Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 796 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 48 und den verstorbenen R a y n a l. Der erstere, gegenwärtig Senator für das Rhone-Departement, war früher (1868) Minister der öffentlichen Arbeiten. David Raynal war jahrelang Senator des Departements Gironde, während er zu gleicher Zeit dem Kabinett Gambetta angehörte, in dem er ebenfalls als Minister der öffentlichen Arbeiten fungierte, bis er schließlich (1893—94) zum Minister des Innern avancierte. — Seit der vor 16 Jahren fülttgehabten Dreyfus-Affäre hatte infolge der antisemitischen Agitation kein.Jude mehr einen Sitz im Kabinett eingenommen. Ein umso intereffanteres Moment für die Geschichte der französischen Juden bedeutet daher die jetzige Ernennung des Herrn Klotz zum Finanzminister. _ Gibt es eine jüdische Nationalfahne? Diese Frage bildete den Gegenstand diplomatischer Unterhandlungen zwischen der Lokalpolizei der argentinischen Stadt Medanas und der dortigen Iudengemeinde. Italiener der genannten Stadt begingen nämlich das Fest der Befreiung und Vereinigung Italiens und luden zu diesem Feste die Vertreter aller in der Stadt und Umgebung wohnenden Nationalitäten. Das Festkomitee ließ aus diesem Anlasse für jede Nationalität die betreffende nationale Fahne anfertigen. Unter den geladenen Nationalitäten befanden sich auch die Juden, und so wurde auch für die Juden eine Fahne bestellt. Als der Delegierte der Juden die „jüdische Fahne" erblickte, bemerkt er zu seinem Entsetzen, daß es eigentlich die russische Fahne sei, die den Juden zugedacht wurde. Auf eine Anfrage bei der Judengemeinde erfuhr nun das Festkomitee, daß blauweiß die Farbe der jüdischen Nationalen fei. Hiermit war jedoch die Sache noch nicht erledigt. Der Polizeimeister des Städtchens verbot das Tragen der blau-weißen Fahne mit der Begründung, daß die Juden überhaupt keine Nation, sondem eine Konfession bilden, und daher auch keine eigene Fahne tragen dürften. Das ließen wieder die Jüdisch-Nationalen nicht gelten und wandten sich telegraphisch an das Polizeidepartement in La-Plata, das dem Ansinnen der Jüdisch-Nationalen entsprach. So marschierten denn auch die Juden mit ihrer blau-weißen Fahne im Umzug der Nationalitäten. Die Musik spielte die Hymnen aller vertretenen Nationalitäten, so auch das Lied ^.Hatikwah" der Juden. Tolstoi und die Juden. Wie aus der Tagespresse bekannt ist, hat Graf Tolstoi dieser Tage das Zeitliche gesegnet. Wir haben seinerzeit eine längere Abhandlung veröffentlicht, in welcher die Stellung Tolstois zum Zionismus und zum Judentume besprochen wurde. Tolstoi verhielt sich durchaus ablehnend gegen den Zionismus und betonte einmal, daß der wahre jüdische Geist von einem beschränkten territorialen Vaterlande nichts wissen wollte. An die bekannte Erzählung von Rabbi Jochanan ben Sakkai und Bespafian erinnernd, schrieb er: „Dieser Austausch des Zeitlichen gegen das Geistige bildet die schönste Handlung in der Geschichte des Judentums. Er wird im Volke noch nicht hinlänglich gewürdigt; das Volk hat sich desselben vielleicht noch nicht genug bedient. Aber das Volk fühlt es mit allen seinen Fasern und es lehnt es ab, fich in ein altes, feiner Seele fremdes Abenteuer zu stürzen. Nicht das Land ist seine Heimat, sondern das Buch. Und das ist eines der wunderbarsten Schauspiele der Geschichte; es ist der schönste Beruf, den ein Mensch fich wünschen kann." Vor Zwist in der A. I. U. Die Antwort Dr. Apfels. Herr Dr. Apfel veröffentlicht in den letztwöchigen Nummern mehrerer jüdischen Blätter einen sieben Spalten langen Angriff gegen die „Jüdische Bundschau“, mit dem wir uns nicht etwa wegen der uns gleichgiltigen Persönlichkeit des Herrn Dr. Apfel, sondern wegen der gegen uns erhobenen Beschuldigungen beschäftigen müssen. Herr Dr. Apfel hat es mit seiner von ihm selbst gerühmten Loyalität tür vereinbar gehalten, sein Schreiben der „Jüdischen Rundschau“ nicht zuzustellen, offenbar um zu verhindern, dass wir sofort antworteten, und dass unsere Antwort zur gleichen Zeit an die für Herrn Dr. Apfel massgebenden Stellen gelangen konnte. Wir sind daher der Mühe überhoben, die langatmige Darstellung wiederzugeben und im einzelnen zu widerlegen. Zur Kernfrage der Angelegenheit, die Herr Dr. Apfel trotz der Länge seiner Erwiderung ständig umgeht, haben wir folgendes zu erklären: 1. Herr Dr. Apfel behauptet, wir hättjn ihn als Verfasser der in der „Nationalzeitung“ erschienenen Angriffe gegen die Pariser Zentrale der A. I. U. bezeichnet. Diese Behauptung ist unwahr. Wahr ist vielmehr, dass wir Herrn Dr. Apfel der Verfasserschaft des Artikels in der „Nationalzeitung“ nie beschuldigt haben. Denn wir wissen, wer der Verfasser dieses Artikels ist. 2. Herr Dr. Apfel versucht aber, auch die intellektuelle Urheberschaft des Artikels über die Sitzung der Siebenerkommission der A. 1. U , der in Nr. 43 des „Hamburger Israelitischen Familienblattes“ erschienen ist, abzuleugnen. Die dahin zielenden Behauptungen sind unwahr. Wir behaupten vielmehr nach wie vor, dass Herr Dr. Apfel das Protokoll jener Sitzung der Siebenerkommission durchaus widerrechtlich und in voller Erkenntnis der Tragweite seiner Handlung einem Berliner Journalisten übergeben hat, der daraus einen Leitartikel für das „Hamburger Israelitische Familienblatt“ machen sollte. Und zwar handelte es sich um das u irre di gierte Originalprotokoll der betreffenden Sitzung und nicht um eines der vervielfältigten redigierten Exemplare, die an die Mitglieder der Deutschen Konferenzgemeinschaft versandt wurden, wie Dr. Apfel jetzt nebenbei glauben machen möchte. Wir fordern nunmehrHerrnDr.Apfelöffentlich auf, uns wegen dieses Vorwurfs zu verklagen und können es unseren Lesern überlassen, die Persönlichkeit und die Wahrheitsliebe des Herrn Dr. Apfel, mit dem wir uns nicht weiter zu beschäftigen wünschen, zu beurteilen. Redaktion der „Jüdischen Rundschau“. Benjamin Disraeli. Lord Beaeonsfield. Das Taufjudentnm. In einer Besprechung der Biographie Disraelis von Monnypenny wird in der „Franks'. Ztg.", Nr. 314 (1. Morgenbl. vom 13. 11. 10) ausgeführt: „Der erste ^Israeli oder Disraeli, Benjamin, der Großvater des Politikers, kam vor der Mitte des 18. Jahrhunderts aus Italien nach England. Er stammte aus!dem Ferraresischen. Alles, was sein Enkel über die Herkunft der Familie aus Spanien erzählt hat und über ihre Verwandtschaft mit den großen hebräischen Geschlechtern, die von Ferdinand und Jsabella vertrieben wurden, ist unbeweisbar. Der.ältere Benjamin erwarb als Geschäftsmann in London Vermögen, obwohl nicht Reichtum, und sein Sohn Jsaac war durch Erbschaften in den Stand gesetzt, ohne großen eigenen Erwerb eine behagliche Existenz zu führen. Dieser Jsaac war der dem Publikum seiner Zeit sehr gut bekannte Verfasser der „Kuriositäten der Literatur" sowie der „Kalamitäten der Autoren" und noch einiger anderer Sammelwerke, in denen mit unendlichem Fleiße ein Schatz verschollener Anekdoten zusammengetragen ist. Jsaac d'Jsraeli war ein Mann, der vom frühen Morgen jbis zum späten Abend in den Manuskripten des Britischen Museums oder in den Schätzen seiner eigenen großen Bibliothek wühlte. Nur ein geringer Teil seiner Lollektaneen wurde zu Büchern verwertet. Er verlor allmählich den Trieb, zu schreiben, sammelte aber mit Feuereifer immer weiter. Listen mit bis zum Rande vollgeschriebenen Zetteln sind von ihm jetzt noch vorhanden. Als Sohn dieses Zitatenhamsters und einer unbedeutenden Mutter wurde am 19. Tebet 5565 oder, nach der Rechnung der Christen, am 21. Dezember 1804 Benjamin Disraeli, der Staatsmann, geboren. Der Vater Jsaac war dem Judentum gegenüber ganz gleichgültig, hatte von seiner eigenen Mutter sogar eine Antipathie dagegen geerbt. Den damals ungewöhnlichen Schritt des llebertritts zum Christentum mochte er indessen nicht voll-