Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 790 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 47 angefangen bemerkt man eine Bewegung unter diesen Juden, die sich zu langen Karawanen von Tausenden von Pilgern gruppieren. Da das wie heilig verehrte Grab sich nicht in Nazzan selbst, sondern einige Kilometer Don der Ortschaft entfernt befindet, führen die Besucher Proviant für mehrere Tage mit sich. Jung und Alt, vom Großvater bis zum Enkelkind, alles zieht hin, um dort in Zelten zu lagern und die ganze Zeit in frommem, inbrünstigen Gebete zu verbringen. Im letzten Jahre sind sechstausend jüdische Pilger zu dem Grabe des Rabbi Amram gezogen. Ihr Glaube ist so tief und unerschütterlich, daß sie, heimgekehrt an ihren Familienherd, es jedem, der es hören will, haarklein erzählen, wie der Heilige ihre Bitten erhört und erfüllt hat. Von den zahllosen Wundertaten, deren Geschichte im Volke zirkuliert, sei hier eine erzählt, die auf die Gläubigen den mächtigsten Eindruck geübt und sie in ihrem Glauben bestärkt hat. Zwei Kinder, das eine gelähmt, daS andere stumm, wurden auf den Grabstein des Rabbi Amram gelegt. Ein Dutzend von den Familien der kranken Kinder beigestellte Rabbiner verbringen den ganzen Tag im Gebet. Angstvoll steht die Menge um das Grab herum, überzeugt, daß der Verehrte im Grabe die Gebete der Rabbiner erhören und das erhoffte Wunder vollführen werde. Aber die Nacht sinkt herab und die armen Kleinen liegen noch immer gelähmt und stumm auf dem Grabe. Die Mehrzahl der Gläubigen hat sich unter die Zelte zurückgezogen, als gegen Mttternacht diejenigen, die bei den kranken Kindern Wache hielten, sehen, wie das gelähmte Kind sich erhebt, um zu seinen Angehörigen in das Zelt zu gehen. Es entsteht Tumult, Aufregung, n.an ruft das Wunder aus, alles ist auf den Beinen und niemand denkt an das stumme Kind. Dieses bleibt allein, sich selbst überlassen, ruft mit einemmale seinen bisherigen Leidensgenoffen beim Namen. Der Heilige hat beide geheilt. Seither bildet diese Wundertat das Tagesgespräch in der Stadt. Amüsanter ist der Fall des Rabbiners, dem nach langen Beten die Wunderkrast zu teil ward, niemals weniger als einen halben Duro (ein Geldstück) in seiner Tasche zu haben. Unsere braven Glaubensbrüder, die an diese Wunderkraft glaubten, nehmen seit jener Zeit den Rat und die Intervention dieses Rabbiners häufiger in Anspruch und sorgen dafür, daß die Verheißung in Erfüllung gehe und dem frommen Manne der halbe Duro niemals fehle. Ist eine Bitte erfüllt und das Wunder geschehen, so beginnt das Festmahl. Tie betreffenden Familien holen ihren reichlichen Proviant hervor, Hammel werden geschlachtet, Wein und Feigenlikör kredenzt. Nach dem reichlichen Mahle and dem hierauf folgenden langen Schlafe geht der Zug an den neben dem Grabe befindlichen sumpsartigen Teich, »ei agna del santo« (Wasser des Heiligen) genannt, vorüber. Man streicht die eingetauchten Finger über die Gliedmaffen des eigenen Körpers, womit vom Körper jedes Unheil abgewendet werden soll. Besonders die Frauen, noch unwiffender als ihre Ehehälften, sind es, die dem „Heiligen im Grabe" eine große wundertätige Macht zuschreibcn und wele dem, der an ihr zu zweifeln wagt. Die jüdischen Frauen in Marrokko leben, mit Ausnahme einiger weniger europäisierter Familien in völliger klösterlicher Zurückgezogenheit. Nur selten sieht man eine jüdische Frau aus dem Volke allein ausgehen, es sei denn an einem Feiertage. Die jüdische Frau im Innern Marokkos verbringt satt ihr ganzes Leben in ihrer Behausung. Nur wenn ihre Ehe unfruchtbar geblieben und sie ein Gelübd. macht, zum Grabe des Rabbi Amram zu Pilgern, geht sie mit Erlaubnis ihres Mannes ganz Mein den weiten Weg nach Nazzan. Wie sehr der Glaube an die wundertätige Kraft des Grabes von Nazzan und des „Wassers des Heiligen" im Volke lebt, geht aus einer Bemerkung eines marrokkanischen Arztes hervor, der sagte: „Ich selbst habe schon Kranke an das Grab des Rabbi Amram geschickt, gegen deren Nervenleiden die Wissenschaft machtlos war, und ich leugne nicht, daß die Kranken in vielen Fällen geheilt wiedergekehrt sind". Literatur. Vor Schlüssel zu der Geheimschrift in der Publikation Landau - Wachstem, „Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619“ ist nunmehr gefunden. Unabhängig von einander ist die Entzifferung durch die beiden Unterzeichneten erfolgt. Der Schlüssel lautet: (Geheimschrift) nt£>lp3£S^D3Öl?!3‘'öntiriTJaK (Lösung) , n 2*. » n o ■: ' tscji avsn Herrn Hofrat