Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr 47 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 779 Wien, 31. November 1910. Hochverehrter Herr Präsident! Zu meinem lebhaften Bedauern bin ich infolge einer unaufschiebbaren Konferenz heute abends, sowie durch eine morgen abends stattfindende Sitzung, bei der meine Anwesenheit gleichfalls unerläßlich ist, verhindert, in den beiden Wähler- Versammlungen das Wort ergreifen und mich den Wählern jener Bezirke vorstellen zu können. Sie kennen, verehrter Herr Präsident, meinen Standpunkt und wissen, daß ich den größten Wert darauf lege, mir das Vertrauen unserer Wähler nur persönlich zu erringen und Sie werden es daher begreifen, daß ich nur unter dem Zwange unaufschiebbarer beruflicher Verpflichtungen darauf verzichte, den Herren von Angesicht zu Angesicht das Versprechen abzugeben, meine Pflichten als Vorstand der Gemeinde im Falle ihrer Wahl ernst und vollkommen zu erfüllen. Ich darf mir ja schmeicheln, einem großen Teil der Wählerschaft in diesen beiden Bezirken bekannt zu sein und kann nur der Hoffnung Raum geben, daß mich nicht nur alle jene Personen, die mit mir persönlich in Berührung zu kommen Gelegenheit hatten, sondern auch jene, denen ich und mein Wirken nur xar oui äirs bekannt find, ihres Vertrauens nicht für unwürdig finden werden. Mit dem Ausdrucke meiner vorzüglichsten Hochachtung empfehle ich mich, verehrter Herr Präsident, als Ihr aufrichtig ergebener Richard Bettelheim. Wien, den 21. November 1910' Hochgeehrtes Präsidium! Mit diesem erlaube ich mir mitzuteilen, daß ich leider heute Abends durch anderweitige dringende Beschäftigung verhindert bin, der Wählerversammlung im Saale des Hotel Franz Josefs-Bahn beizuwohnen. Ich gestatte mir jedoch die Erklärung abzugeben, daß ich meine Kandidatur aufrechterhalte und daß ich, wie ich es bereits in der I. Wählerversammlung besprochen, im Falle meiner Wahl der Pflege des Religionsunterrichtes, der Fürsorge für die mannigfachen Wohlfahrtseinrichtungen voll und ganz mich zu widmen gewillt bin. Daß ich mich auch verpflichtet fühlen werde, die berechtigten Interessen des XVI. und XVII. Bezirkes zu vertreten, ist wohl selbstverständlich. Indem ich einem hochgeehrten Präsidium meine besondere Wertschätzung und Hochachtung zum Ausdruck bringe, zeichne ergebenst Dr. I. Deutsch. Nunmehr ergreift das Wort Herr Dr. Markus Spitzer. Er sagt, er wäre des Vertrauens der Wähler zweifellos unwürdig, wenn er nach langjähriger Arbeit im öffentlichen Leben erst ein neues Programm den Gemeindeangehörigen vortragen müßte. 14 Jahre hat er innerhalb des Vorstandes ehrlich und redlich gearbeitet, den Kontakt mit den Wählern nicht bloß anläßlich von Wahlen, sondern jederzeit aufrecht erhalten. Seine Tätigkeit widmete er hauptsächlich dem Gebiete des Kultus und Unterrichtes, um die Jugend mit Begeisterung für das Judentum zu erfüllen. Er betrachtet das Amt nicht als eine angenehme Zerstreuung, als Unterhaltung und Zeitvertreib, sondern als ernste heilige Pflicht. Im Bezirksschulräte stehe er auf dem Kampfposten'für das gleiche Recht. Wenn die Wähler ihm neuerdings das Vertrauen gewähren, werde er mit gleicher Liebe, gleicher Begeisterung wie bisher den Aufgaben der Gemeinde sich widmen. (Lebhafter Beifall.) Kais. Rat Siegm. K a u d e r s. richtet an die Wähler eine kurze, beifällig aufgenommene Ansprache. Als Mitglied der I. Kommission habe er stets der Förderung der Tempelvereine das Wort geredet, welche in allen Bezirken schöne Gotteshäuser erbauen und den Xiäckaseli Lasebem verbreiten. Beseelt von der Liebe zum Frieden, war er unabläffig bemüht, auch den Gemeindefrieden zu fördern und zu erhalten. