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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Veit« 806 Nr. 48 Dr. Blochs Wochenschrift. Und wenn der Dichter vielleicht seine Schwester Justina, die er als polnische Patriotin, als begeisterte Jdealistin, als einen Menschen, der einen Glauben, einen Gott und noch dazu eine »Mutter Erde" bat, gezeichnet, Andre gegenüberstellen wollte, so ist dies aus dem Stücke nicht erkenntlich. Denn auch in ihr ist das dramatische Element verschwunden. Auch sie ist nichts weiter als eine träumerische Natur, die mit dem Drama in gar keinem Zusammenhänge steht. Auch mit dieser Figur hat der Dichter nicht mehr erreicht als das, was ihm auf andere Weise viel besser geglückt wäre. Einige sehr schöne Stimmungsbilder, in welche der Dichter seinen rein poetischen Geist einhauchte, werden uns im letzten Akte vorgeführt. So z. B. dort, wo Justina sich von sich selbst loslösen und mit ihrer „Mutter Erde" eins werden möchte, wo sie ihre Hände ausbreitet, als sie von den Bergen herabsteigt, um die „polnische Natur" an ihre Brust zu drücken. Es sind feine lyrische Momente, es ist eine reiche schwungvolle Phantasie . . . Aber all dies hätte ja Asch auf andere Weise viel glücklicher verwerten können l Das sind jaDinge, die nicht unterhalten, nicht erheben und nicht erschüttern ..., und daher auf der Bühne nichts zu suchen haben. Ich. könnte noch vieles anführen, was für meine Behauptung spricht. Aber ich habe es vorgezogen, mich mit diesen zwei Gestalten näher zu befassen, weil diele zwei Figuren charakteristisch sind, nicht nur für das Stück „Moschiachs Zeiten", sondern überhaupt für alle dramatischen Schöpfungen Asch's, weil sie ziemlich klar andeuten, welch große Distanz zwischen dem Dichter Asch und d°m Dramatkier besteht . . . Aber trotz alldem, trotz der vielen dramatischen Mängel, die in diesem Stücke auftreten, muß doch zugegeben werden, daß dieses Stück, gerade weil es ein Stimmungsstück ist, für diesen Abend nicht schlecht gewählt wurde. Es ist nämlich die Aufführung solcher Stücke sehr gut geeignet, dem Publikum eine neue Gefühlswelt zu eröffnen, dessen Kunstsinn auszubilden und dessen Geschmack zu verfeinern. Man fühlte sich doch in eine höhere Region mitgeschleppt; in eine Welt voll Ideale und Schönheiten ... Allerdings haben sich die jüdischen Schauspieler großes Verdienst darum erworben. Und es muß ihnen besondere Anerkennung ausgesprochen werden, daß sie sich alle — von Herr uud Frau Siegler. Herrn Reißmanu und Herrn Deutsch, die sich i t diesen Rollen als vortreffliche Darsteller ouszeichneten, bis Herrn Melimed und Herrn Scharaga, die als Dilettanten aufgetreten sind und verhältnismäßig nicht schlecht gespielt haben — bestrebt haben, ihre Kräfte zu konzentrieren, um das Bild zu vervollständigen und die feierliche Stimmung des Publikums zu erhöhen. Den Glanz des Abends, gleichsam die Blume der Vorstellung bildete Frl. Weiutraub In der meisterhaften Darstellung der Justina bat Frl. Weiutraub eben das gezeigt, was sie in vielen anderen Rollen gezeigt hat: daß sie eine große Künstlerin ist. ES war nicht leicht, Justina zu spielen, so eine komplizierte, phantastische Rolle. Und wenn sie Frl. Weintraub trotzdem so prachtvoll gelungen ist, so ist es eben einzig und allein ihrem echt künstlerischen Wesen zuzuschreiben, wodurch ihr ermöglicht wird, jede Rolle zu beleben ihr — Geist von ihrem Geiste einzuhaucheu und sie neu zu gestalten. — In den erhabenen und schwungvollen Monologen, die Frl. Weiutraub im letzten Akte