Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seile 780 Dr. Bkochs Wochenschrift. 47 Steuer auf alle Lebensmittel — so ungerecht wäre dasselbe in der Kultusgemeinde, zu der tausende und abertausende Juden in der Großstadt in absolut keinem Verhältnisse stehen, die nicht die kleinste Pflichterfüllung der Gemeinde gegenüber kennen, und denen das Wahlrecht gewähren, wäre nur das größte Unrecht (im angeblich größten Rechte). Diese Forderung ist nichts als der Einfluß des politischen Schlagwortes auf die jüdische Gemeindeverwaltung, in welcher Schlagworte nur verwirren und Unheil stiften können. Betrachten wir einzelne Schlagworte, es gibt harmlose und auch gefährliche. Wenn in Wien wohnende galizische Chassidim eine Vertretung in der Kultusgemeinde anstreben würden, so unsympathisch es vom kulturellen Standpunkte wäre, die Forderung wäre sachlich. Wenn aber der Ruf ertönt, es müsse ein Pole gewählt werden, der sogenannte Pole ist aber ein assimilierter Wiener, dann ist das ein Schlagwort, ein harmloses, ja sogar in unserem Falle ein erfreuliches, weil wir zu einem sehr guten Kandidaten kämen. Wenn man gegen die bezirksweise Wahl ist, zugleich aber verkündet, daß einzelne Bezirke besonders vertreten sein müssen, als ob der Minhag in Penzing ein anderer wäre als der von Floridsdorf, so ist das ein harmlos-komisches Schlagwort. Nun komme ich zu einem gefährlichen Schlagworte, welches die Gemeindeverwaltung auf ein tiefes Niveau Herabdrücken und unseren Kampf nach außen ad absurdum führen könnte. Ich meine die christlich-soziale Phrase in das Jüdische übersetzt. Hören wir nicht in derselben Wirtshausberedsamkeit, wie das uns heilige Judentum in vereinsmeierischer Weise zu egoistischen Zwecken ausgebeutet wird? Vor diesem uns fremden Schlagworte warne ich dringend! Es ist natürlich Pflicht und Schuldigkeit der Kultusgemeinde, das jüdische Gewerbe durchZuwenduug ihrerAufträge entschiedenst zu fördern. Die gleißnerischen Schlagworte sollen aber auf die intelligente Wählerschaft ohne Wirkung bleiben. Ich bin für Einheit und für Reinheit in der Gemeinde! (Lebhafter Beifall.) Kandidat Dr. Heinrich Schreiber bespricht die Geschichte und Entwicklung der Tempelvereine, erwähnt die Leitung speziell des Tempelveremes im IX. Bezirk mit seinem herrlichen Gotteshause und veranlaßt eine Kundgebung der Sympathie für den Obmann Herrn Gottlieb Bettelheim. Bei Schilderung der Verhältnisse' im XX. Bezirke, erwähnt er den Plan eines Spitals in der Brigittenau und sagt dann zum Schluffe: Es war mir in der letzten Versammlung nicht mehr gegönnt, auf einige Vorhalte zu antworten, die mir von einem der Sprecher gemacht wurden. Als ich zu ihm hinaufsah, hat, um ein Gleichnis eines anderen Redners zu gebrauchen, eine beträchtliche Reihe von Jahren mir ins Antlitz geschaut, längst verstrichene Zeiten, und diese haben sich wohl geändert, nicht ich. Schon dazumal ist er mir gefolgt, als ich für die Tempelvereine, ihre Förderung und Hebung seitens der Muttergemeinde ins Feld gezogen bin; er folgte mir aber nicht als Freund und Anhänger, sondern als Schatten, wie eben ein Schatten dem Lichte folgt. Doch heute ist er nicht da, und es widerstrebt mir, gegen leere Windmühlen anzukämpfen. Nur auf eine Bemerkung will ich zurückkomme«. Mit deutlicher Anspielung auf mich fiel das Wort: Mein Programm sei Dr. Alfred Stern. Run wohlan! Meine Gewohnheit ist es nicht, mit Schlagworten zu operieren, meine Eigenheit ist es, in spekulativer Geistesarbeit dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen. Nachahmung ist mir fremd. Aber wer, wie letzthin, den Worten des greisen Präsidenten gelauscht hat, eingenommen und bezaubert von der schlichten Größe seiner Darlegungen und dem rührenden Wesen seiner patriarchalichen Persönlichkeit, wer es vernommen hat, daß er als Schlußstein seines Erdenwallens nichts anderes will und wünscht, als die Größe und das Ansehen seiner jüdischen Gemeinde, in die