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Herr S. B r o d stellt sich den Wählern vor, erwähnt sein bisheriges Wirken für den Gewerbestand, die Erfolge seiner Tätigkeit zur Hebung der jüdischen Arbeit und des jüdischen Handwerkes, verspricht, im Falle seiner Wahl die Unterstützung aller Stände, einen volkstümlichen Sinn in die Ratsstube zu bringen und für ein Zusammenarbeiten aller Parteien eintreten zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob Engel bespricht die Defiderien der Tempelvereine, welche gleichsam die Kerntruppen der jüdischen Bevölkerung bilden und deren Jntereffen wahrzunehmen er als Hauptaufgabe erachten werde. Seine Ausführungen werden vom Beifall der Versammlung begleitet. Kandidat Architekt Gärtner gedenkt der hervorragenden Baukünstler, welche dem Vorstande angehört haben und nun dahingegangen find, schildert ihr segensreiches Wirken. Die durch ihren Tod entstandene Lücke will er ausfüllen, in ihre Fußtapfen will er treten und in ihrem Sinne will er wirken. Er bekennt sich als Mann entschiedenen Fortschrittes auf allen Gebieten und als solcher bitte er um das Vertrauen der Wähler. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Hof- und Gerichtsadvokat Dr. A. Halpern: Ich befinde mich nicht in der angenehmen Lage der Herren Vorredner, welche auf ihre Verdienste, die sie sich um die jüdische Gemeinde bereits erworben, Hinweisen können. Ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit, in der Oeffentlichkeit hervorzutreten, und wenn ich durch die Ehre ausgezeichnet wurde, daß das verehrliche Zentral-Wahlkomitee meine Kandidatur genehmigt hat, so habe ich es nicht so sehr persönlichen Verdiensten, als vielmehr d m Umstande zu verdanken, daß in dem ,Milieu, in welchem ich erzogen wurde, und in meiner Herkun t Momente erlickt wurden, welche meine Würdigkeit für die Kandidatur verürgen. Ich betone die Herkunft, weil meine Kandidatur von einem engeren Kreise von Gemeindemitgliedern, aus der Mitte meiner Landsleute, der polnischen Juden, ausgegangen ist. Es soll keineswegs eine separatistische Tendenz verfolgt werden, wenn die polnischen Juden unserer Gemeinde, welche zum größten Teile der strenggläubigen Richtung angehören, eine besondere Vertretung für sich wünschen. Es soll damit nur die Absicht verfolgt werden, daß die tatsächlich bestehenden besonderen Bedürfniffe dieses Teiles der Gemeinde durch einen aus ihrer Mitte vertreten werden, der — ohne das Verständnis für diese Bedürfniffe bei den anderen Herren im Kultusvorstande irgendwie anzuzweifeln — denselben zum Durchbruche verhelfen soll. Und noch eines. Wenn auch der Grundsatz der brüderlichen Zusammengehörigkeit in unserer Gemeinde betätigt wird, so kommt es doch leider hie und da vor, daß, wie der Jude im allgemeinen, im öffentlichen Leben überhaupt, der polnische Jude insbesondere auch unter Glaubensgenossen mit einem gewissen scheelen Blick angesehen wird. Ich maße mir nicht an, daß gerade durch meine Person ein diesbezüglich etwa bestehendes Vorurteil gebannt werden soll; ich will damit nur einen Grund mehr andeuten, warum die polnischen Juden eine selbständige Vertretung beanspruchen zu müffen glauben. Wenn ich der gesamten Wählerschaft gegenübertrete, so kann ich mit gutem Gewiffen hervorheben, daß ich ohne Unterschied auf die Parteirichtung für die jüdische Allgemeinheit zu arbeiten den innersten Willen habe. Ich bin in der Lage, meine Zeit und meine bescheidene Arbeitskraft in den Dienst der Oeffentlichkeit zu stellen, und da ich von Jugend auf in einer Umgebung und unter dem Einfluffe von leuchtenden Beispielen gestanden bin, die sich den jüdischen Gesamtintereffen widmeten, so habe auch ich das tiefste Bedürfnis, in ehrlicher Arbeit ein Gleiches zu tun. Ich hoffe, daß Sie mir durch Ihre Stimme bei der Wahl die Gelegenheit geben werden, meinen guten Willen in Taten umzusetzen. (Lebhafter Beifall.) Herr Wilhelm Pappen heim rekapituliert seine in der Leopoldstadt entwickelten programmatischen Punkte und wendete sich dann zur Frage des allgemeinen Wahlrechtes in der Kultusgemeinde. So gerecht ich dasselbe bei politischen Wahlen halte — zahlt ja jeder Steuer, Blutiteuer, Wvhnu>iqssteu«'r. indirekte