Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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€>c x 800 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen werden die Herren. Richard Bettelheim, kaiserl. Rat Jacques F e i t l e r , Ludwig Herz, Josef Neumann und Eduard Schwarz per acclaraationem in den Vorstand gewählt. Der Vorfitzende Kommerzialrat Wiener richtet hierauf in seinem Schlußworte an die Versammlung einen warmen Appell, den Verein auch in Zukunft bei feiner wichtigen sozialen Tätigkeit, sowohl durch Anwerbung von Mitgliedern, als durch Verwendung jüdischer Arbeitnehmer in edler Weise zu unterstützen, und schließt die Versammlung, deren Verlauf auf alle Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck hervorbrachte. „Der polnische Jude". Am 14. November d. I hielt im Verein zur Abwehr des Antisemitismus der Reichsrats-Abgeordnete Dozent Dr. A. Mahler vor einem großenteils geladenen, höchst distinguierten Publikum einen Bortrag über dieses interessante Thema, welcher glänzend verlief. Wir lassen denselben mit den Worten begleitet, welche der ehrwürdige Präsident des Vereines, Professor Dr. Theol. I. Szeberinyi, Militär- Superintendent i. P., zum Schlüsse sprach, hier auszugsweise folgen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Präsidenten führte zunächst Dr. Mahler aus. wie alles Ueble, das mau gemeinhin dem „polnischen Juden" nachsage, eiu Produkt der traurigen Verhältnisse sei, unter, denen sich dieser zumeist bitterarme Bevölkerungsteil befinde. Sein Dialekt ist heute eigentlich noch die Mundart, wie sie ' im dreizehnten Jahrhundert, zur Zeit der Austreibung aus Deutschland, in den Rheingegenden gesprochen wurde, natürlich beeinflußt durch die Zeit und die slavischen Einwirkungen. Die körperliche Entwicklung wieder ist, wie überall, so auch dort, auf die entbehrungsreiche Lebensweise zurückzuführen. Da bei dem Mangel an Industrie dem armen Juden lediglich der ganz kleine Zwischenhandel — auch der so verpönte in Branntwein — überlassen ist, so wird angesichts der scharfen Konkurrenz eine die Kräfte auszehrende, überaus lange Arbeitszeit, oft 16 Stunden täglich, notwendig. Es ist aber gefehlt, auzunehmen, daß sich bei ihm keine Neigung zum Ackerbau vorfinde; vielmehr ist es den zumeist sehr armen Juden nur angesichts der hohen Bodenpreise, die eine Folge des bedeutenden Landhungers sind, unmöglich, sich landwirtschaftlich zu betätigen. Aber dennoch findet man viele jüdische Landwirte. Interessant waren sodann die Ausführungen des Vortragenden über das so oft zu Karikaturen verwendete Aussehen; aber gerade dieses ist nicht jüdisch, sondern das Schmalgesicht mit der langen Nase und den Schläfenlocken hat armenischen Zug. Überhaupt dürfe aus den oft allerdings nicht besten Repräsentanten, die der Westen kennen lernt, nicht auf bie daheim Lebenden geschlossen werden. Auch ein moderner Amerikaner, der in einer dreißigtägigen Tournee durch Europa die Deutschen, Engländer, Franzosen, Italiener rc. gesehen hat, kann nicht behaupten, er kenne schon Land und Volk. Sodann folgte der Dank und das Schlußwort des Präsidenten: „Unter dem Eindrücke des fesselnden, erschütternden, ja ans Wunderbare grenzenden Vortrages des Herrn Dozenten Dr. Mahler, unter diesem Eindrücke finde ich, daß der von mir im Eingänge erwähnte Hoffnungsstrahl in Erfüllung gegangen ist. Der Vortrag trägt dazu bei, die gelehrten Kreise und bei unparteiischen Forschern ausgesprochene Wahrheit zu bestätigen, daß die Geschichte und die Geschicke des israelitischen Volkes das größte Wunder der Weltgeschichte sind. Indem ich nicht nur im Namen des Vorstandes unseres Vereines, sondern auch gewiß im Namen aller Anwesenden Ihnen, hochverehrter Herr Doktor, herzlichst und tiefempfunden danke, empfehle ich Ihnen und allen Gästen unseren Verein schon um seines erhabenen, edlen Strebers und idealen Zieles wegen. Wir wollen dazu beitragen, daß die Idee der Humanität von Tag zu Tag sich mehr verwirkliche, die