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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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»'« Dr. Bloch’s J*,TOn' Lentrslorgsn lür die gesamten Anteressen des Judentums --- Wien, 2. Dezember 1910 Lrscbetnt jeden FreLtag. Brref-Adreffe: Wie-, IX/1. Hahngaffe 15- Telegramm-Adreffe: Bioch's Wochenschrift, Wien. 0(7 A. k. Postfparkaffenarnt Sleartng--Verk ebr «r. 810.976. Redattton und Administration: r- Kirn EX/i, Hahngaffe Nr. 18. Telefon Nr. 14.847. Do Q O0: =£>o O(j - - ==DO p Vrprgsprris für Vefirrrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespat» tene Petttzeile 24 Heller. £ OQ : j^OQ Inhalt: Leitartikel: Die türkische Anleih: und die Juden. — Die Stellung der Zionisten in Wahlkämpfen gegen die Antisemiten und Taufjuden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Hetze gegen Talmud und Judentum in Kanada. Eine freche dumme Lüge- Jüdische Finanzminister in Frankreich. Gibt es eine jüdische Nationalf ihne? Tolstoi und die Juden. Der Zwist in der A. I. U. Benjamin Disraeli. Lord Beaconsfield. Das Taufjadentum. — Korrespondenzen: Die Kultuswahlen vom 27. November 1910. Ern unwürdiges sträfllches Wahlmanöver. Der polnische Jude. Vom Verwaltungsgerichtshofe. Vereim»für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Dank des Kaisers für ein hebräisches Huldigungsgedicht. Newyork. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. MoichiachS Zeiten. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Die türkische Anleihe und die Anden. Es war vor drei Jahren, als die „Oesterreichische Wochenschrift" als die erste und auf geraume Zeit hinaus einzige jüdische Instanz in Wien in einer Anleihefrage das Wort ergriff. Bekanntlich suchte und fand damals die ru'fische Regierung hunderte von Millionen auf dem Finanzmarkte. Finanziell schien die Sache ziemlich günstig gU liegen und so kam es, daß sich Juden als Privatleute und von Juden geleitete Finanzinstitute an der Beschaffung des Geldes beteiligten. Sie hatten sich zwar eine Ausrede konstruiert und behaupteten, als Gegengeschenk für ihre Bereitwilligkeit liege ein Versprechen der russischen Regierung vor, sie werde ihren Juden gegenüber ein freundlicheres Verhalten beobachten. Ganz abgesehen davon, daß sich die Wirklichkeit bieder Zusage nicht kontrollieren ließ, war jeder Realpolitiker der Ansicht, daß sich die russischen osfizüllen Kreise höchstens zu ein paar Verlegenheitsphrasen verstanden hätten und daß nach Erledigung der Anleihe kt ine Rede mehr von der Aenderung eines Systems sein werde, das in der grausamsten Verfolgung der Juden bestehe. Trotzdem ein mächtiger Führer der Wiener Judenheit an der Anleihe beteiligt war, schritten wir mit größter Schärfe gegen die Beteiligung der Juden ein und zwangen eineMeihe von Korporationen, uns zu folgen. Wir vertraten die Ansicht, daß die Gewinnsucht nicht so weit gehen dürfe, die blutigen Mörder unserer Brüder finanziell zu stärken. Wir sprachen ferner die Befürchtung aus, daß die von den westlichen Juden eingezahlte Anleihe zum Teil für Pogromwaffen und Pogromleute gegen die östlichen Juden zur Verwendung kommen werde. Die furchtbarsten Ereignisse haben unserer Auffassung leider Recht gegeben. Heute ist es eine andere Anleihe, in welcher das jüdische Interesse in Frage kommt, und diesmal ist unser Standpunkt der entgegengesetzte wie im Jahre 1907. Denn heute handelt es sich um die Türkei, welche für die Bedürfnisse ihrer neuzeitlichen Entwicklung, zur Organisierung von Nährstand und Wehrstand anderthalbhundert Millionen braucht. Nachdem ihr von den Westmächten entwürdigende und drückende Bedingungen diktiert wurden, wendete sie sich an die Finanzkräfte des Dreibundes und hatte einen raschen und vollen Erfolg. Nun handelt es sich um die Einzahlung des Geldes und um die dadurch bewirkte Hebung und Befestigung des Staatskredites. Es kann hier nicht die Rede von der finanztechnischen Seite der Anleihe sein und von den größeren und kleineren Vorteilen, welche der Zeichner der Anlt ihepapiere findet. Nur im Allgemeinen kann bemerkt werden, daß bei der sicheren und ruhigen Führung der Staatsgeschäste durch die Jungtürken eine beträchtliche, finanzielle Sicherheit vorhanden ist, die noch bedeutend vermehit ist durch das hohe Interesse der Dreibundmächte für den ottomanischen Staat, das sogar durch Geheimverträge und Militärkonventionen ausgedrückt sein soll. Bon diesem Standpunkte jevoch ganz abgesehen, liegt für die jüdische F'uanzwelt ein außerordentlicher Grund vor, für den Fortschritt der Türkei das Möglichste zu tun. Denn sie erfüllt damit eine Pflicht der Dankbarkeit und zugleich der Vorsorge für den Weiterbestand eines Beispieles liberaler Gerechtigkeit. Die Türkei ist der einzige Staat in Europa, in welchem der Antisemitismus keinen Eingang gefunden hat. Schon Abdul Hamid und seine Vorgänger haben den Juden die volle Sicherheit und Freiheit des Eigentums und des Erwerbes eingeräumt und diese edle Tradition wurde von den Jungtürken nicht nur fortgesetzt, sondern noch erweitert. Als man daran ging, die Wehrpflicht von den Mohammedanern auf alle ottomanischen Staatsbürger auszudehnen, wurden die Juden im vollen Ausmaß herangezogen, das Wahlrecht für die Kammer bekamen sie auch und übten es zur Delegierung jüdischer Deputierter aus. So ist das ganze Leben der Türkei ein Beweis dafür, daß die Behauptungen des Antisemitismus Lüge und Verleumdung sind, ein Produkt religiöser und nationaler Gehässigkeit gerade in jenen Ländern, weiche sich rühmen, unter dem veredelnden Einflüsse des Christent 'Ms zu stehen. Auch in der Türkei hat es eine Massenpsychose der Feindseligkeit gegeben, welche sich gegen die Armenier blutig entlud und auch die Griechen im öffentlichen Urteil herabsetzt. Die Juden blieben aber von Ungerechtigkeiten unter den Khalifen vollständig verschont, obwohl es namentlich zu Zeiten des Absolutismus nur eines Winkes bedurft hätte, um sie der Wut des erbitterten Volkes preiszugeben. Sie sind also keine Parasiten, keine Ausbeuter, keine Revolutionäre, sondern leben in vollster Einigkeit mit der Be-

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