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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Wachs Wochenschrift. Sette 805 m den Tagen T i t u s. Bald wälzte sich die Menge in den Synagogen-Hosraum (Blacharska Nr. 27) und begann mit Aorten und Brecheisen das grobe Tor zu erbrechen. Es währte nicht lange und schon lagen die Schuldiener in ihrem Blute, mit rauchenden Gewehren in den Händen: Noch verteidigten junge Leute mit Schietzwaffen in der Hand den Eingang in die Synagoge. Auch sie wurden niedergemetzelt, und nun begann in der Synagoge das Rauben, Stehlen und Vernichten. 65 Thorarollen, 25 silberne Kronen, 9 vergoldete Kronen, 36 Vorhänge. 100 Decken, 136 Thoramäntelchen, 1 grober Silberleuchter zu 10 Lichtern, 380 teuere Talessim, 520 grohe Bibeln usw. wurden geraubt."-) Auch die alte Synagoge (jetzt, an ihrer Stelle die neue — Boimowgasse 54) wurde gründlich ausgeplündert und ruiniert In ihr wurden 72 Thorarollen, 18 silberne und 6 vergoldete Kronen, 160 Vorhänge und Decken, 160 Thoramäntelchen usw-, usw. gestohlen. Die meisten Privathäuser wurden förmlich demoliert, so dab wir in den Stadtakten fast die Hälfte jüdischer Häuser als baufällig verzeichnet finden.") Hundertneunundzwanzig jüdische Leichen wurden amtlich festgestellt, was mit den zirka 100 vorstädtischen Leichen, zirka 229 jüdische Tote gibt. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht von der Iudenschlacht in Lemberg im ganzen Lande, und schon am 22. Juni, also 10 Tage nach der Katastrophe, erließ König Johann Kasimir einen strengen Befehl an die Beamten und Magistrate, dab sie die Schuldigen auffinden und streng, bestrafen sollen. Trotz dieses strengen Verweises wirkte das Lemberger „Schüler ge lauf" auf andere Städte ansteckend, und in mehreren Städten (Krakau, Przemysl usw.) brachen ähnliche Krawalle aus. Dieses ^Schülergeläuf blieb bis heute im Gedächtnis der Lemberger Juden: in der vorstädtischen Synagoge zeigt man noch heute eine abgebrochene Ecke, an einem Kapitel (laut alter Tradition darf dies Kapitel nicht ergänzt werden), und am alten Friedhof steht eine lange Reihe von Denksteinen, auf denen dasselbe Sterbedatum verzeichnet ist: dies sind die Grabsteine der Märtyrer der Lemberger groben Iudenschlacht.^3) (Fortsetzung folgt) Moschiachs Zeiten. Von Schalom Asch. (Erstaufführung auf der „Jüdischen Bühne" auf Veranlassung des Vereines „Hasomir".) Ein seltenes Fest konnte in Wien voriae Woche einem zahlreichen, erlesenen Publikum geboten werden. Ein spezifisch jüdisches Fest. Wie im vorigen Jahre, so hat auch heuer der Verein „Hasomir". welcher sich zur Aufgabe aestellt hat, jüdische Literatur und Kunst in den weiten Kreisen des Wiener Judentums einzuführen, einen Abend veranstaltet, der mit der Aufführung des Stückes „Moschiachs Z-iten" gekrönt wurde. Es galt, der Festversammlung einen originellen Genuß zu gewähren, der zugleich die Tendenzen und Bestrebungen des Vereines versinnlichte. So wurde denn eine Revue der jüdischen Kunst veranstaltet, der choralen sowie der darstellenden. Erstere repräsentierte der Chor des „Hasomir". welcher unter Leitung des rastlosen Präsidenten Herrn I. A. Loubetzky eine glanzvolle Leistung zeigte und vom Publikum mit enthusiastischem und wohlverdientem Beifall belohnt wurde. Zwei Lieder wurden gesungen: „Halleluja" und der „Golusmarsch", welche einen rein ästhetischen Genuß boten und daher maß- und tonangebend für die feierliche Stimmung, die im Saale herrschte, waren. Nicht mmder gefielen die Volkslieder, aus denen bald jauchzender Uebermut, bald tlefe Sehnsucht, bald ergreifende Schwermut erklang. Herr Deutsch hatte da reichlich Gelegenheit, seine bedeutende musikalische Begabung zur Geltung zu bringen. Auch die von Herrn ") Caro: Geschichte S. 170. ") Das Haus Boimävgasse Nr. 28 wurde gänzlich abgebrochen. Dieses Haus gehörte der Kathedrale und war an den Juden Level für 400 fl. jährlich vermietet. ") Die Epitaphien bei S u ch h st a w, B u b e r (A n s ch e i Schem) u. Caro. In den Stadtakten finden wir einen langen Prozeß der Juden mit der Stadt um Entschädigung. Der Prozeß nahm kein formelles Ende. Rosenstein mit seiner phänomenalen Stimme gesungenen Lieder wurden von großem Beifall begleitet. Nach einer geistvollen Rede des Herrn Loubetzky. der das Publikum im Namen des Hasomir" begrüßte, seine Bedeutung für die Wiener Judenschaft klarlegte und das Stück selbst kritisch beleuchtete, erfolgte die Aufführung der Tragödie, wie es der Berfaffer nennt. „Moschiachs Zeiten". „Moschiachs Zeiten!" Der Name sagt alles . . . Darin ist der ganze Inhalt des Dramas enthalten und damit ist der Kern des Stückes erfaßt. Der Dichter führt uns mitten in den Kampf sich befehdender Weltanschauungen und eröffnet uns zugleich den Ausblick auf die Unüberwindlichkeit dieser Gegensätze. Es sind zunächst zwei starke, scharfgeichiedene Parteien, die um die Grundsätze des öffentlichen Lebens rangen. In beiden ist Leben, Bewegung. Vorwartsstreben; aber während die eine im engen Rahmen des Nationalismus arbeitet, hat die andere ein weit ausgedehntes Arbeitsgebiet. Bemion, als Vertreter des neu erwachenden Judentums sorgt für das Wohl seines Volkes, Zion ist fein einziges Streben. Chaim dagegen, der Vertreter des Bundismus pro» klamiert andere Ideen, die einen tieferen und weiteren Widerhall Hervorrufen, die Ideen der Freitteit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieser Kampf der beiden Parteien vollzieht sich im Laufe aller drei Akte, in der Zeit, wo der Großvater Reb Chunon, der nach Palästina sich rüstet» seine Kinder und Enkel um sich sammelt, um von ihnen Abschied zu nehmen. Währenddessen erscheint auch Justma, die Enkelin, die da im Garten sitzt und Zwiesprache hält mit ihrer Seele, die den Schatten von Esterka, der schönen Tochter des „Schneiders" von Opollo und Buhlin des Königs Kazimierz, sieht, und And:6, ein Enke! Reb Chunons, von dem wir im ganzen Stücke nichts weiter erfahren, als, daß er einsam ist, daß er keine Eltern, keinen Glauben, keinen Gott hat . . . Man sieht gleich, daß hier Schalom Asck. der Problematiker, waltet und daß „Moschiachs Zeiten" zu jenen Werken Asch's gehört, wo er sich an die Lösung von Problemen in dramatischer Einklerdung heranmacht. Und es ist geradezu merkwürdig, daß gerade Asch, der doch überhaupt kein Dramatiker ist und wahrscheinlich nie sein wird, unbedingt die Bühne für sich erobern will. Wer seine Schöpfungen und und ihren inneren Wert kennt, wird sofort einsehen, daß Asch ein Skizzen- und Stimmungsdichter von bedeutendem Werte ist, aber kein Epiker und vor allem kein Dramatiker. Denn