Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 814 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 49 1855 in Eisenstadi geboren, kam er mit seinem großen Vater, Rabbi Israel Hildesheimer 1869 nach Berlin, besuchte dort das Gymnasium, studierte dann klastische Philologie und oblag zu gleicher Zeit eifrig talmudischen Studien. Mit einer Distertation über Aurelius Victor promovierte er. Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens hatte das Berliner Rabbinerseminar auch Gymnafialklasten; in diesen lag der Unterricht in den klastischen Sprachen und im Deutschen in den Händen des jungen tüchtigen Philologen. Als Dozent an die Oberabteilung des Rabbinerseminars berufen, las er dort über Geographie Palästinas und über die jüdische Geschichte bis zum Aufstand des Bar Kochba; zugleich leitete er Uebungen in der Lektüre des Josephus und Philo. Mit unglaublichem Fleiß trieb er dann Studien über Josephus und palästinensische Geographie, eine Programmarbeit über die Grenzen des heiligen Landes fand viel Anerkennung und erregte allenthalben Aufsehen. Seine Schüler gedenken dankbar seines außerordentlich angenehmen und fesselnden Unterrichtes. — So erfolgreich seine Dozententätigkeit war und wie bedeutend auch seine wissenschaftlichen Leistungen sein mochten, der unermüdliche Philanthrop und der warmherzige und erfolggekrönte Vorkämpfer für die Ehre des jüdischen Glaubens und Stammes, ließ oft vergesten, daß Hirsch Hildesheimer von Beruf Gelehrter und Lehrer war. Seit 1883 leitete er die „Jüdische Presse". Sein journalistisches Talent stellte er in edelster Selbstlosigkeit in den Dienst der Allgemeinheit. Die außerhalb der deutschen Reichshauptstadt Wohnenden, kannten ihn als Meister der Feder; diejenigen, denen es vergönnt war, persönlich mit ihm zu Verkehren, konnten nicht genug den hinreißenden, sprach« gewaltigen Redner bewundern. Alle großen jüdischen Wohltätigkeitsverbände des jüdischen Deutschlands rechneten zu ihren größten Förderern und ersten Leitern den Redakteur der „Jüdischen Preffe"; ein großer Teil der Berliner jüdischen Lokalvereine bemühte sich ihn für ihren Vorstand zu gewinnen. Was Hirsch Hildesheimer in der Abwehrbewegung Großes geleistet, ist bekannt. Bis zum letzten Tage seines Lebens gehörte seine Sorge und Arbeit der Verteidigung der jüdischen Schlachtmcthode gegen die sattsam bekannten, sich immer wiederholenden Angriffe verkappter und offener Judenfeinde. In fast dreißigjähriger glücklicher Ehe lebte er mit seiner gleichstrebenden trefflichen Gattin, eine Kusine, Röschen geb. Hirsch, aus Halberstadt. Vor ungefähr 6 Jahren traf ihn das Mißgeschick, von einem Motorwagen der elektrischen Straßenbahn in Berlin vor seiner Wohnung überfahren zu werden. Von den dabei erlittenen schweren Verletzungen erholte er sich nicht mehr und sein leider allzufrüher Tod scheint im ursächlichen Zusammenhang mit dem Unfall zu stehen. Der Schmerz des Einzelnen wird gemildert durch das Bewußtsein, zahllose Mitfühlende und Mitklagende zu haben. Der Blick auf die Gesamtheit der diesen Verlust Bejammernden jedoch läßt die Wunde so schmerzhaft erscheinen, daß aufs Neue die Träne rinnt. „Ganz Israel wird den Brand beweinen, der nach dem unerforschlichen Ratschluffe des Höchsten hier entzündet wurde." Korrespondenzen. Wahlen in de« Kultusvorstand. (Kurie der Hochbesteuerten,) Mittwoch den 7. Dezember 1910 fanden die Wahlen für den israelitischen Kultusvorstand aus der Kurie der Hochbesteuerten statt mit folgendem Resultat: Bei der Neuwahl von vier Vorstandsmitgliedern mit sechsjähriger Mandatsdauer wurden 259 Stimmen abgegeben. Als gewäht erscheinen: Dr. Josef Breuer mit 231 Stimmen, David Ritter v. Gutmann mit 234 Stimmen, Moriz Edler v. Kuffner mit 233 Stimmen, Wilhelm Kuffner mit 231 Stimmen. Bei der Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit vierjähriger Mandatsdauer wurden 256 Stimmen abgegeben; als gewählt erscheint Ernst Hirsch mit 240 Stimmen. Bei der Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit zweijähriger Mandatsdauer wurden 292 Stimmen abgegeben; gewählt erscheint der Hofjuwelier Max Zirrrer mit 187 Stimmen. In der Minorität blieb Herr Wilhelm Pahpenheim mit 100 Stimmen, die übrigen Stimmen waren zersplittert. Das überraschende Moment der diesmaligen Wahl in der Kurie der Hochbesteuerten tvar die ungewöhnlich rege Wahlbeteiligung, die überaus große Zahl von Gemeindemitgliedern, welche diesmal zur Wahlurne erschienen sind, Wähler, die sonst den Kulluswahlen vollständig fernblieben. Aus der Kurie der Hochbesteuerten pflegten nur jene Persönlichkeiten das Wahlrecht auszuüben, welche der Kultusgemeinde und ihren Institutionen in irgendeiner Weise nahestehen oder in der Leitung wichtiger jüdischer Organisationen fitzen. 150 Stimmen wurden sonst bei dieser Wahlhandlung abgegeben; die von dem offiziellen Wahlkomitee nominierten Kandidaten hatten hier nie eine Opposition zu befürchten. Zum erstenmal ereignete sich in diesem Jahre, daß auch bei dem Wahlgang in der Kurie der Hochbesteuerten ein heftiger Wahlkampf sich abspielte. Für das zweijährige Mandat war vom offiziellen Wahlkomitee Herr Wilhelm Pappenheim nominiert, welcher seit vielen Jahren in der Leitung der „Wiener Israelitischen Allianz" wirkt und auch als Vorsteher des Armenamtes viele Verdienste um die Wohltätigkeits-Institutionen der israelitischen Kultusgemeinde sich erworben hat, ein Mann von ungewöhnlicher Intelligenz, reicher Kenntnis aller jüdischen Angelegenheiten, ein geistreicher, witziger und schlagfertiger Redner, der alle Erfordernisse für das Mandat eines Kultusvorstehers in seltenem Maße in sich, vereinigt. Der Ausgang schien sohin unbestritten. , Wenige Tage erst vor der Wahl — so wenigstens wird versichert — unternahm der Hof- und Gerichtsadvokat Doktor Josef Winternitz im Vereine mit einigen Freunden 'eine rührige Agitation, um die Wahl des k. k. Hofjuweliers Herrn Max Z i r n e r zum Vorstandsmitglied durchzusetzen. Sie widmeten dieser Aufgabe einen Feuereifer und entwickelten eine Kunstfertigkeit, die schier an amerikanische Vorbilder erinnern. Doktor Winternitz und seine Freunde ließen sich angelegen sein, zahlreiche Wähler persönlich aufzusuchen und erreichten die Unterstützung ihres Kandidaten vornehmlich in jenen Kreisen, welche sonst den Wahlvorgängen innerhalb der jüdischen Gemeinde kein Interesse entgegenbrachten. Allerdings kam es dieser Agitation zugute, daß der Kandidat Herr Max Z i r n e r in weiten Kreisen wegen seiner Opserwilligkeit, seines Wohltätigkeitssinnes große und gerechte Sympathien genießt. Man sah denn auch zahlreiche Freunde des Herrn Z i r n e r am Wahltage für ihn energisch tätig sein. Doktor W i n t e r n i tz stand während der ganzen Dauer des Wahlgeschästes vor dem Wahllokal, um seinem Kandidaten die Stimmen zuzuführen und schließlich gelang es ihm, einen Erfolg zu erreichen, welcher der großmäuligen Opposition in der allgemeinen Kurie versagt blieb. Es ist jedenfalls erfreulich, daß, wenn die Gemeinde der Mitwirkung des Herrn Pappenheim entbehren muß, der Vorstand an Herrn Z i r n e r ein Mitglied erhalten, welches als einen Gewinn für den Vorstand allgemein bezeichnet wird. Der KSM von Dänemark im Rotschiwspttak. König Friedrich von Dänemark stattete vor kurzem, vom diensttuenden Kammerherrn Obersten von Bull begleitet, dem Spital der israelitischen Kultusgemeinde (Rothschildstiftung) einen zweistündigen Besuch aV. Zu seinem Empfang hatten sich eingefunden: der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Direktor Doktor Fleischmann, die Primarärzte Professor Dr. Zuckerkands, Dozent Dr. Braun und Dozent Dok-