werken jüdischer Autoren, aber auch aus Werken nichtjüdischer Schriftsteller benützt wird. Der Freitag ist der Bibelerklärung reserviert und jeden Samstag findet ein den ganzen Abend ausfüllendes Konzert statt. Bei diesen Veranstaltungen werden die Gäste mit den Werken berühmter alter und moderner Komponisten bekannt gemacht. In den letzten Jahren weist die Fiequenzstatistik der Toynbee-Halle in jeder -Saison fast 35.000 Besucher auf, die sich aus jenen Schichten rekrutieren, welche den Kampf ums Dasein am schwersten empfinden und deren einzige Freude vielfach jene angenehmen Stunden sind, welche sie in den Räumen der Halle verbringen. Mit einem glanzvollen Festabend hat Samstag den 3 d. M. der Verein das Jubiläum seines 10jährigen Bestandes gefeiert. Lange vor Beginn mußte der Einlaß in die Halle sistiert werden, so groß gestaltete sich der Andrang. Als Ehrengäste hatten sich eingefunden: der Vize-Präsident der israelitischen Kultusgemeinde HofratDr. Rappaport mit dem Sekretär Dr. Emil Adler» die Gemeinderabbiuer Dr. Feuchtwang und Dr. Rosenmann, die Präsidenten der B'nai Brith-Veremigungen „Wien" und „Eintracht" Dr. Knöpfmacher und Hugo Tugendhat mit den anderen Funktionären und zahlreichen Mitgliedern dieser Vereinigungen. Ihr Ausbleiben hatten entschuldigt: Präsident Dr. Alfred Stern, Vize-Präsident Dr. Gustav Kohn, Vertreter Salo Cohn, Rabbiner Dr. Bach u. A. Die Festrede hielt der Präsident der „Toynber-Halle" KultuS- - Vorsteher Dr. I. Samuely. Er gab eine eingehende Schilderung vom Entstehen der Institution, den Schwierigkeiten, mit welchen sie nach ihrer Begründung zu kämpfen hatte, bis schließlich der Verein „Eintracht B'nai Brith" den Verein unter seine Patronanz nahm, um den Bestand und die weitere Ausgestaltung sicher zu stellen. Seither sind nach dem Muster der Wiener Toynbee-Halle fast in allen Hauptstädten Oesterreichs und in vielen Städten Deutschlands gleichartige Institutionen errichtet worden. Dankbarst feierte der Redner den Gründer der Wiener Toynbee- Halle, Universitätsprofessor Dr. Leon Kellner, und würdigte die Tätigkeit jener Männer, die dem Professor Kellner als erste Vereinsleitung hilfreich zur Seite gestanden, so Herr Johann Kremenetzky, der bedeutende finanzielle Opfer für die schöne Sache gebracht und Herr Hermann Berliner, der sich auch unter den Festgästen befand. Herzlichsten Dank zollte der Redner, dem Kultusvorstande für die jeweilig gewährten Subventions-Erhöhungen, den B'nai B'rith-Vereinigungen, den Vortragenden, die sich stets willig in den Dienst der guten Sache stellen und widmete unter lebhafter Akklamation der Anwesenden herzliche Worte der Anerkennung dem Obmann-Stellvertreter KarlIreund, der in täglicher unermüdlicher Arbeit nun seit Jahren voll Aufopferung und Hingebung wirkt. — Freundliche Worte der Anerkennung widmete der Präsident der pflichteifrigen Tätigkeit des Herrn Sekretär Guido Fuchsgelb. Dr. Samuely schloß seine oft von Beifallsstürmen unterbrochenen Ausführungen mit dem Hinweis aus die weiteren nun zu erstrebenden Ziele und teilte mit, daß an den in Czernowitz weilenden Herrn Universitätsprofessor Dr. Leon Kelluer ein herzliches Glückwunsch- und Begrüßungstelegramm abgegangen sei. Hofrat Rappaport brachte in warmen Worten dem Vereine die Glückwünsche und die Sympathie des Kultusvorftandes zum Ausdrucke. Herr Hermann Berliner sprach namens ves ersten Vereinsvorstandes, dem er angehört hatte und Schriftsteller Adolf Gelber schilderte in schwungvoller Rede im Namen der Vortragenden, wie diese in ihrer Betätigung die Erfüllung einer sozialen Pflicht erblicken. Herr Palleuberg, der seit der Begründung zu den täglichen Besuchern der Halle zählt, brachte in rührenden Worten den Dank der Hörerschaft zum Ausdrucke und ihm schloß sich ein Vertreter der Jugend mit gleicher Ausführung an. Als letzter Redner sprach Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang namens der Amtskollegen, die gleich ihm nach besten Kräften dieses heilige Werk der Nächstenliebe gerne fördern. Den Abend beschloß ein glanzvolles Konzert, eingeleitet von der Pianistin Selma Libowitz, die auch diesmal wieder durch ihre virtuosen Leistungen entzückte. Der herrliche Alt der Konzertsängerin Frau Raja Barber-Waldberg kam in Arien