Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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st « Dr. Bloch’s Zentcalovgan füt die gesamten Interessen des Judentums -uz —□- Wien, 9, Dezember 1910 jßrscfoeint jeden Freitag. / Brief-Adresse: Wie». IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. OCf- -- =5)0 p Vexugspreis für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis 4malgespalj fette Petitzeile 24 Heller. C oP ■ .-^Qo? N. ft. Postsxarftsffensmt? Sleartng-Verkebr Hr. 810.976. Redaktion und Administration: * Wir« IX/if Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. <l OP --:-0O Inhalt: Leitartikel: Die Hetze gegen Talmud und Judentum in Kanada. — Die gescheiterten Pogromvorbereitungen in Czenstochau. — Dom Jahrmarkt des Lebens: Ein portugiesischer Staatsmann über die Juden. Juden auf dem Schlachtfeld. Die Kunstwerk eines Rabbiners. Bildhauer Glitzenstein, Professor der Warschauer Kunstakademie. — Dr. Hirsch-Hildesheimer s. A. — Korrespondenzen: Die Wahlen in den Kultusvorstand. Der König von Dänemark im Rothschildsp tal. Eine Stiftung der Witwe des Professors Oser. Der Bildungszensus der galizischen Rabbiner. Das 25jährige Jubiläum des Zentralvereins zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag. Studentenversammlung in der Aula der Czernowitzer Univeisität. — Eine jüdische Mensa. Von der Budapester Universität. Fleischteuerung und Antisemitismus. Die italienischen Juden auf der internationalen Ausstellung für Hygiene. Jassy. Das Zeitungswesen in Palästina. Judenverfolgungen in Sibirien. Neue Einwanderungsschwierigkelten auf Ellis Island. Juden in den letzten amerikanischen Wahlen. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Inden in Polen. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Die Hetze gege« Talmud und Indrulum i« Kanada. Aron Brieman in Sicht. Der Brief des Rabbi Hirsch Cohen aus Montreal, Kanada, in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" verdient die ernsteste Aufmerksamkeit in allen leitenden, jüdischen Kreisen. Wiederholt kamen Nachrichten aus Kanada, welche auf eine starke, antisemitische Strömung in jenem Lande hinwiesen, und es fehlte nicht an Andeutungen, daß ernste Ereignisse sich dort vorbereiten. Die erste merkwürdige Meldung war, das die Einwanderungsbeamten den Befehl erhalten hatten, jüdische Einwanderer, ohne Rücksicht auf das Land, aus welchem sie ausgewandert sind, als Asiaten zu betrachten, die nach den kanadischen Einwanderungsgesetzen nur dann hereingelassen werden können, wenn sie den Besitz von 200 Dollars Nachweisen. Diese Meldung, welche auch der „Oesterreichischen Wochenschrift" zuging, hielt man anfänglich in Europa für unglaubwürdig, bis dann die Bestätigung eintraf, daß diese Maßregel bereits gegen mehrere jüdische Familien angewendet wurde, deren Rekurse erfolglos blieben. Der plötzliche Ausbruch einer antisemitischen Bewegung in Kanada fällt zeitlich zusammen mit der Einwanderung zahlreicher, katholischer Kongregationen aus Frankreich nach Kanada. Der französische Klerikalismus, in seiner Heimat zur Ohnmacht verurteilt, betreibt umso energischer seine Propaganda in den Kolonien und in den überseeischen Ländern. Für die Machteinbuße der Kirche in Europa soll anderwärts Ersatz geschaffen werden. Die Methode dieser religiösen Propaganda ist aber keine andere als jene, welche man im Mutterlande, in Frankreich selber, zur Zeit der aufregenden und schmachvollen Dreyfus-Hetze betrieben hat. In dem Judenhaß allein sehen diese klerikalen Politiker das wirksamste, agitatorische Element, die Massen der Kirche zuzutreiben. Die antisemitischen Unruhen in Algier wurden von Paris aus durch die Machthaber der Republik energisch unterdrückt; Kanada aber steht nur nominell unter englischer Herrschaft, die englische Regierung ist hier ohne alle Rechtsmittel, in die inneren Angelegenheiten Kanadas sich einzumischen und der französische Klerikalis mus unternimmt es nun. in jenem Lande die anti semitische Bewegung nach bewährten Formen zu organisieren Will man die Tragweite der Vorgänge in Kanada würdigen, muß man sich die Tatsache vor Augen halten, daß gegenwärtig Herr Aron Brieman, einst der Soufleur und Lehrmeister des Prager Prof. Dr. August Rohling, plötzlich in Kanada aufgetaucht ist. Der greise hochverdiente Gelehrte, Dr. K. Lippe, schreibt uns aus Jassy: Brieman in Sicht! Sehr geehrter Herr Doktor! Die Zuschrift über die Hetze in Kanada hat mich nicht überrascht. Brieman ist in Kanada. Ein rumänischer Jude hat ihn dort gesehen, ihn gesprochen. Anfangs suchte er sich zu verleugnen, aber endlich gestand er ein. Sein hier lebender Sohn hat sich infolgedessen an die Polizei in Kanada gewendet und erhielt zur Antwort: Eine solche P e r s o n b e f i n d e t sich daselbst. Seitdem ist aber seine Spur verloren. Ein Brief seines Sohnes und meiner kamen als unbestellbar zurück. Dr. Lippe. Die Judenhetze wird nach historischen Erfahrungen überall mit einer Hetze gegen den Talmud und die jüdische Religion eingeleitet. Die berüchtigten Schriften des Prager Professors Dr. August Rohling haben in Deutschland und Oesterreich in den Siebziger- und Achtziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Gemüter der niederen Bevölkerung förmlich vergiftet, seine erlogenen Talmudzitate wurden in allen großen und kleinen klerikalen Hetzblättern nachgedruckt, in den Salons des katholischen Adels durch vornehme Damen ebenso eifrig verbreitet, wie in den niedrigsten Bauernhütten. Unsere jüngere Generation kann sich kaum eine Vorstellung von der ungeheuren Aufregung machen, welche sich anfangs der Achtziger-Jahre der jüdischen und christlichen Bevölkerung Wiens bemächtigte, als die Brandartikel des genannten Professors über den Talmud und den Schulchan-Aruch in der — nunmehr längst entschlafenen — „Tribüne" unter dem Titel „Eine arge Schelmerei" und „Meine Antwort an die Rabbiner" er-