dramatisch sein heißt — mit Menschenseelen umgehen können, sie einander gegenüberstellen, mit dem äußeren Leben sie in Berührung setzen, aus dem scheinbar Einartigen des Lebens das Vielgestaltige, tief Wid rsprechende herausfinden. Und eben da, wo die Differenzierungskunst anhebt, hört AschS Kraft auf. Was er vor allem besitzt, das ist das Gefühl für Raumseelen, für die Stimmung des Ganzen, Undifferenzierten. Wie ein stilles, ruhiges, hinter grünem Geländer plätscherndes Bächlein, zieht seine weiche, lyrische und eintönige Weise dahin, nie auftegend, nie hinreißend. Und damit ist er eben der krasseste Gegensatz vom Dramatiker. — Das sehen wir auch in seinem Stücke „Moschiachs Zeiten". Es sind keine Menschen und keine Schicksale, es sind keine Geschehnisse und Erlebnisse, die auf die Bühne gebracht wurden. Es sind Bilder, Skizzen, Szenen, manchmal von wahrhaft dichterischer Stimmung umflossen, manchmal aber reizlos und ziemlich flach. ES find feine Seelenschwingungen, aber kein ganzer Akkord . . . Ich sagte, der Dichter wollte sicher ein Problem in dramatischer Einkleidung lösen. Aber es bleibt nun die Frage unbeantwortet: wie? wenn das Stück überhaupt kein Drama ist. Denn man merkt hier nicht nur den vollständigen Mangel an Handlung, sondern, was noch schlimmer ist, an innerer Motivierung und innerem Rhythmus. Denn welche Bedeutung hat Andrä, — der vielleicht der wichtigste Typus ist, der den Dichter am meisten beschäftigte und auf den er ein volles Maß seiner Phantasie übertrug — für das Stück als Drama? Was bat er überbaupt damit gemeinsam? Ist er nicht vielmehr herrlicher Stoff für eine Novelle wie sie Schalom Asch meisterhaft zu schreiben pflegt? Ein Mensch, der mit der Außenwelt in gar keinem Zusammenhänge steht, dem alle Weltanschauung falsche Induktive, oft auch nur bloßes Gerede ist, der m seinen heißesten Wünschen und Schwärmereien doch nur ein Kind der unendlichen Sehnsucht bleibt — wie soll er auf uns dramatisch wirken? Gewiß! Es gibt Fälle im Leben und natürlich auch in der Kunst, wo gerade solche Menschen, deren Heldentum in ihrer Schwachheit besteht, uns am heftigsten zu erschüttern vermögen. Es find Typen, die in der modernen Literatur sehr stark forciert werden. — Ader in diesem Falle müssen wir eine innere Motivierung ihres Wesens voraussetzen können .... Andre ist ein krankes Kind, das von einer Sehnsucht durchdrungen ist. Wonach? Wenn er das wüßte! Ihm fehlt nicht nur die Freude des Besitzenden; das grausame Schicksal, das ihn zwischen zwei Welten gestellt, hat ihm auch nicht das Glück gegönnt, sein Ich in ein Streben zusammennehmen zu dürfen. Und wenn der Ruf des werdenden ganzen, jüdischen Menschen oder des nach Freiheit strebenden Bundisten an seine Ohren kommt, so ist seine Antwort: Resignation. Am Scheidewege ist er geboren und am Scheidewege muß er sterben . . . Ja, er muß sterben! Aber sein Tod bekümmert uns auch nicht im geringsten, weil uns sein Leben nicht interessierte ... Er leidet an einer modernen Geniekrankheit, wenn man so sagen darf, und wir haben an ihm während der ganzen Zeit weder etwas Geniales gemerkt, noch können wir darauf hoffen. Er ist eines jener negativen Elemente, die zu jeder Zeit, vorzugsweise aber in unserem Jahrhundert austreten.

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