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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Blochs Wochenschrift. habe den „Irrtum" des 16. und 17. Iahrhundertes. durch welche eine ganze Klasse Menschen, die ihrem Vaterlande stets hervorragende Dienste geleistet haben, ihrer Habe beraubt und aus dem Lande vertrieben wurden, eingesehen. Der Gouverneur hob hervor, daß die Juden außerordentlich viel zur Hebung und Entwicklung der Delagva Bau brigetragen haben und sprach den Wunsch aus, daß die Juden dieses Land in größerer Zahl besetzen mögen. Juden auf dem-Schlachtfeld. Die „Breslauer Zeitung" frischt folgende Kriegserinnerung auf: Am 30. Oktober waren es vierzig Jahre her, seitdem ein tapferer Schlesier, dessen nachahmenswerte Taten man sogar in historischen Berichten und Liedern der Nachwelt erhalten hat, im großen Kriege gegen die Franzosen seinen Heldentod erlitt. Siegfried Karsunkelstein, dessen Eltern in Beuihen lebten, Hütten den Krieg vom Anfang an bei dem Elisabeth-Garderegiment mitgetämpst. Als Gefreiter wurde er für seine hervorragenden Dienste auf freiem Feld vor Metz mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. Seine größte Heldentat aber vollbrachte er bei Le Bourget, wo er dem vom Feindesblei tödlich getroffenen Träger todesmutig die Fahne aus der Hand nahm und sie, zu neuem Eifer anfachend, siegesgewiß in die Höhe schwang. Kein Geringerer als dex greise General von Budritzki hat sie dem heldenmütigen Jüngling abgenommen, als eine feindliche Kugel seine Brust durchbohrte, und der kühne Kämpfer kraftlos zu Boden sank. Die Kriegsberichte aller Zeitungen haben den unerschrockenen Mut dieses Grenadiers gepriesen. Welch begeisternden Eindruck diese Heldentat aber auch bei den Ueberlebenden hinterlassen hat, möge die Tatsache illustrieren, daß sogar in Schullesebüchern ein Gedicht Aufnahme gefunden hat, in dem Graf v. Dyherrn dem vorbildlichen Grenadier ein dauerndes Denkmal gesetzt hat. Erwähnen wollen wir noch, daß das Eiserne Kreuz des Helden, vom feindlichen Blei verbogen, in der hiesigen Synagoge aufbewahrt wird. Das Kunstwerk eines Rabbiners. Reverend E. Lipkin, Rabbiner einer jüdischen Gemeinde in der Kap-Kolonie, hat dem König Georg von England ein Kunstwerk zum Geschenke gemacht, das am englischen Hofe geradezu Aufsehen erregt hat. Es ist ein vortrefflich gelungenes Bild des verstorbenen Königs Eduard. Das Bild besteht aus 85.000 leserlich kalligrafierten Worten: eine getreue Biographie König Eduards. Der Autor des Kunstwerkes ist Rabbi Lipkin selbst, der an diesem Bilde drei Jahre lang gearbeitet hat. Lipkin stammt aus Rußland und kam im Alter von 18 Jahren nach England. Er bekleidete in verschiedenen englischen und südamerikanischen Städten Rabbinerposten. Rabbiner Lipkin erhielt von König Georg und zahlreichen hochgestellten Persönlichkeiten Anerkennungsschreiben für sein treffliches Werk. Bildhauer Glitzenstein, Professor -er Warschauer Kunst- Akademie. Die Warschauer Kunstakademie hat den berühmten jüdischen Bildhauer Henych Glitzenstein als Professor und Leiter der Abteilung für Skulptur berufen. Glitzenstein hat die Berufung angenommen und wird seinen Posten demnächst antreten. Glitzenstein gehört heute zu den Künstlern ersten Ranges. Seine Werke bilden die Zierde der städtischen Museen von Krakau, München und Rom. Sein Atelier in Rom, wo der Künstler seit mehreren Jahren lebt eite 813 und schafft, wird von jedem Reisenden, der Sinn und Interesse für Kunst besitzt, aufgesucht und jedes neue Werk Glitzensteins bildet ein Ereignis in der Kunstwelt. Henych Glitzenstein ist ein polnischer Jude. Er wurde vor 35 Jahren