Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021921--19758-3044759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 785 Wien. (Vom Verwaltungsgerichtshof. Der Streit um bas Religionsbekenntnis eines Kindes.) Ein interessanter Rechtsstreit um das Religionsbekenntnis eines Kindes gelangte mit einem gestern publizierten Erkenntnisse des Verwaltungsgerichtshofes zur Entscheidung. Der in Gablonz wohnhafte Kaufmann Josef Morgenstern hatte als Jude im Jahre 1892 eine Katholikin geheiratet, die vor der Hochzeit aus der katholischen Kirche austrat und sich konfessionslos erklärte. Im März 1899 zeigte Frau Morgenstern an, daß sie mit ihrer damals zweijährigen Tochter Ernestine, die nach der Geburt katholisch getauft worden war, zum Iudentume übertrete. Mutter und Kind wurden auch unter den vom Ritualgesetze vorgeschriebenen Formalitäten in den Verband der israelitischen Religionsgenossenschaft aufgenommen. Als das Kind in die Schule eintrat, entstand zwischen den Schulbehörden ein Streit darüber, ob das Kind den mosaischen oder den katholischen Religionsunterricht zu erhalten habe. Die Vezirkshauptmannschaft Gablonz entschied, datz das Kind dermalen der mosaischen Religion angehöre. Heber Rekurs des Pfarramtes Maffersdorf, welches das Kind für die katholische Kirche reklamierte, entschied die Prager Statthalterei, daß das Kind nach wie vor dem römisch-katholischen Glauben anzugehören habe. Das Ministerium für Kultus und Unterricht, an welche die Kultusgemeinde Gablonz, sowie die Eheleute Morgenstern rekurrierten, bestätigte die Entscheidung der Statthalterei. Die beiden Behörden gingen von der Anschauung aus, datz der behauptete Eintritt der Frau Morgenstern in die israelitische Religionsgenossenschaft eine Veränderung des Religionsbekenntnisses ihrer damals zweijährigen Tochter nicht bewirken konnte, da der Eintritt einer konfessionslosen Person in eine gesetzlich anerkannte Religionsgenoffenschaft nicht als Religionswechsel angesehen werden könne. Gegen die Entscheidung des Ministeriums erhob die israelitische Kultusgemeinde die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof, der unter Vorsitz des Senatspräsidenten Schwcrrtzenau in Stattgebung der Beschwerde die Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht als ungesetzlich aufhob. Der Kampf gegen den Frauenhandel in Galizien. Die Aufklärungsarbeit, welche Frl. Pappenheim aus Frankfurt a. M. gegenwärtig in Galizien leistet, hat bereits einige Früchte gezeitigt. Die Aufklärungsvorträge in den einzelnen Städten werden von Juden stark besucht und in Krakau ist man an hie Bildung eines jüdischen Verbandes zum Schutze von Frauen und Mädchen geschritten. An der unter Vorsitz des Rabbiners Dr. Th'on abgehaltenen Beratung haben sich die angesehensten jüdischen Persönlichkeiten Krakaus beteiligt. An der eingehenden und lehrreichen Diskussion nahmen die Herren Kultuspräsident Dr. Tilles, .Dr. Rafael Landau. Dr. Armhaus. Dr. Jan Landau, die Damen Bloch und Dr. Kirschner teil. Ein aus. 12 Mitgliedern bestehendes Komitee hat die Aufgabe übernommen, die nötigen Vorarbeiten für die Schaffung des Verbandes so rasch als möglich fertigzustellen. Mensa Academica Judaica in Budapest. Die Bemühungen der Vudapester jüdischen Studenten, eine eigene Mensa academica zu erhalten, dürften nun doch in Erfüllung gehen. Der „Ungarische Israelitische Landeskulturverein" hat jetzt die Sache in die Hand genommen und in seiner unter Vorsitz der Baronin Wilhelm v. Guttmann abgehaltenen Sitzung auf Grund eines Referates des Rabbiners Doktor Simon Hevesi beschlossen, an die Errichtung der Mensa academica judaica zu schreiten. Die Mensa soll bereits im nächsten Schuljahre eröffnet und für 