Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021923--19786-3044789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 49 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 811 Deutschland zumck, wo er mit dem protestantischen Missionsprediger Th. de le Roi Verbindungen anknüpfte, um zum Protestantismus überzutreten. Als Brieman-Iustus später unter Schloß und Riegel sich befand, veröffentlichte der Missionsprediger le Roi in der „Jüdischen Presse" eine Erklärung, in welcher es hieß: „Als ich Herrn B r i e m a n in unserem Glauben unterrichtete, wandte ich mich, um Auskunft über feine Persönlichkeit zu erlangen, zweimal nach dem Haag: doch konnte ich nichts über ihn erfahren. Das machte mich bedenklich. Da schrieb Herr Brieman ohne mein Vorwifsen an einen Rabbiner fälschlicherweise unter meinem Namen mit der Bitte um ein Urteil über ihn, indem er den Herrn Rabbiner glauben machte, ich sei ein jüdischer Geistlicher. Der Herr antwortete arglos — mir war das aber so ärgerlich, daß ich an der Möglichkeit, Herrn Brieman in unsere Kirche aufzunehmen, zweifelte. Indessen sah er nach meinen ernstlichen Bemühungen, ihn eines besseren zu belehren, seine Verfehlung ein, und gab er uns überhaupt tatsächliche Beweise, daß es ihm vor Allem daran lag, ein Eigentum unseres Erlösers zu werden, und er Ehre und Geld dem gegenüber nichts achtete!" Da auch der Protestantismus keine Früchte trug, fuhr Aron Brieman, um sein Mißgeschick zu korrigieren, von Berlin nach Paderborn und trat dort zum Katholizismus über. Hier hatte er endlich den günstigen Boden zur Entfaltung seiner glänzenden Talente gefunden. Es war ihm gelungen, Verbindungen mit den bedeutendsten Führern der antisemitischen Propaganda anzuknüpfen, die bald seine Brauchbarkeit erkannten und ihn gehörig förderten und unterstützten, noch besser und ausgiebiger aber ausnützten. Er wurde der Lehrmeister Dr. Rohlings und seines Genossen Dr. Jacob Ecker, und versorgte diese Leute mit Talmud-Gelehrsamkeit. Als Professor Rohling infolge seines Streites mit Dr. Bloch in schwere Bedrängnis geriet, mußte er nach Wien, um während der Prozeßzeit seinem Gönner bei Gericht und anderwärts behilflich zu sein. Rohling schrieb dazumal an Brieman folgenden Brief: Ohne Datum. „Mein Lieber! Dr. P a t t a i ist hier und sagt, daß gegen Bloch vor Gericht der Beweis der Wahrheit geführt werden muß, und wie ist das möglich, wenn sie nun fortgehen? Sie müssen mit nach Wien. Der Prozeß wird im Jänner oder Februar sein. Wollen Sie also nicht bis Ostern ganz hier bleiben? .Ich bitte also, nicht abzureisen, sondern hier zu bleiben oder aber si h in Würzburg bloß einschreiben zu lassen und dann gleich wieder hieherzukommen. Ihr treuer Freund! jrro (Der Bekannte --- Aotas.)" So reiste Brieman ab und zu nach Innsbruck, Salzburg, Graz, Wien. In all diesen Städten suchte er intime Fühlung mit den Kreisen der hohen Geistlichkeit zu gewinnen. Er rühmte sich vor Bekannten und selbst vor Fremden, daß er beispielsweise die Gunst des Fürst-Primas von Ungarn, Kardinals Simor, besitze. Ganz besonders gerne sprach er von der Freundschaft, die ihm der Fürst- Erzbischof von Salzburg Dr. Eder, zu wiederholtenmalen erwiesen habe; er sei bei dem hochwürdigen Kirchenfürsten oft zu Gaste gewesen, und es stünden für ihn jederzeit Appartements in der Salzburger Residenz bereit. Was Wien betrifft, sü rühmte er sich besonders, „Se. Magnifizenz den Rektor der Universität Prof. Zschokke" zu seinen Freunden zählen zu dürfen. In der Tat wußte sich Brieman die Gunst des frommen Gelehrten in so hohem Maße zu erwerben, daß ihn derselbe in sein Haus zog, ihn ausgiebig unterstützte und diese Wohltaten lohnte Brieman dadurch, daß er wertvolle theologische Werke