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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Wochs Wochenschrift- Seite 797 ziehen, pnd da man zu jener Zeit eine von allen Setten ^abgesonderte freireligiöse Stellung nicht einnehmen durfte, so blieb ihm nichts übrig, als seinen Sohn mit den vorgeschriebenen Feierlichkeiten in den alten Bund einzuführen. Wäre Benjamin Jude geblieben, so würde einer der bedeutendsten Menschen des Jahrhunderts zu einer ganz anderen Laufbahn gezwungen worden sein, denn erst als Disraeli alterte und wesentlich durch seine eigenen Bemühungen bekamen die Juden in England die vollen politischen Rechte. Glücklicherweise (!) verhinderte die Intoleranz der jüdischen Gemeinde das. Die Vorsteher waren darüber mißvergnügt, daß Jsaac d'Jsraeli sich abseits hielt, sie wollten ihn zwangsweise zum Aeltesten machen, und als er sich dies verbal und erklärte, das Amt sei „störend für feine Arbeiten und abstoßend für sein Gefühl", wurde er mit schweren Geldbußen belegt. In dem darüber entstehenden Hader entschloß sich Jsaac, seine vier Binder taufen zu lassen. Benjamin war dreizehn Jahre alt, als er in die Kirche von England auflgenommen wurde. Das Merkwürdige ist nun, daß Disraeli, der früh getaufte Sohn eines religiös indifferenten Juden, nicht bloß ein guter Christ, sondern außerdem ein guter Jude wurde. An seiner innerlichen christlichen Religiosität ist nicht im geringsten zu zweifeln. Man hat kein Rechts einen Mann, der so viele Bücher geschrieben und hunderte von Reden gehalten hat und dabei von Jugend auf sein System im wesentlichen auf dieselben Gedanken aufbaute, nicht zu glauben, was er sagt, ihn als Schwindler abzufertigen. Ein schwächerer als er hätte, da das Christentum einmal für ihn gegeben war, von Religion und namentlich vom Judentum weiter nicht gesprochen. Dies war aber nicht Disraelis Methode. Don Natur ein Mensch mit ungeheurer Lebenskraft;, war er nicht der Many, seine im guten und schlechten sehr starken jüdischen Anlagen zu unterdrücken, es war auch nicht sein Ehrgeiz, es dahin zu bringen, daß seine Abstammung von arischen Freunden schonend ignoriert würde. Als er die große Reise in den Orient machte, mit der seine Bildungsjahre abschlossen, vertiefte sich ihm das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer mystischen und verfolgten Rasse, die von den fernsten Zeilen her die Fackel der Offenbarung vor der Menschheit herträgt. Die große Tatsache, mit der für ihn die Weltgeschichte anfängt, ist die Gesetzgebung auf -"dem Sinai. In seinen großen politisch-religiösen Romanen hat Disraeli als reifer Mann diese in die Manchester-Aera sehr wenig passenden Theorien vorgetragen. Er hat seinen Kredit bei der konservativen Partei, deren Führer er sein wollte, durch diese sozial-religiöse Romantik immer wieder gefährdet. Es muß ihm also wohl Ernst gewesen sein. Daß die Abstammung ihm seine politische Laufbahn sehr erschwert hat, ist sicher; mit so überragenden Gaben hätte ein anderer den Weg leichter gemacht. Andrerseits sind die Engländer doch LeutH. die den Einzelnen, sobald er einer ist und sich durchsetzt, auch gelten lassen. Seinen Anteil an urväterlicher Roheit hat der Angelsachse mitbekommen und offenbart ihn gelegentlich: die Jahrzehnte lang durchgehaltene, studierte Brutalität des deutschen Antisemitismus schlägt nicht in sein Fach. Dazu sind in England viele der allerbesten Christen aus Dankbarkeit für das Erscheinen - Jesu Freunde der Juden. Beispiele davon findet man in der Biographie des Grafen Shaftesbury, des großen, tief