Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 812 Dr. Vlochs Wochenschrift. Str. 49 siegelt, die öffentliche Meinung in höchster Entrüstung, den Priestern wird auf der Straße nachgefchimpft, sogar die berüchtigsten Hetzkapläne Warschaus sind melancholisch gestimmt und täglich liest man von neuen Verhaftungen verschiedener Damen und Herren der frommen Gesellschaft. Noch im Juni konnte man in den besten Gasthösen Spaniens ein stattliches Paar bewundern, welches wie fürstliche Gnaden fich benahm — den elegant in weltliche Tracht gekleideten Prior und eine ziemlich bekannte Operettensängerin, deren Gemahl, einem Theaterunternehmer, aus dem Czenstochauer Kloster viele heilige Drachmen und Rubel auf Bankwegen überwiesen wurden. Im Laufe der letzten drei Jahre hatte aber der tüchtige Prior kein Gluck. Zuerst brannte der große Kirchturm ab, der wie eine Standarte das ganze Land überragte; böse Zungen zischelten, daß dieser Brand sich außerordentlich gelohnt habe, denn eine Unmasse von Geld wurde zum Wiederaufbau gespendet und die häretische Forderung einer Rechnungsablegung natürlich niemals erfüllt. Darauf wurde am 23. Oktober 1909 das wundertätige Bild der Muttergottes samt dem Bambino der Diamantenkronen und der Perlenkleider geraubt. Schließlich entdeckte die Polizei in dem Pater Damasius Macoch (sprich Matzoch) den Mörder des Wenzel Macoch und in ebendemselben Pater nebst zwei anderen, den Patres Basilius und Isidor, die wahrscheinlichen Kirchenräubcr, wobei der Mord nur eine Folge des Zwistes bei der Teilung des Raubes sein sollte. Die frommen Leute hatten nun die löbliche Absicht, durch einen Pogrom gegen die Juden die öffentliche Aufmerksamkeit abzulenken. Ueber die Veranstaltungen hiezu weiß Curt Freiherr von Reitzen st ein allerlei interessante Einzelheiten zu erzählen: „Man hat kein Mittel gescheut, die Aufmerksamkeit der gläubigen polnischen Bauern von den wahren Nebelt ätern abzulenken. Vor Jahresfrist, als man die Entdeckung der Uebeltaten fürchtete, mußte einer der Hauptzeugen sterben, ja man scheute sich sogar nicht, den Massenmord, den Pogrom, vorzubereiten. Dazu gehört eine detaillierte Kleinarbeit. Die Beamten, der polnische Lehrer, der polnische Gastwirt müssen gewonnen werden. Das kostet Geld, viel Geld. In welcher Weise gearbeitet wurde, kann man heute noch hören, wenn man die Leute in der Vorstadt durch ein Schnäpschen zutraulich gemacht hat. „Nein, Herr, ich bin jetzt 57 Jahre und ich habe etwas von der Welt gesehen", so begann ein alter Bauer in der Vorstadt von Czenstochau, vor seiner Hütte sitzend und sich die knochigen Hände reibend, zu erzählen, „ich bin in Rumänien gewesen und habe bei Plewa gegen die Heiden gefochten und seit dreißig Jahren habe ich bei den frommen Vätern im Kloster gearbeitet. Gewiß, der Briefträger Moczach mußte sterben, ist doch auch unser Herr und Heiland gestorben für den Ruhm seiner Kirche, sogar am Kreuz. Und wie der hochwürdige Herr Pfarrer sagt, hat sich doch der liebe Gott sogar eines der Jünger bedient, um den Herrn und Heiland in die Hände der Schergen zu geben. Wie der hochwürdige Herr Pfarrer sagt, warum sollte er sich nicht des Paters Moczach bedienen als seines Werkzeuges." Die Schwiegertochter des Alten, eine dralle Bäuerin, hatte still zugehört. Mit einer energischen Handbewegung strich sie die blonden Haare unter das rote Kopftuch zurück und sagte: „Ich laß es mir nicht ausreden, die, die nnseren Herrn gekreuzigt haben, die uns das Brot rauben, die haben auch die Kirche beraubt und geschändet, so daß die heilige Mutter Gottes nur auf eine Stunde sich uns zeigt, während wir doch sonst den ganzen Sonntag vormittag ihre Gnade fühlen konnten." Das Gnadenbild in der Kapliza, der heiligen Klosterkapelle, wird jetzt nach den Skandalen nur auf eine Stunde enthüllt und die Bevölkerung empfindet das als etwas Furchtbares. Etwas Furchtbares muß vor sich gegangen sein, denn die Orgel im Kloster ist verstummt, die Glocken läuten nicht und die Messe wird still gelesen. Obgleich der Magistrat gewarnt hat und die Soldaten diejenigen schützen, die den Heiland gekreuzigt haben, die Juden, so ist man doch überzeugt, daß sie die Schuld an dem Unglück tragen. „Was schwatzt ihr für Unsinn," rief unwillig der alte Peter, „der Jude ist gut zu uns, er gibt uns das Wässerchen, den guten Wodka, er gibt ihn uns auch, wenn wir kein Geld haben und wartet ruhig, bis der alte Peter etwas verdient." „Jawohl, dir geben sie etwas", sagte eine schwindsüchtige junge Frau, „sie wissen, daß dir die Gläubigen die Kopeken zuwerfen, ganze Hände voll, wenn du an der