er ganz und vollkommen aufgeht, wer eingedenk war, wie er erst kürzlich mit den Waffen des Geistes gegen ein Attentat übermütiger Politiker auf die Würde und das Selbstbewußtsein desJuden kampfesfreudig in die Front trat, wer sich dann noch nicht zu dem Programm Dr. Sterns bekennt, wahrlich, er wäre nicht wert, daß man ihn Jude nennt. (Lebhafter Beifall.) Wähler Herr Freud er will Interpellationen an den Vorstand richten, seine Ausführungen sind nicht immer recht verständlich, er wird von der Versammlung wiederholt unterbrochen und spricht schließlich den Wunsch aus, daß den Zionisten nicht entgegengetreten werde. Präsident Dr. Alfred Stern: Bei der letzten Wählerversammlung, die vor einigen Tagen stattfand, wurde ich aufgefordert, statistische Daten darüber zu liefern, wie es sich mit der Steuerleistung in der allgemeinen Kurie und mit der Steuerleistung der Höherbesteuerten verhält. Ich habe damals erklärt, daß ich sofort diese Erhebungen veranlassen und Ihnen Mitteilung machen werde. Dieser nun in der letzten Versammlung an mich gerichteten Interpellation entspreche ich nun. Das Kultussteuer-Ergebnis der Jahre 1908 und 1909 haben Sie hier im Rechenschaftsberichte. Das Kultussteuer-Ergebnis des Jahres 1908 war K 1,335.180, das Ergebnis des Jahres 1909 war K 1,393.960. Von 25.192 Steuerträgern find 1129 in der Kurie der Höherbesteuerten mit einer Steuerleistung von X 646.000, das ist fast das Gleiche der Leistung der anderen 24.000 Steuerzahler. Was den Zionismus anbelangt, darf ich Ihnen sagen: Der Kultusvorstand verschließt sich gar nicht dieser Richtung, es ist keine Rede davon, daß wir ihm gegnerisch oder feindlich gegenübertreten würden. Beispielsweise war ja in der Mitte des Kultusvorstandes der prononzierteste Vertreter dieser Richtung bis vor wenigen Monaten Baurat Marmorek, den ich hochgeschätzt habe, und ich könnte nicht sagen, daß sich irgend welche wesentliche Differenzen zwischen uns ergeben hätten. Er hat z. B. oft Anträge gestellt, daß gemeinnützige Institutionen in Palästina von Seite des Kultusvorstandes unterstützt werden Mögen, wie beispielsweise der Vereine „Bezalel" und Jüdische Krankenhäuser, meine verehrten Herren, diesem Wunsche wurde auch Rechnnug getragen. Sie wiffen ferner, daß alljährlich gottesdienstlich der Todestag des Dr. Herzl gefeiert wird, mit dem ich jahrelang befreundet war, und daß die Funttion bei dieser Feier von einem Gemeinderabbiner vollzogen wird. Wir haben ja, so weit es möglich ist, innerhalb der Gesamt-Gemeinde jener Richtung vielfaches Entgegenkommen bewahrt und find ihr nie gegnerisch gegenübergetreten. Allerdings die Formen müssen gewahrt werden, die Formen des äußern Anstandes, wie wir fie doch gewiß in der großen Gemeinde Wien bewahren müffen, auf die die Augen, nicht nur der Judenschaft, sondern auch die der Christen, ja die Augen Aller gerichtet find. Wenn aber diese Formen nicht eingehalten, sondern verletzt werden, haben wir die Pflicht, im Interesse der jüdischen Gesamtheit solchen Versuchen entgegenzutreten. Meine Herren! Es ist viel von verschiedenen politischen Richtungen gesprochen worden, wie fich innerhalb jeder Gesamtheit entwickeln und auch innerhalb der Judenschaft bestehen, die Berechtigung jeder Richtung soll auch innerhalb des jüdischen Gemeinwesens gewahrt bleiben. Es reicht hin, wenn wir uns alle in dem einen Worte begegnen: In dem Worte Jvri onauchi, das ist und das allein bleibe unser Losungswort. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Wähler Herr H i r s ch b e i n interpelliert wegen Zustände im Tempel zu Währing, der Vorsitzende verspricht Erhebungen zu veranlassen. Weitere Interpellationen, betreffend verschiedene Religionsschulen, beantworten erster Vizepräsident Dr. G. K o h n und Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, worauf der Vorsitzende mit einem Danke an die zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder die Versammlung schließt.