religiösen Patrons der Bedrückten, des Mannes, der den widerstrebenden Regierungen die Einsetzung der Kommissionen zur Untersuchung der Lage der Arbeiterschaft abrang und damit jene furchtbaren und monumentalen Berichte veranlaßte, die Engels und Marr ihr Material darboten. Als Lord Shaftesbury in Karlsbad war, sah er auf der Promenade die polnischen Juden in ihren langen Röcken. Das elegante Publikum scheute die Berührung mit diesen Gästen, doch der große englische Edelmann ging an den Kaftanträgern vorbei und verneigte sich, um dem Volke des Erlösers seine Achtung zu bezeigen." Antisemitische und Zentrumsblätter nennen die „Franks. Ztg." oft „Judenblatt". Wie wenig das berechtigt ist, geht daraus hervor, daß die „Franks. Ztg." hier vom politischen Standpunkt aus, offen für das Taufjudentum Stellung nimmt. Denn sie sagt „Glücklicherweise" sei D. getauft worden. In der ^at war Disraeli auf sein Judentum stolz. Das geht aus seinen Schriften, auch aus „David Alroy", deutlich hervor. Er hatte jedoch nicht die Kraft, wieder Jude zu werden, nachdem er ohne seine Schuld getauft worden war. Korrespondenzen Die Wiener Kultuswahlen vom 27. November 1910. Das Ergebnis der am 27. November vollzogenen Kultuswahl stellt sich in folgenden Ziffern dar: Abgegebene Stimmen 4446; davon erhielten: Die ausgetretenen Vorstandsmitglieder: Dr. Markus Spitzer 3031 Stimmen, kais. Rat Sigmund Kauders 2970 Stimmen, kais. Rat Leopold Langer 2864 Stimmen. Neugewählt wurden die Herren: Richard Bettelheim mit 2876 Stimmen, Dr. Jakob Engel mit 2994 Stimmen, Karl Lemberger mit 2867 Stimmen, Architekt Jakob Gärtner mit 2831 Stimmen, Installateur S. Brod mit 2772 Stimmen. Vorstehende acht Herren wurden für eine Mandatsdauer von sechs Jahren gewählt. Mit vierjähriger Mandatsdauer wurden gewählt die Herren: Dr. Heinrich Schreiber mit 2776 Stimmen, Emanuel Grün Wald mit 2351 Stimmen. Mit zweijähriger Mandatsdauer: Herr Dr. Anselm Halpern mit 2777 Stimmen. Die Kandidaten der Minorität vereinigten auf sich zirka 1580 Stimmen. * * 4 Bei den Kultuswahlen vor zwei Jahren war die Anzahl der abgegebenen Stimmen 4997. Die offiziellen Kandidaten erhielten zwischen 3187 und 3961. Die Oppositions-Kandidaten A. B r e ch er 1139, Dr. Z i p s e r 1013. Was die Situation des Zentralwahlkomitees in diesem Jahre ungünstiger gestaltet hat, war zunächst die außergewöhnlich große Zahl von Mandatswerbern. Angemeldet wurden gegen dreißig Kandidaturen, zum großen Teil Männer von anerkannter Tüchtigkeit, von bedeutender Intelligenz, in angesehener sozialer Stellung, von welchen überdies jeder einzelne über einen aus» gebreiteten Anhang und Freundeskreis zu verfügen hat. Da nur acht Kandidaturen berücksichtigt werden konnten, so gab es selbstverständlich viele Verstimmungen mit allen Konsequenzen. Ueberdies wurden ganze Bezirke, welche auf die Nominierung ihres Vertreters zum Kandidaten mit Recht forderten, in das Lager der Opposition gedrängt. So hatte man denn auch im Voraus in diesem Jahre mit dem Anschwellen der oppositionellen Stimmen rechnen müssen. Der günstige Ausgang der Wahl war demnach ein offenkundiges Vertrauensvotum für den Vorstand. Eir unwürdiges und sträfliches Wahlmanöver. In den Wahltriks haben unsere Wiener „Zionisten" eine moralische Ungeniertheit an den Tag gelegt, an welcher die Oeffentlichkeit nicht achtlos vorübergehen darf. Die Tatsache, daß die Partei darauf verzichtete, den Wahlkampf zur Popularisierung der idealen Ziele des Zionismus auszunützen und es vielmehr

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