Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 7SS Dr. Blochs Wochenschrift. Ar. 47 wird. Die Hauptursache dieses Rückgangs ist im Grunde der Wirtschaftliche Erfolg der jüdischen Geschäftsleute. Viele haben ihre Geschäfte in Genossenschaften oder Gesellschaften umgewandelt. Die Gründer ziehen sich zurück oder sterben, und die jüngeren Direktoren betrachten es sozusagen als eine Pflicht gegen ihre Anteilseigner, den Sabbat allmählich zu einem Arbeitstag zu machen. Es ist jedoch bemerkenswert, daß diejenigen Häuser, welche fortgesetzt am Sabbat festhallen, ganz außerordentliche geschäftliche Erfolge haben, und daß der Wettbewerb augenscheinlich ihre Lage keineswegs ungünstig beeinflußt. Ich kenne eine Firma in Melbourne, deren Bureaus am Sabbat und an Festtagen streng geschlossen sind und deren Inhaber am Freitag mittag punkt 2 Uhr sein Geschäft verläßt, und doch ist das Geschäft eines der erfolgreichsten in der ganzen Stadt. Es ist daher sicher ein Irrtum, zu vermuten, daß der Sabbat den wirtschaftlichen Ruin bedinge. Möglicherweise nähert sich übrigens bei uns das Problem seiner Lösung. Man geht in der Melbourner Geschäftswelt damit um, den Sabbat gu einem Halbfeiertag zu machen, eine Maßnahme, welche wahrscheinlich verwirklicht werden wird." Mr. Blashki äußert sich dann noch über den Synagogenbesuch und die religiöse Erziehung in Melbourne, wo es zurzeit drei Gemeinden gibt. Die gesamte jüdische Bevölkerung Australiens erreicht übrigens noch nicht 20.000 Seelen. Köln. (Jüdischer Protest gegen Bürgermeister Nathan.) Der hiesige konservative jüdische Verein hielt dieser Tage seine Generalversammlung ab. Nach Erstattung des Jahresberichtes kam der Vorsitzende Herr Karl Bier auch auf die bekannte Rede des römischen Bürgermeisters Nathan zu sprechen, die Stellen enthalte, die geeignet seien, das Gefühl von Millionen katholischer Bürger aufs Tiefste zu verletzen. Nathan habe zwar nicht in seiner Eigenschaft als Jude gesprochen, vielmehr als Bürgermeister Roms eine politische Rede gehalten; aber selbst in dieser Eigenschaft hätte er mehr Rücksicht auf die Gefühle seiner katholischen Mitbürger nehmen müssen. Sei es doch gerade die jüdische Religion, die ihren Bekennern weitestgehende Toleranz Andersgläubigen gegenüber vorschreibe. Der Redner schloß: „Als Menschen, als Staatsbürger und nicht zuletzt als Juden wollen wir mit unseren Mitmenschen in Friede und Eintracht lebe«, wir wollen so, wie wir Achtung vor unserem Glauben fordern, Achtung dem Glauben Anderer zollen. Wir erblicken in den Ausführungen des Bürgermeisters von Rom in seiner Rede vom 20. September einen scharfen Gegensatz zu diesen Anschauungen, eine Nichtachtung dessen, was einem großen Teile unserer Mitmenschen hoch und heilig ist. Wir beklagen diese Angriffe aufs Tieffte und lehnen es aufs Entschiedenste ab, uns auch nur in irgend einer Form mit ihnen zu identifizieren/ Die Versammlung brachte durch wiederholten Beifall ihr volles Einverständnis mit diesen Ausführungen ihres Vorsitzenden zum lebhaften Ausdruck. Halberstadt. Es wird geplant, mit dem Beginne des neuen Schuljahres im April des kommenden Jahres eine Einrichtung hier ins Leben treten zu lassen, von der wir hoffen, daß sie nicht nur unserer Gemeinde, sondern dem ganzen Judentum zugute kommen wird. Seit über 100 Jahren besteht hier die Hascharath Zwi-Schule. Trotzdem im Lehrplan dieser Schule die Fächer einen ganz bedeutenden Platz einnehmen, hat doch seit ihrem Bestehen, dank ihrer tüchtigen Lehrkräfte, diese Anstalt in ganz hervorragender Weise ihre Zöglinge für die höheren Lehranstalten unserer Stadt (Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule) vorbereitet. In wirksamster Weise wurde in dieser Schule P* Tn o* mm in die Tat umgesetzt. Um die Segnungen dieses Institutes auch weiteren Kreisen zukommen zu