Klrchentür deine verkrüppelte Hand zeigst. Aber uns und unsere Kinder wollen sie verhungern lassen." „Ja, der Herr Pfarrer hat eS uns gesagt und der Herr Lehrer hat es uns aus der Zeitung vorgelesen." In der Zeitung, der guten, die man' lesen darf, da hatte es gestanden. Einen Brief hatte man gefunden von dem Moritz Rodenberg, den kannte zwar keiner, aber das schadet nichts, es stand ja in der Zeitung. Da hatte der Moritz angeblich an den Löb geschrieben: „Lieber Löb! Was soll man sagen? Die polnische Bestie wird unverschämt. Sie will uns behandeln; nix werden wir uns lassen behandeln. Wer hat das Geld in der Hand? Wir! Wer hat in der Hand den Getreidehandel? Wir! Werden wir steigern den Preis für das Getreide um V« per Zent. Wird die polnische Bestie quietschen, verhungern soll sie mit ihrer Brut!" So hatte es in der Zeitung gestanden und Bilder von dem Moritz Rodenberg wurden herumgezeigt, wie er dastand mit dem dicken Bauch, vollgefressen, als hätte er die XU Prozent schon verschluckt. Dann ein besonderer Gnadentag im Kloster und Mütterchen braucht ein neues Kopftuch, um würdig vor der allerwürdigsten Mutter von Czenstochau zu erscheinen und Väterchen braucht ein Schnäpschen mehr für den weiten Weg zur Gnade. Und da man ein arger Sünder ist, der seinen Sinn nur auf das Irdische gerichtet hat, auf das, was der Rost und die Motten fressen, so kann man bei der Beichte die Frage des Hochwürdigen nicht verneinen, daß man begehrt hat seines nächsten Gut. Hat doch der Nachbar eine frischmelkende Kuh und die Nachbarin trägt zur Messe eine seidene Schürze. Da die Schrift sagt, man soll an dem gestraft werden, mit dem man gesündigt hat, so wandern die letzten schmutzigen Kopeken in die Büchse an der'Kirchentür. Nach zwei Tagen schreien die Kinder daheim nach Brot. Beim Schmul Mendenburg steht man schon tief in der Kreide, er borgt nicht mehr. Man geht zur gnädigen Frau aufs Schloß. Sie ist doch sonst so gut und hilft gern. Und erst gestern hat sie gebeichtet und so lange und eindringlich hat der hochwürdige Herr Pater mit ihr geredet, da wird sie heute doch recht milde sein. „Panny, hilf uns!" — Doch die Panny, die gnädige Frau, ist heute hart. Das Brot ist teuer und die Zeiten sind schlecht, sagt sie. Also ist es doch wahr, der Jude will den Gläubigen verderben. Er verteuert das Brot. Auf den Dorfstraßen, den Gassen der Vorstadt stehen erregte Gruppen. Der Joseph Czernikulla, der polnische Gastwirt, der Konkurrent von Mendelburg, zu dem man sonst nicht gern geht, wenn er nicht borgen will, feiert heute gerade Namenstag. Und wunderbarerweise. er gibt freien Schnaps! Er ist in sich gegangen, der alte Sünder. War er doch gestern auch zur Beichte; zwar wollte er erst nicht, aber Zacharias, der Diener des frommen Vaters Wladimir, war bei ihm gewesen. Der hat ihm wohl ins Gewissen geredet. So kam er zur Beichte und es hat doch geholfen! Wie er heute den Schnaps schenkt, ist von Geiz nichts mehr zu merken. Noch ein Gläschen. — „Da trink du auch mal, Frau!" Ha, wie das wärmt. Da schreit ein Kind. Sie denkt, wie die ihren zu Hause hungern in der kalten Stube und zähneknirschend murmelt sie: „Totschlägen sollte man die Hunde!" Die Nachbarin hörts. Das Wort geht von Gruppe zu Gruppe. „Auf in die Stadt. Schlagt sie tot."-- So war es vor Jahresfrist in Czenstochau und Umgegend. Die Stimmung in Siedehitze gegen die Juden. Einen wundervollen Pogrom hatte es gegeben. .Man hatte sie totgeschlagen zu Hunderten. Die Toten hätten dann einmal beweisen sollen, daß sie nicht die Diebe waren. Wer den Armen das Brot nimmt, bestiehlt doch auch die heilige Mutter Gottes!" Ein Pogrom ist stets das Zeichen, daß etwas oberfaul st an an einer Stelle im heiligen Rußland. Diesmal paßte es der Regierung nicht. Die Pogroms werden bloß für Bedarf der Regierung gemacht. Die Schützen hatten darum ausnahmsweise scharfe Patronen. Man deutete auf die Husaren, die ihre bunten Uniformen für ihre unerhörte Tapferkeit gegen „Jaganski freches" verliehen erhalten hatten. Das Volk, das gläubige, kuschte und der Klosterskandal wurde offenbar. Die Regierung wollte nicht die Juden schlagen lassen, um den Polen zu helfen! Vom Aabrmarkt des Lebens. Ein portugiesischer Staatsmann Wer die Juden. Ein Vertereter des „South African Iewish Lhronicle" hatte mit dem Generalgouverneur von Mozanbique (portugiesische Kolonie in Afrika) eine Unterredung. Der Eeneralgouverneur Major Freire d'Andrade betonte die großen Dienste, welche die Juden von Laurenco Marques, Beira und anderen Städten feines Gouvernements. Portugal geleistet haben. Major d'Andrade erklärte, Portugal