Idee einer einheitlicyen, ohne Unterschied der Konfession oder Rasse, ohne Unterschied der mannigfachen Gaben und des Glaubens einheitlichen großen Menschenfamilie. Diese Idee hat selbst den unlängst verstorbenen Erzbischof von Brixen beherrscht und ihn dazu gebracht, daß er den Antisemitismus, die Rassenfeindschaft gegen die Juden im Programme der christlichsozialen Partei offen und entschieden verurteilte, ja verdammte. Hieraus erhellt der hohe Wert des Alten Testamentes, welches ja mit dem Neuen in Verbindung die Grundlage unserer ganzen Bildung und Kultur ist, und tatsächlich hat kein Volk der antiken Welt ein ähnliches Buch, wie es das Alte Testament ist. Die Abkunft und Herkunft Christus und seiner Jünger hat dem Erzbischof den Antisemitismus verhaßt gemacht und in der Tat ist auch in meinen Augen- Antisemit und Antichrist identisch. Cbristus hat einst beim Anblicke einer Volksmasse, die sich um ihn scharte. Erbarmen gefühlt. Die Theologen, zumal die protestantischen Theologen, haben viele geistreiche Kommentare zu diesem einzigen Worte „Erbarmen" ausgesprochen. Wenn man das feinfühlende große Herz ins Auge faßt, so glaube ich. es hat ihn erbarmt der Jammer der Menschheit, die nach einem Gesetze der Natur nicht nur der Vererbung der guten, sondern auch der bösen sittlichen Eigenschaften ausgesetzt ist. Diese Eigenschaft, die oft ein Meer von Unseligkeit über die Menschheit bringt, lassen Sie uns, meine verehrten Damen und Herren, bekämpfen, damit diese Vererbung nicht durch unsere Schuld, durch unsere Engherzigkeit, ja geradezu Herz- und Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit noch mehr zum moralischen Weltmeere wird, lassen Sie uns, solange ein Atemzug in uns lebt, brüderlich miteinander den Kampf ums Dasein kämpfen, zugleich für die Idee der Humanität, das heißt auch für die Idee des Gottesreiches auf Erden, denn wenn und. wo Humanität herrscht, herrscht auch Gott-in-der Welt. Diese Idee der Humanität mag uns beseelen und begeistern,, damit wir nur in uns und über uns einem Gesetze folgen, dem Gesetze der alles überwindenden, bezwingenden, alles Leid, Jammer und Trübsal des Lebens verklärenden, den Tod selbst besiegenden, ihn nicht scheuenden und ihn überlebenden Liebe Das walte Gott!" Rauschender, lang anhaltender Beifall lohnte die ausgezeichneten Ausführungen des Vortragenden, sowie des Präsidenten; sichtlich hochbefriedigt ging das Auditorium auseinander. Leider konnte nur ein Teil jener überaus Zahlreichen, die gekommen waren, sich über dieses stets aktuelle Thema unterrichten zu lassen, Einlaß finden. Man bemerkte unter den Anwesenden, außer einigen Reichsratsabgeordneteu, Mitglieder des galizischen Hochadels wie Fürstin Samcyska, Grafen Pininski u. a., die Großindustrie war durch die Herren Maximilian Paul-Schiff, Heinrich Eger u. a. vertreten. W»en. Samstag den 26. November fand im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines über Einladung der „Oe sterr. - Israel. Union" ein Vortrag des Herrn Dr. Z o l l s ch a n über „Taufe, Rasse, Zukunft" statt. Lange vor Beginn des Vortrages war der Saal derart gefüllt, daß auch die Galerien den Besuchern geöffnet werden mußten. Mit dem Hinweis auf die in stetiger Progredenz befindliche Taufbkwegung erörterte Dr. Z o l l s ch a n, wie man die Taufe öffentlich beurteilen müffe und welche Mittel zur Abhilfe gegen das Anwachsen dieser so schwer schädigenden Bewegung sich finden ließen. Die Taufe sei schon in den meisten Fällen dadurch abgeurteilt, daß sie ja in der Regel einen Meineid bedeutet. Aber auch die beliebte Konfessionslofigkeits-Erklärung enthalte alle Charakteristika einer vom ethischen Standpunkte aus tiesstehenden Handlungsweise. Sie ist nicht nur die Lossagung von der Religion, sie ist auch die Lossagung von der Volkszugehörigkeit. Der Mensch, der alle Teile seiner Psyche, den generellen Intellekt seiner Rasse willkürlich unterdrückt, ohne imstande zu sein, seine Ethik ganz aus sich selbst heraus neu auf-