D. H. Mülle r ist es gelungen, die Wahl Worte des Satzes, der dieser Geheimschrift zugrunde liegt, aufzufinden. Diese lauten: '"w nna yra DSp *iö bj 7i7 Der Empfänger musste nur unter diese Wörtergruppe das Alphabet setzen, um sofort die Geheimschrift lesen zu können. Dr. B. Wachstein Dr. M. Berkowicz Wien. Iglau. Die Publizierung des Briefes erfolgt in einer separaten Ergänzung und wird an die Besitzer des Werkes auf Verlangen durch den Verlag Braumüller kostenlos zugeschickt. Oskar Wilde, Das Bildnis des Mr. W. H. Lord Arthur Saviles Verbrechen. Deutsche Uebertragung von Felix Paul Greve. I. C. C. Brun's Verlag. Minden in Westfalen M. 1.50. Eine glänzend geschriebene Einleitung lehrt uns die Tragweite dämonischen Einflusses ahnen, dem dieser Enphorion nach seinem tragischen Ende in immer steigendem Maße weit über die Grenzen Neuenglands hinaus allem Intellektuellen sich unterwirft. Ein neues Land der Aesthetik ist hier entdeckt. Die erste der beiden Erzählungen behandelt die Geschichte einer kleinen Fälschung, eine Elegie auf den Fanatismus des fanatischen Kunstforschers. Die gleiche Phantastik, die an F. A. Hoffmann erinnert, grausig, bestrickend, unnachahmlich, atmet die zweite Novelle, eine unheimliche Mordgeschichte. Die Leistung reiht sich würdig den früheren Wilde-Uebertragungen des Uebersetzers an. x. Ozar Visrael A hebrew Encyclopedia. IV. jnmin I. D. Eisenst ein, 165 East Broadway, New-Iork. Der vorliegende Band enthält unter anderem Artikel über Chewra-Kadischa, Hasmonäer, Dabar sche'cno schelo, Dabar schelo bo le'olam, Deleka baschabbat, Hodah'a, Heckesch, Chalucka. Cholim, eine Fülle biograpischen Stoffes, Artikel über biblische Gegenstände usw. An Illustrationen sind dem Bande Leigegeben: Eine Darstellung des Hammurabi-Kodex, das Porträt eines der „Beni Israel" (eines Mitarbeiters), das Bild eines Tränenglases, wie man es mit Tränen zu füllen und dann verschlossen dem Toten ins Grab mitzugeben pflegte, u. a. m. Der Band ist sorgfältig gearbeitet. Den Beiträgen, die zum Teil auch aus der Feder österreichischer Juden stammen, gebührt alles Lob. . L. M. Peter Rosegger, Das Buch von den Kleinen. Broschiert M. 4.—, in Originalband M 5.—, Halbfranz. M. 6.—, L. Staackmann Verlag in Leipzig. Es ist kein neues Buch, nur ein Auszug aus älteren Schriften. Doch dieses „nur ein Auszug" soll so viel bedeuten, daß ein Extrakt des Köstlichsten für alle Eltern. und Erzieher hier von des Dichters Hand selbst destilliert ist. Man liest es am besten dort, wo es entstanden ist, auf dem saftigen, sonnigen Rasen unserer Alpenwelt, wenn vor einem die wilde Jugend jauchzt und tollt. Wie viel Natur können unsere Mütter aus diesen schlichten Plaudereien lernen, wie viel Unnatur damit aus den Kinderstuben fegen. Diese Kinderbeschreibungen, die nach pädagogischem Wert, an Gemütstiefe und echtem Roseggerschen Humor zu dem Bedeutendsten dieses Dichters gehören, werden ihren Zweck erreichen, wenn sie nicht nur gelesen, sondern daraus gelernt wird. x. Heine-Reliquien. Unter diesem Titel veröffentlicht der bekannte Verlag von Carl Eurtius dieser Tage nebst zwei noch gänzlich unbekannten literarischen Arbeiten Heinrich Heines, eine große Anzahl Briefe, die Heine an seinen Bruder Gustav, an seine Frau, an seine Mutter und an Ferd. Friedland geschrieben hat. Ferner Briefe zahlreicher Freunde und Zeitgenossen, wie Salomon Heine, Jmmermann, Gutzkow, Andersen, Mundt, Mendelssohn, Herwegh, Meherbeer, Carriere, Fürstin Belgiojoio, die Mouche und noch zahlreicher anderer an Heinrich Heine. Eine längere Arbeit Gustav Heines über Heinrich ergänzt das Werk, dem überdies äußerst wertvolle Beilagen, fünf große Faksimiles und nicht weniger als fünf noch unbekannte Porträts beigegeben sind, darunter ein in Farben ausgeführtes entzückendes Porträt Heines nach einem Miniaturbild aus dem Besitze des Neffen des Dichters Freiherrn Maximilian von Heine-Geldern in Wien. Das gesamte Material ist noch gänzlich unbekannt und wird in dem Buche zum erstenmal veröffentlicht. In die Herausgabe dieses sensationellen, schriftlichen Nachlasses teilen sich der Neffe Heines. Baron Maximilian von Heine-Geldern, Wien und der bekannte kürzlich verstorbene Heineforscher Dr. Gustav Karpeles. Ed. Hertlei«, Der Daniel der Römerzeit. Leipzig 1908. M. Heinsius Nachfolger. Der Verfasser, der sich als Dilettant auf dem Gebiete der Bibelkritik bekennt, zeigt wieder einmal, was gerade der Dilettant vor dem Schul- und Fachgelehrten mitunter an Unbefangenheit und r