und Liedern zu schönster Geltung und Benno Wünsch erweckte durch den trefflichen Vortrag heiterer Piecen stürmischen Beifall. Damit war der Festabend zu Ende. — Gleichsam als Nachfeier für die Kleinen, fand Sonntag nachmittags eine der vom Obmann-Stellvertreter Karl Freund mit Unterstützung der Damen: Kornfeld, Frennd und Knöpfmacher veranstalteten Kinderjausen statt, bei welcher 300 arme Schützlinge bewirtet, durch Spiel und Gesang erfreut nnd schließlich mit Schulrequifiten, warmer Wäsche und teils auch mit Kleidern beschenkt wurden. Indische Toyubeehalle. XX., Othmargafse 46. (Haltestelle der Elektrischen: Jägerstraße.) Das Wochenprogramm ist, wie folgt, festgesetzt: Samstag den 10. Dezember: Konzert. Arrangement: Fräulein Goldberg. — Sonntag den 11. d. M.: Herr Franz Oesterreicher: „Die Juden im spanischen Mittelalter." — Montag den 12. d. M.: Herr Dr. Karl Lifefis: „Ueber die Frauenfrage." (II. Teil.) — Dienstag den 13. d. M.: Herr Professor Mor. Aulscherl: „Unsere Mütter." — Mittwoch den 14. d. M.: Bankbeamter Schweitzer: „Bank und Börse." — Donnerstag den 15. d. M.: Remy Friedmann: „lieber Stiftungen und Stiftungswesen." — Freitag den 16. d. M. °- Bibelerklärung. Beginn an Wochentagen um halb 8 Uhr, Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen um 7 Uhr abends. — Anmeldungen von Vorträgen und Mitwirkungen bei Konzerten an den Obmann Doktor I. Samuely, I., Fischerstiege 6, erbeten. Wien. Dienstag den 13. Dezember, 8 Uhr abends, veranstaltet der jüdische Turnverein Favoriten einen Vortragsabend mit Lichtbildern über „Palästina von heute." Referent Herr Fabrikant Adolf Böhm. Ort: Gartensaal des Arbeiterheims, X., Laxenburgerstraße 8 (Station der Linien X, 0, 67). Regiebeitrag 50 Heller. Wien. (Akademischer Verein „Jüdische Kultur" in Wien.) Der akademische Verein „Jüdische Kultur" in Wien veranstaltet am 15. Dezember l. I. im Hörsaale 41 der philosophischen Fakultät einen Vortrag des bekannten Schriftstellers Maxim Auiu über „Die Ueberwindung des heutigen Judentums". Beginn präzise 7 Uhr abends. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (BethauSverein „Am Volkert".) Dnrch die Munifizenz und durch die für jüdische Zwecke stets bereite Opferwilligkeit des Vereinspräsidenten Herrn Adolf SHraruek wurde im vorigen Johre eine Sprach- und Bibelschule für Knaben der Volks- und Bürgerschule gegründet. Mit Rücksicht darauf, daß nebst dem Unterrichte in den Gebeten und in der Thora auch großes Gewicht in Hebräisch-Schreiben und Hebräisch-Sprechen, und in erster Linie auf den Urquell jüdischen Wiffens. die hebräische Grammatik, besondere Rücksicht genommen wurde, erfreut sich eines fleißigen Besuches der Schüler, deren Anzahl zu Beginn des ersten Schuljahres 58 betrug. Nunmehr ist die Bibelschule in das zweite Jahr ihres Bestandes getreten und haben sich für das laufende Jahr eine unerwartet große Schülerzahl, nämlich 168 Schüler, einschreiben lassen, darunter eine stattliche Reihe, die das Gymnasium oder die Realschule besuchen. Diese große Schüleranzahl nötigte die Schulsektion, die Herr Samuel Adler mit besonders großer Umsicht und unermüdlichem Fleiße leitet, zur Aufnahme einer dritien Lehrkraft. Auch der Barmizwahkurs wird im heurigen Jahre fortgesetzt und von mehreren Schülern besucht. Weiters wird für das 8. Semester die Errichtung eines Kurses für erwachsene Mädchen geplant. Es erwächst daher im heurigen Jahre der Schulsektion eine besonders hohe Aufgabe und wird dieses große Ziel nur durch die bisherige Stetigkeit der stillen Arbeit, nur durch die treue Nachhaltigkeit des Bemühens, durch die lückenlose Pflichterfüllung und durch die unerschöpfliche Kraft des Willens erreicht. Wien. („Hasomir", Verein zur Förderung jüdischer Literatur und Kunst) veranstaltet Montag den 12. Dezember im „Jüdischen Theater" (II.» Taborstraße 12) einen Theater-Abend. Zur Aufführung gelangt „Muschiachs Zeiten" von Schalom Asch. Vortrag vom VereinSobmann Schriftsteller I. A- Loubezky. Beginn 8 Uhr. Karten ä X 3.—, 2.-, 1.40 und 80 Heller sind bei allen Ausschußmitgliedern und an der Kaffe erhältlich. Anmeldungen als Mitglied des Vereines find an Dr. B. O st i l l e r, II., L-opoldsgasse 56, zu richten.

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