hielt, ließ sie eine Fülle von erfrischendem Duft ausströmen und man empfand dabei einen außergewöhnlichen geistigen Genuß. Damit war die Feierlichkeit des Abends besiegelt. Mit großem Enthusiasmus drückte die Festversammlung ihre innere Zufriedenheit und Dankbarkeit durch stürmischen Applaus aus. Man konnte da sehen, wie ungerecht die Vorwürfe sind, die man dem jüdischen Publikum macht. Die jüdischen Theaterbesucher stellten sich da ein gutes Zeugnis aus, daß sie nicht nur an „Kuni Lemmel" und die anderen ähnlichen Stücke ihr Vergnügen finden, sondern daß sie sich in modern-jüdische Kunst hineinleben wollen und hineinzuleben beginnen, daß sie ihren ästhetischen Geschmack für Theater und Musik, welch letztere der Hasomir-Chor in prachtvoller Weise repräsentierte, verfeinern wollen, wenn ihnen nur Mittel dazu gehoten werden. Und eben diese Mittel verschafft ihnen der „Hasomir". Es bedarf kaum der Erwähnung, welch große Aufgaben der „Hasomir" in dieser gleichgiltigen, indifferenten Sphäre zu erfüllen hat, welch gewaltige Kulturmission er auszuführen hat. . . Aber eines muß betont werden, daß der „Hasomir", wie er jetzt funktioniert, unter der segensreichen Leitung des Herrn Loubetzky, seinen Aufgaben völlig gewachsen ist. Und wir möchten noch zuletzt einen Appell an die Wiener jüdische Bevölkerung richten, diesen Verein, dessen Arbeitsgebiet fern von allen politischen Parteien liegt, möglichst, zu unterstützen, damit er, im Sinne seines Programmes, eine desto fruchtbarere Aktion in den weitesten Kreisen der hiesigen jüdischen Bevölkerung entfalten kann. Mose Groß. gttamtev. Lebensbiicher der Jugend. Herausgegeben von Dr. Friedrich Düsel. Herausgegeben von George Westermann in Braunschweig. „Lebensbücher der Jugend" — das soll heißen: Bücher, die man aus der Kinderstube gern mit hinausnimmt auch auf den eigenen, selbständigen Lebensweg: Bücher, die dauernden Lebensgehalt haben, Bücher, die auch dem Erwachsenen noch, sei es, daß er sie erneut zur Lektüre vornimmt, sei es, daß er ihren Inhalt aus glücklicheu Kindheitstagen treu im Gedächtnis bewahrt, eine wertvolle Bereicherung des Gefühls, der Phantasie und des Herzens zu bieten vermögen. Die vorliegenden drei Proben: Er ck ma n n - C h a tri a n, Geschichte eines Soldaten im Jahre 1813; A. Geyer, „Roman Werners Jugend", und Braeß' »Ti erbrich" dürfen als Perlen deutscher Jugendlektüre bezeichnet werden. x. Daniel Sanders, Zitatenlexika.». Dritte, verbesserte Aussage In Originaleinenband M. 6, in Geschenkeinband M. 6. Verlag von I. W e b e r in Leipzig. Der hier zusammengetragene, umfangreiche Stoff (das Zitatenlexikon enthält 12.400 Zitate, Sprichwörter, sprichwörtliche Redensarten und Sentenzen!) ist zum Zwecke des leichten Auffindens alphabetisch geordnet. Neben Sentenzen aus Homer, Shakespeare, Goethe und anderer Größen der Weltliteratur finden wir treffende Gedanken und kernhafte Worte von Dichtern und Philosophen der neueren Zeit; lehrreiche Sätze aus der Heiligen Schrift gesellen sich zum Sprichwort und Stammbuchblatt; ernste politische Aussprüche wechseln mit dem schalkhaften Humor der „Fliegenden Blätter" und des „Kladderadatsch". Alles in Allem ein prächtiges Nachschlagebuch, das sich namentlich auch als Geschenk trefflich eignet. In demselben Verlage erschien: Handbuch der Tanzkunst. Ein Leitfaden für Lehrer und Lernende nebst einem Anhang über Choreographie. Von Bernhard Klemm. Achte, vermehrte und verbesserte Auflage von Gustav Engelhardt. In Originalleinenband M. 3.50. Perlen nuferer novellistischen