500 Studenten eingerichtet werden. Charakterlosigkeiten. In Berlin erscheint seit Jahr und Tag kein Aufruf mehr, der, selbst wenn es um christliche Prachtkirchen oder um rein feudale ginge, um Heime für unversorgte Offizierstöchter geht, neben Herzögen, Grafen und Baronen nicht einige alttestamentliche, freilich sehr metallisch nebenklingende Namen von grotzen Bank- und Industrieherren trägt. Und die reichen Juden kommen auf leisestes Locken nur gar zu gern herbei. Der freiherrliche Nachbar ist ihrem jungen Weltmannstum noch eine gar zu starke Sensation, der sie nicht widerstehen. Man wünschte da oft gröberen Stolz und charakterfestere Herbheit. Wenn gar der Kaiser selber wirbt, da strömen die jüdischen Gelder in mächtigen Fluten heran, ohne Bedingung, ohne Vorbehalt gewährt. Aber es mutz gesagt werden, datz dieses Verhalten der reichen Iudenschaft unklug ist. Sie sollte in solchen Dingen von der ihr über Nacht kapitalistisch wesensverwandt gewordenen Iunkerschaft lernen. Damit nur könnte sie persönlichen Respekt bei den Machthabern erreichen, die heute immer noch in ihr nur die Geldsäcke berücksichtigen. Ein Beispiel für viele: Anläßlich des Jubiläums der Berliner Universität war der Kaiser in der Lage, Mitteilungen von einer Millionenstiftung zu machen, die. wie die Doktorpromotionen bewiesen, wiederum in hohem Matze judengoldhaltig war. Aber nicht ein einziger dieser semitischen Mäzene besatz so viel Charakter, an die Hergabe seiner Gelder die Bedingung zu knüpfen, datz die erste Landesuniversität endlich mit ihrem Antisemitismus aufräume, der seit Traubes Tagen keinem einzigen Juden ein Ordinariat mehr verlieh. Prinz August Wilhelm hat seine juristischen Examina mit Hilfe des anerkannt ersten Rechtslehrers der Friedrich-Wilhelm-Universität gemacht, aber diese höchste Kapazität der juristischen Fakultät ist Jude, und deshalb nicht ordentlicher Professor. Die christliche Professorenschast fühlt sich bei diesem schreiend ungerechten Modus durchaus wohl, da ihr die Konkurrenz hochwiyenschaftlicher Kräfte vom Leibe gehalten und die fettesten Lehrpsründen Vorbehalten werden. Sie liebt diesen Zustand durchaus und wünscht ihm ewige Dauer. Wie aber stehen die da, die mit Hergabe jüdischer Gelder solche Ungerechtigkeiten, wie die Uebergehung jüdischer Wissenschaftsautoritäten bei den Berufungen in die Ordinariate, schweigend gutheitzen und indirekt noch fördern? Lessings Wort: „Der reichere Jude war mir nie der bessere Jude",, das die deutsche Iunkerschaft freilich nicht unterschreibt, hat noch heute eine bittere Bedeutung. Die Konservativen haben recht, wenn sie solche Elemente halb und halb schon zum eigenen Heerbann rechnen, ohne Verzicht darauf, gesellschaftlich antisemitische Ausnahmegesetze weiter zu statuieren. (Aus der „Breslauer Morgenzeitung.") Der Sabbat tn Australien. In einem Interview, das der „Jewish Chronicle" veröffentlichte, autzerte sich ein angesehener Glaubensgenosse aus Melbourne, Mr. Blashki, in bemerkenswerter Weise über das Sabbatproblem in Australien. Mr. Blashki meinte: „Das Sabbatproblem ist das ernsteste, dem wir zurzeit gegenüberstehen. In den 70 er oder 80 er Jahren, als ich ein Knabe war, richteten die Rabbiner Ornftein und Davis in Sydney ihr Hauptaugenmerk auf den Sabbat, und sie bemühten sich, energisch und erfolgreich, eine bessere Beobachtung des Sabbats herbeizuführen. In jenen Tagen war es nichts ungewöhnliches, eine grotze Zahl von Detail- und Engros-Geschäften am Sabbat streng geschlossen zu finden. Leider wird in den letzten Jahren der Sabbat allmählich weniger beobachtet, so datz die Aufgabe, passende Unterkunft für jüdische junge Leute von religiöser Gesinnung zu finden, immer schwieriger