Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 810 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 49 schienen waren. Rote Plakate an allen Straßenecken sorgten dafür, daß diese Brandschriften unter das Publikum kamen. Auf den österreichischen Gymnasien waren diese Schand-' und Lügenschrifteu sozusagen die Modelektüre der Professoren geworden und ein jüngerer Philologe, der als Supplent an ein Gymnasium in Niederösterreich kam, ohne die Werke des großen Prager „Talmudisten" studiert zu haben, erzählte, daß er von seinen Kollegen wegen seiner Unwissenheit viel gehänselt wurde; man beeilte sich, ihm ein Exemplar von R o h l i n g's neuester Schrift unentgeltlich zu überreichen. Ueber die Verheerungen, welche die in der „Tribüne" erschienenen Artikel speziell in Kreisen des österreichischen Richterstandes angerichtet, erzählte gelegentlich der verewigte Landesadvokat Dr. Braun aus Prag, der uns seit Jahren eine freundliche Gesinnung bewahrte. Unmittelbar nach Erscheinen jener Brandartikel hatte er einen Termin beim Prager Gerichtshof und fand den Richter, einen sonst humanen liberal denkenden Beamten, in voller Aufregung: der erklärte rundheraus, daß es bedenklich für einen gewissenhaften Richter sein muß, nach den „Enthüllungen" Rohling's einen Juden zur Zeugenaussage oder zum Eide zuzulassen. In den Wirtshäusern der Wiener Vororte las man die „Tribüne" den Gästen laut vor und die Juden scheuten sich, die öffentlichen Lokale zu besuchen. Das Schlimmste war, daß auch zahlreiche Juden anfingen, den Verleumdungen Glauben zu schenken. Diesen verheerenden Wirkungen entgegenzutreten, publizierte Dr. Bloch in der „Wiener allgemeinen Zeitung" jene Artikel-Serie, welche den Prager Professor als notorischen Lügner und Verleumder und als einen vollständigen Ignoranten in Sachen der hebräischen Literatur vor der Oeffentlichkeit brandmarkten. Der Erfolg jener Artikel war derart, daß jene Nummern der „Wiener Allgem. Zeitung" wiederholt gedruckt werden mußten und von den Artikeln Uebersetzungen in allen Sprachen veranstaltet wurden. Nunmehr erkannte man auch in den höchsten Kreisen die eigentliche Natur dieser Art Gelehrsamkeit, mit welcher der Prager Professor vor der Oeffentlichkeit flunkerte, und man riet ihm, sich still zu verhallen. Als er aber in Nyreghaza bei der Schlußverhandlung gegen die Märtyrer von T i s z a-E s z l a r sich zur gerichtlichen Eidesleistung zugunsten der Blutlüge angeboten hatte, ereilte ihn die Katastrophe. Dr. Bloch bedrängte ihn öffentlich durch drei Leitartikel in der „Wiener Morgenpoft" derart, daß Professor Rohling gezwungen war, beim k. k. Landesals Schwurgericht die Ehrenbeleidigungsklage zu überreichen, welche bekanntlich für ihn den verhängnisvollen Ausgang nahm. Um diese Zeit der ärgsten Bedrängnis R o h l i n g s erschien auf der Wiener Bildfläche plötzlich Herr Aron Brieman und in einer Eingabe, welche der Vertreter Rohlings, Herr Dr. Robert P a t t a i, dem Wiener Landesgerichte übermittelte, verlangte der Prager Professor, daß als Sachverständiger in seinem Streite mit Dr. Bloch vom Gerichte einvernommen werde „Herr Dr. August Brieman, gewesener Oberrabbiner zu Haag (?!) jetzt in Paderborn".*) Auch Herr Professor Dr. H. Z s ch o k k e von der Wiener theologischen Fakultät, damals Rektor der Wiener Universität, unterstützte bei Gericht die Einvernahme dieses Dr. August Brie maus, „welcher gegenwärtig in Wieden, Frankenberggaffe Nr. 4 wohnt". Aron Brieman, an welchen der Wiener Richter bei späterer Gelegenheit die Frage gerichtet hat, zu welcher Religion er sich „dermalen" bekennt, gehört zu jenen Individuen, Welche mit ihrem Religionsbekenntnis einen förmlichen Tauschhandel treiben und davon ihre Eristenz fristen, die sich davon ernähren, daß sie dieselbe Religion *) Die Angabe „Paderborn" als