Literatur, die nicht weit genug Verbreitung finden können, um nicht bloß in dem so notwendigen Kampfe gegen die Schundliteratur als wertvolle Waffen zu dienen, sondern auch weitesten Kreisen eine ebenso fesselnde, als geschmackbildende Lektüre zu bieten, enthalten die jetzt erschienenen Bänoe V bis VIII der „Bibliothek wertvolle r Novellen und Erzählungen", herausgegeben vom Gymnasialdirektor Dr. O. Hellingshaus (Herder, Freiburg, jeder Band geb. M. 2.50). Der V. Band bietet neben Otto Ludwigs „Zwischen Himmel und Erde", Stifters »Heidedorf" und das »Vaterhaus" des leider bei uns viel zu wenig bekannten Schweizers Jakob Frey. Der VI. Band bringt »Die Heitheretei" von Ludwig und Hebbels »Herr Haidvogel und seine Familie". Der VII. Band wird durch Brentanos »Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter" eröffnet; ihr folgt „Germelshausen" von Gerstäcker. Die dritte Stelle nimmt Otto Ludwigs „Aus dem Regen in die Traufe" ein. Den Schluß macht »Der Hochwald" von Stifter. Band VIII enthält „Meister Martin" der Küfner und seine Gesellen" von E. Th. A. Hoffmann; ferner »Das Marmorbild" von Eichendorff. »Das Bild des Kaisers" von Hauff. Zuletzt folgt der „Alpenwald" vyn Jakob Frey. Gesundbrunnen 1911, Kalender des Dürer-Bundes. Georg D. W. C a l l w e y, München. Was der Dürer-Bund bietet, ist unbesehen als gesunde Kost anzunehmen. Nur hätten wir den Schattenriß auf S. 164, der einen Betteljuden samt Kind karikiert, gern vermißt. Geht es wirklich, wie beim letzten Wiener Jubiläumsfestzug, wirklich nicht mehr ohne diesen Leckerbissen für den Mob? In demselben Verlage sind von dem prächtigen „Schatzgräber" weitere Bändchen erschienen. x; Th. Fontanes, Briefwechsel mit Wilhelm Wolfsohn. Herausgegeben von W. Wolters. Berlin 1910, Georg Bon di. M. 3.—, geb. M. 4.-. W o l f s o h n, von dem der junge Lassalle aus seiner Leipziger Zeit mit Begeisterung berichtet, spielte-für gegenseitige Verständigung zwischen russischem und deutschem Geiste eine ähnliche Rolle, wie sie etwa Villers, der deutsch-französische Janus, übernommen hatte. Den Deutschen erschloß er die russische, den Russen die deutsche Literatur. In seiner „Osternacht" widerlegt er mit edler Entrüstung die Verleumdungen, die gegen das Judentum geschleudert werden. Beachtenswert sind in dem schön ausgestatteten Buche (S. 82) die Mitteilungen über die Mlscheheschließung in Deutschland vor 60 Jahren, vor allem die echt Fontane'schen Urteile über Preußen in alter und neuer Zeit u. a. m. Für die Charakteristik des Freundeskreises, zu dem auch Lazarus und Max Müller zählten, sind die Briefe sehr willkommen. R. Im Verlage von Wilhelm Braumäller in Wien uud Leipzig ist soeben m zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage Dr. Jg. Zollschan's ausgezeichnetes Buch „Das Rassenproblem" unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage (Preis brosch. Mk. 6.— --- Kr. 7.20, gebunden Mk. 7.40 ---- Kr. 8.80), erschienen. Daß von einem Buche, wie dem Zollschan'schen, nach kaum Jahresfrist die erste starke Auflage vergriffen und eine zweite notwendig geworden ist, darf kaum erstaunlich erscheinen. Ist doch das Rassenproblem eines derjenigen, die in der neuesten Zeit den größten Einfluß auf Denken und Fühlen, auf Politik und Volkswirtschaft, auf das ganze soziale Leben genommen haben. Die glänzende Aufnahme der ersten Auflage, welche durch die in allen Buchhandlungen erhältlichen Prospekte bekundet wird, beweist, daß der Erfolg ein wohlverdienter ist.

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