lassen, soll damit zu Ostern ein Internat verknüpft werden. Wir hoffen auch, damit den Klagen abzuhelfen, die oft darüber laut geworden find, daß in Deutschland sich keine Anstalt befindet, die aufZtreng gesetzestreuer Grundlage Schule und^Haus verbindet. Ausgenommen werden Kinder vom 6. Lebensjahre an, die bis zur Quarta unsere Schule besuchen müssen und dann einer der obenerwähnten Anstalten zugewiesen werden, bis wir in der Lage sind, die Anstalt weiter auszubauen. Anmeldungen für das Internat nimmt jetzt schon Herr Rabbiner Dr. Aue rv a ch und Herr Dr. Rothschild entgegen. Judenvertreibungen aus polnischen Dörfern, Seit einiger Zeit nimmt die Vertreibung der Juden aus den russisch-polnischen Dörfern wieder schreckliche Dimensionen an. Es genügt die Denunziation eines einzigen Bauern, daß der betreffende Jude im Dorfe Handel treibe, und der Ausweisungsbefehl ist fertig. Rekurse bleiben in der Regel erfolglos. In der Gegend von Plozk wurden zahlreiche greise Juden, die überhaupt kein Geschäft mehr treiben, sondern von der anständigen Unterstützung ihrer ausgewanderten Kinder ihren Lebensabend fristen, von der Ausweisungsmaßregel hart betroffen. Ksschenew in Bessarabien. Eine gerichtliche Anklage, die soeben gegen das Kischinewer Blatt „Bessarabskaja Schisn" und zugleich gegen den Rabbiner Zirelsohn erhoben wird, wirft ein Schlaglicht auf die Lage der russischen Juden. Immer wieder bekommt man es ja in den hiesigen Hetzorganen zu lesen, daß die Juden in Rußland der Militärpflicht sich entzögen, und oft genug hat!d je genannte Beschuldigung herhalten müssen, um für die Verfolgungsmarimen wenigstens einen Schein von Berechtigung zu finden. In Wahrheit allerdings hat schon längst die unerbittliche Statistik das Gegenteil erwiesen; es steht heutzutage fest, daß die russischen Juden infolge eigenartiger Gesetzeskniffe und unzureichender Listenführung im Verhältnis zu ihrer Zahl alljährlich um 30 bis 40 Prozent mehr Soldaten als die andere Bevölkerung stellen. Insbesondere ist die mangelhafte Verzeichnung der im jugendlichen Alter sterbenden Juden eine Hauptursache dieses abnormalen Zustandes. Die toten Juden werden in unzähligen Fällen den jüd. Gemeinden als lebende militärpflichtige angerechnet, was dann zur Aufstellung sehr denkender Aushebungslisten führt. Dazu kommt nochi, daß die Verwandten eines jeden Juden, der sich nicht rechtzeitig zum Militärdienst stellt, also auch eines jeden nichtregistrierten Toten, an den Fiskus eine Strafe von je 300 Rubel zu entrichten haben. Es mag noch so unglaublich klingen, es ist aber wahr, daß eine Menge jüdischer Familien ihr letztes Hab und Gut hat verkaufen müssen, um für Tote, die dem Militärdienst sich entzogen, zu zahlen. Gegen diesen Modus haben nun die genannte Zeitung und der Rabbiner Zirelfohn einen lokalen Kampf in die Wege zu leiten versucht. Der Rabbiner stellte nämlich ein Verzeichnis aller während der letzten 20 Jahre in Kischinew verstorbenen Juden auf, die trotzdem außerhalb Kischinews zum Militärdienst einberufen werden sollen. Das Verzeichnis, das dann in der „Bessarabskaja Schisn" zur Veröffentlichung gelangte, umfaßte 240 Namen. Es sollte an sämtliche Gemeinden und Rabbiner versandt werden, damit diese in der Lage wären, die Aushebungslisten rechtzeitig zu prüfen,-die darin enthaltenen Toten als solche aktenmäßig festzustellen und ihre ordnungsmäßige Streichung durchzusetzen. Man solle denken, daß ein solches Streben von niemandem angefochten werden könnte. Allein die russische Bureaukratie empfand den Kischinewer Versuch als einen Faustschlag und machte kurzen Prozeß. Die Kischinewer behördlichen Ordnungsstützen konfiszierten die gefährliche Zeitungsnummer und stellten den Redakteur sowie den Rabbiner, der die Sache inspiriert haben soll, unter Anklage. Dies geschah, ungeachtet des Umstandes, daß