Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 7 94 Rr. 48 Dr. Blochs Wochenschrift. völkerung, anerkannt von den Herrschern als patriotische und ehrgeizige Staatsbürger im Wettbewerbe aller kulturellen Bestrebungen. Sie entwickeln sich in der Freiheit musterhaft, man hört kein Wort der Anklage gegen Saloniki oder Jerusalem oder andere Städte, wo sie sich in Massen befinden. So existiert ein großer Staat in Europa, welcher durch unzählige Beispiele die jüdische Gleichberechtigung befürwortet. Das ist eine gewaltige historische Tatsache, gegen welche die Tobsucht der antisemitischen Presse ohnmächtig wie gegen einen gewaltigen Felsen ausschäumt. Wir Juden können mit Stolz auf die Vorgänge in der Türkei Hinweisen und durch die Geschichte eines Staates, der fast eine Großmacht ist, beweisen, daß die Verfolgung gegen uns bloß roher Pöbeliustiukt gegen eine wehrlose Minorität, schreiendes Unrecht, bodenlose Lüge ist. Der Nachbar der Türkei, Rußland, erklärt, seine Juden fürchten und im Kerker halten zu müssen. Rußland und ganz Europa werden nun durch das ottomanische Reich überführt und beschämt. Das nun ist eine so grcße und gewaltige Tatsache, der gegenüber die jüdische Dankbarkeit nicht groß genug sein kann. Diesmal soll sie von unserer Finanzwelt gezeigt werden und wenn das geschieht, werden ihr alle Juden aus vollem Herzen applaudieren. _ Me Stellung der Zionisten in Mahl- Kampfe« gegen die Antisemiten und Taufjuden. (Präsident David Wolfsohu gegen die „Oesterreichische Wochenschrift".) II. In Bezug auf unsere Ausführungen unter gleicher Ueberfchrist in Nr. 46 teilte uns ein „Zionist" in einem Schreiben mit, daß er „für seine Person" bei den Gemeinderatswahlen in dem ersten Bezirk gegen die Wahl derRenegaten „agitiert" habe, und fügt hinzu, das „wird noch manch anderer Zionist ebenso getan haben." Die Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift" ist in der Lage, diese Konstatierung vollauf zu bestätigen. So wissen wir, daß auch Herr I. H. Waltuch am Wahllage für die jüdischen Kandidaten sich eingesetzt und seinen Mann gestellt hat. In dem Ostjuden bricht sich das jüdische Empfinden hie und da trotz aller Hindernisse durch. Was aber die Okffentlichkeit im hohen Maße allein interessiert, war die Stellungnahme der Parteileitung! Wenige Tage vor der Entscheidung jenes denkwürdigen Wahlkampfes hat der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich" im „Hotel Post" eine Versammlung abgehalten, um, wie man sagte, „auch im ersten Bezirk seine Karte abzugeben". Den Standpunkt der Parteileitung präzisierte der derzeitige Oberführer der Wiener Zionisten oder, wie sie sich vor den Wahlen neunen, jüdischen Demokraten, Herr Lucian Brunner — unter lebhaftem Beifall seiner Gefolgschaft. Nach dem offiziellen Bericht lautete seine Rede: „Wenn man jüdische Kandidaten aufstellt, dann sollte man dies nicht allein deshalb tun, weil sie Juden sind, sondern vor allem darauf sehen, dass diese Juden auch Männer von Charakter sind. So wie mancher ein Geschäft mit der Taufe macht, so will einer auch durch sein Judentum Karriere machen. Die „Israelitische Union“, welche den Bukowinaer Juden in den Rücken gefallen ist, hat plötzlich ihr jüdisches Herz entdeckt; das sollte denn doch stutzig machen.