Wohnort Briemans war auf Täuschung des Gerichtes berechnet, B. befand sich damals in Prag bei R. für Bezahlung verleumden, als deren starrste und eifrigste Verehrer sie sich vorher giriert haben. Er war nie Rabbiner oder gar „Oberrabbiner", sei es zu Haag oder sonstwo, wie Dr. Pattai im Namen Rohlings dem k. k. Landesgericht fälschlich meldete. Er zählt zu den verwegensten und frechsten „ Talmud-Hußaren", die je in der Vergangenheit aufgetreten sind; seine Lebensgeschichte dürfte gegenwärtig für die Juden in Kanada von nicht geringem Interesse sein. In Continesti, in Rumänien geboren, lebte er bis zu seinem 20. Lebensjahre unter seinem richtigen jüdischen Namen Aron Israel Briemann als Privatmann in einem Dorfe bei Buczäcz in Ostgalizien, wo er Frau und Kinder sitzen ließ. Eines Tages verschwand er nämlich aus Buczacz, ohne Abschied von seiner Familie zu nehmen. Er tauchte in Krakau als ein Mann von äußerst rigoroser Frömmigkeit auf, knüpfte dort die Bekanntschaft mit den Krakauer jüdischen Bürgern D. Mandelbaum und dem Hotelier Schenkein an, mit welchem er später noch eine Zeit lang in Briefwechsel blieb. Von dort ging er nach Berlin. Trotz geheuchelter Frömmigkeit, gelang es ihm nicht, auf einen grünen Zweig zu kommen und er wandte sich nach Holland, wo er tatsächlich im Haag wegen seiner hohen Frömmigkeit, die er an den Tag legte, Eingang in die besten Familien fand. Viel bewundert wegen seines talmudischen Wissens, hätte es ihm gelingen können, eine reiche jüdische Patrizier-Tochter heimzuführen — wenn er nicht eben bereits verheiratet gewesen wäre, Weib und Sohn in Rumänien sitzen gehabt hätte. Er versuchte deswegen einen originellen Schwindel. Eines Tages schrieb .er an den Hotelier Schenkein in Krakau, er möchte einen, in geschlossenem Kuvert beigelegten Brief an die Adresse des Rabbiners von Haag besorgen. Gleichzeitig proponierte er ihm für seine Tochter eine Partie mit einem reichen Bankier aus Hamburg, mit der Versicherung, daß er diese durchführen werde, wenn Schenkein sein Interesse wahren und den Brief an die Adresse befördern werde. Er selber soll nämlich, hieß es ferner, eine vornehme Dame im Haag heiraten, und zu diesem Zwecke sei ihm der Brief nötig. Herr Schenkein, der ihm schon aus früheren Briefen ein Mißtrauen entgegentrug, und von Neugier geplagt, erbrach das Kuvert. Es befand sich in demselben ein in hebräischer Sprache abgefaßtes Schreiben, angeblich vom Krakauer Rabbinate an das Haager, mit dem Inhalte: „daß der weltberühmte Gaon Reb^lron Israel Brieman aus Krakau vor demselben die Scheidung mit seiner Frau, die ihm untreu geworden, vorgenommen, und demgemäß eine zweite Ehe eingehen kann." 'Selbstverständlich hat der Empfänger das Schreiben nicht abgesendet. Verhängnisvoller für ihn war ein literarisches Gaunerstück. Er ließ nämlich ein hebräisches Werk: „Kontros Marecheoth Haschulchan von Aron Israel Brieman, Amsterdam 5640 (1880)" drucken, welches eine seltene Belesenheit in den talmudischen Kodizes bekundet und deswegen von den ahnungslosen Rabbinern in Acquien und vom Haag eine Approbation erhielt, welche voll des Lobes über den Verfasser Brieman ihn auch mit dem Gaon-Titel schmückten. Bald darauf entdeckte man ein in Wilna im Jahre 1877 bei Katzenellenbogen erschienenes Merkchen ,, Schaar Zion" nebst -„Kontras Machze Abraham", welch letzteres nach der dortigen Angabe bereits im Jahre 5517 von R. Abraham Wallerstein verfaßt und in Fürth gedruckt wurde. Schon nach flüchtiger Vergleichung des Briemann'schen Merkchens mit dem „Machze Abraham" war es unzweideutig ersichtlich, daß ersteres eine wörtliche Kopie des letzteren Merkchens -ist. - Die Entdeckung dieses Betruges zerstörte seine letzten Hoffnungen, um derentwillen er die strengste Orthodorie zur Schau trug. Er verließ Holland, kehrte nach