aus seiner Bibliothek um Schleuderpreise verkaufte. Inzwischen publizierte er ein Buch über die „Kabbala", welches wiederum bloß das gemeine Plagiat eines von einem jüdischen Gelehrten in Leipzig erschienenen Buches bildete. In Wien gelang es ihm bald zwei Bräute aus anständigen Familien zu erwerben, eine dritte hatte er in Innsbruck sitzen lassen. Die „Österreichische Wochenschrift" darf es sich als ein Teil ihres Verdienstes anrechnen, wenn es damals mit Hilfe des unvergeßlichen Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Friedrich Elbogen gelang, diesen Herrn Brieman plötzlich hinter Schloß und Riegel zu .bringen. Als er verhaftet wurde, liefen zahlreiche Anzeigen auch wegen Heiratsschwindeleien gegen ihn ein und auf Grund derselben wurde er nach mehrmonatlicher Untersuchungshaft vom Wiener Landesgerichte wegen Urkundenfälschung zu einer Kerkerstrafe und Landesverweisung verurteilt. Die Untersuchungsakten dieses Prozesses werden dem künftigen Historiker über die geheime Geschichte des modernen Antisemitismus in Oesterreich-Ungarn, Deutschland und Rumänien überraschende Aufschlüsse bieten. Es stellte sich auch heraus, daß Herr Aron Brieman Herrn Rohling mit seiner Talmudgelehrsamkeit unterstützte, daß er Herrn Dr. Jakob Ecker „wissenschaftliches Material" lieferte und zahlreiche andere antisemitische Literaten zu seinen Kunden zählte. Brieman entschwand nunmehr für eine kurze Zeit den Blicken der Oeffentlichkeit, um dann in Italien aufzutauchen. In Rom begab sich Brieman zum Rabbinat mit der Erklärung, er möchte wieder ins Judentum eintreten und alle gegen seine Religionsgenossen erhobenen Anklagen feierlichst widerrufen! Nach einer eingehenden Beratung mit den Mitgliedern des Gemeindevorstandes, hat der Rabbiner ihm folgenden Bescheid gegeben: Wir haben nicht das Recht, einen Reuigen von uns abzuweisen. Allein die Reue darf keine scheinbare, sondern muß eine aufrichtige sein, die sich durch die Tat bewährt, welche das angerichtete Unheil wieder gutmacht. Aron Brieman möge daher vor Allem in den öffentlichen Blättern alle von ihm gegen Juden und Judentum verbreiteten Verleumdungen feierlich widerrufen! Nur nachdem dies geschehen, kann seine Wiederaufnahme in das Judentum erfolgen. Brieman versprach, dies schon in den nächsten Tagen zu tun und dann wiederzukommen. Inzwischen fand Brieman wohl wieder anderweitig Verwendung und Unterstützung. Seitdem sind mehrere Jahrzehnte im Strome der Zeit dahingerauscht und nunmehr treffin wir Herrn Aron Brieman in Kanada und gleichzeitig kommt die Nachricht, daß die klerikalen Hetzblätter in jenem Lande Artikel mit Talmud- Zitaten in Massen publizieren. Wie ihn Herr Rohling seinerzeit nach Wien dirigiert hat, so haben ihn die französischen Hetzapostel nach Kanada bezogen. Wir hoffen und wünschen, daß er in Kanada dasselbe Ende finden werde, wie einst in Wien. Me gescheitert«« Pogroinvorberritnrigen in G;e«ftocha«. Das geschichtliche Herz des katholischen Organismus in Polen, der berühmte Klosterberg Jasna Gora (Der helle Berg) in Czenstochau, erlitt eine Todeswunde. Mord, Diebstahl, Meineid, Kirchenraub, Verschwendung der heiligen Opfergaben, Bekleidung der Maitreffen mit geweihter Bijouterie aus dem persönlichen Schatzkasten der sanften Muttergottes — alle diese Todsünden und noch viele andere haben sich die weißgekleideten Väter zuschulden kommen laffen und im Laufe einer Woche dem Antiklerikalismus und freien Gedanken größere Dienste erwiesen, als es ein Vierteljahrhundert der „roten Preffe" jemals zu tun imstande gewesen wäre. Drei Mönche aus dem dort hausenden Paulinerorden find verhaftet worden, die totale Rechnungsführung, Kaffa und Schatzkammer ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.