“ In dem offiziellen Bericht heißt es dann weiter: „Redner wendet sieh unter allgemeiner Zustimmung gegen die Kandidatur desHerrnFrank. Dieser habe es nicht einmal für der Mühe wert gehalten, in der heutigen Versammlung zu erscheinen. Er hat sich als einpolitisch unzuverlässiger Mann gezeigt. Bei den letzten Kultuswahlen ist er hin- und hergewackelt und hat kein anderes Programm entwickelt als: „Ich will gewählt werden“. (Lebhafte Heiterkeit.) („Jüd. Zeitung", Nr. 16, 1910.) Heißt das die jüdischen Kandidaten in ihrem schweren Kampfe gegen Taufjuden unterstützen und verdient das nicht vielmehr eine ganz andere Bezeichnung? Die zionistischen Studenten-Vereine, welche es ablehnten, zur Schreibarbeit im Agitationslokal am Wahltag einige Vereinsgenoffen zu delegieren, waren somit in Uebereinstimmung mit der Parteileitung. Die „Jüdische Zeitung" erhärtet dies auf Seite 2, Nummer 45, mit folgenden Worten: „Die zionistische Hartei aber hatte Leinen Anlass, sich für die Angreifer zu exponieren, welche ja nicht auf ein jüdisches, sondern auf ein deutsches Programm kandidierten. Sollte sich wirklich so ein deutschfortschrittlicher Wahlwerber an einem zionistischen Studentenverein herangemacht (!) haben, dann war es nur eine gesunde Lehre, dass zionistische Korporationen ihre Weisungen ausschliesslich von der eigenen Partei zu empfangen gewillt sind.* War aber der Kultusvorsteher Herr Max Frank bei seiner übrigens ohne sein Hinzutun aufgestellten Kandidatur gegen die Taufjuden nicht zu unterstützen, weil er angeblich als „Deutsch-Liberaler" kandidiert habe und die Unterstützung eines solchen Kandidaten, welcher als Jude zum Deutschtum sich bekennt, vom Standpunkt der „Zionisten" als unzulässig erscheint: warum haben sie im Jahre 1907 für Herrn Doktor Ofner gegen den Christlich-Sozialen „gearbeitet"? Hat nicht Dr. Ofner den Zionisten ins Gesicht erklärt, er laffe sich sein deutsches Herz nicht aus der Brust reißen? Die Antwort auf diese Frage gab die Mitteilung, welche wir mit allem Grund als eine' „Enthüllung" bezeichneten: »Die Freiheitlichsozialen versprachen dagegen, hei den kommenden Kultuswahlen für die Jüdischnationalen einzutreten.« Das also ergibt sich als des Pudels Kern. Im Kampfe gegen Antisemiten und Taufjuden gewähren die Zionisten Wahlhilfe, wenn ihnen dafür wenigstens Kultusmandate in Aussicht gestellt werden. In der Wählerversammlung, welche aus Anlaß der Kuttusgemeindewahlen Samstag den 19. November im Saale des - Hotel Guth stattfand, erwähnte der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, sein energisches Bemühen, die Taufjuden bei den Gemeinderatswahlen zu Falle zu bringen. Unter dem lebhaften Beifall der Zuhörer fügte er hinzu: „Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob wir bei diesem Anlässe von allen Juden oder von allen jüdischen Parteien unterstützt worden sind, und will nur bemerken, daß ich vor wenigen Wochen in einer Zeitung gelesen habe: ihre Partei konnte jene Bewegung nicht unterstützen, weil die Männer, für die sie hätten eintreten sollen, ihr nicht konveniert haben. Das können Sie in einem Parteiblatte lesen, das vor drei bis vier Wochen erschienen ist. Und da sage ich Ihnen, wenn man mich heute vor die Wahl stellte, einem Straßenbettler gegen über dem getauften Juden die Stimme zn geben, ich mich für den Straßenbettler entscheiden würde." Herr Präsident David W o l f s o h n aber hat unsere Vermutung, daß die zionistische Parteileitung in Köln die absonderliche „nationale Politik" der Wiener Zionistenführer nicht anders einschätzt, mit dem Ausdruck „größter Entrüstung" zurückgewiesen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Eine Hetze gegen Talmud «nd Judentum in Kanada. Wir erhalten folgende Zuschrift: Montreal, 16. November 1910. Sr. Wohlgeboren Herrn Dr. Josef Bloch, Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen eine Mitteilung zu machen, welche das gesamte uordamerikanische Judentum betrifft.