in dem kleinen Städtchen Turek im Kalischer Gouvernement geboren. Sein Vater war ein armer Talmudlehrer. Henych erhielt eine religiös-jüdische Erziehung und war noch mit 15 Jahren Bachur in einem Beth-Hamidrasch. Hier pflegte der junge Talmudist die Wachsreste der Iahrzeillichter zusammenzutragen und im Verborgenen verschiedene Figuren daraus zu kneten. Bald ward er in der Ieschibah als „verrückter Figurenkneter" verrufen. Um diese Zeit begann der verstorbene Maler Hyrszenberg, der damels in Lodz lebte, sich für den Jungen zu interessieren. Er erkannte in Glitzenstein das große künstlerische Talent und verhall ihm dazu, d atz er zur Ausbildung in der Krakauer Kunstakademie Ausnahme fand. Nach kurzem Aufenthalte in Krakau ging Glitzenstein nach München, wo seine Arbeiten die Aufmerksamkeit seiner Professoren auf sich lenkten. Hier wurde dem jungen Künstler die erste An« erkennung zuteil. Seinen Weltruf begründete Glitzenstein durch seine Werke, die im Pariser Salon zur Ausstellung gelangten. Die Kritik erkannte unumwunden das große Talent mit seiner Neigung zum Klassizismus. Nach vielen, langen Studienreisen ließ sich Glitzenstein schließlich in Rom nieder, wo er auch sein Atelier eröffnete. Trotz des großen Ruhmes, den Glitzenstein sich erwarb. blieb er dennoch ein überzeugungstreuer Jude. Seine bedeutenderen Werke sind dem Schatze jüdischer Geschichte und jüdischer Legende entnommen. Line Kopie seines jüngsten großen Werkes „Der Messias" schenkte er der Kunstschule „Bezalel" in Jerusalem. Das Original beabsichtigt die Stadt Rom ^u erwerben und Glitzensteins höchster Wunsch wäre es, daß fein Meisterwerk vor dem Alten Tore in Rom Aufstellung finde, dort, wo nach der Legende. Messias gefesselt sitzt, was auch das Kunstwerk darstellt. Auch die übrigen berühmteren Werke Glitzensteins sind jüdischen Motiven entsprungen, wie „Iesthtas Tochter". „Bar Kochba", „Kain und Abel", „Das klagende Weib" (Symbolisierung der Trauer um die Zerstörung Jerusalems). Glitzenstein. der an allen großen jüdischen Volksbewegungen regen Anteil nimmt, ist trotz seines Künstlerruhmes em überaus bescheidener, einfacher Mensch. Dr. Hirsch Hildesheimer f. A. Eine erschütternde Nachricht kommt aus Berlin. In der Vollkraft seines Schaffens wurde einer der warmsühlendsten, arbeitsfrohesten Menschen aus dieser Zeitlichkeit abbervfen. Ganz Israel hat zu klagen über einen glaubenstreuen, charakterfesten Mann, der durch seine kaum zu überbietende Herzensgüte seinen Freunden — und der Kreis derer, die sich schmeichelten, ihm nahezustehen, war weitgezogen — unsagbar teuer war. All diejenigen, die seine öffentliche Tätigkeit aufmerksam verfolgten, sehen sich heute einer kaum aussühlbaren Lücke gegenüber. Das von Feinden rings umgebene Israel, das nach Kämpfern und Verteidigern sehnsuchtsvoll Ausschau hält, hat einen seiner besten, begabtesten und unverzagtesten Streiter verloren: mit Hirsch Hildesheimer finkt ein Held ins Grab, der seine Wehr und Waffe stets frisch und glänzend hielt, um bereit zu sein, waun und wo er sein Teuerstes, seinen Glauben und sein Volk, von Angriffen bedroht sah, mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit auch dem machtvollsten Gegner die Stirn zu bieten. Das zeitgenössische Judentum weint um den treuen Ekkehard. Was der Mann, der vielen Fremden als Freund galt, der gänzlich Unbekannten ein treuer Helfer war, was dieser große Sohn des jüdischen Stammes feinen Nächsten war, ist kaum zu schildern; an die unsagbare Trauer, die bei dem gewaltigen Verlust seine Familie umhüllt, daran wagt man kaum zu denken.

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