Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 47 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 777 Von Seite des Herrn Vorredners ist erwähnt worden, daß der Bericht nur jenen Steuerzahlern zugehe, welche im letzten Jahre die Kultussteuer entrichtet haben. Demgegenüber bin ich in der Lage, festzustellen, daß wir 25.000 solcher Berichte versenden, also nicht allein an die Wähler, sondern auch an jene Mitglieder, welche mit der Steuerzahlung im Rückstände sind. Es ist das eine Arbeit, die mit Rücksicht auf den hiezu verfügbaren, verhältnismäßig kleinen Apparat nicht so leicht und nur sukzessive zu bewältigen ist. Gegen eine Statistik betreffend die Steuerleistung habe ich nichts einzuwenden, insoferne sich dieselbe auf Bekanntgabe der Zenfitenanzahl innerhalb der einzelnen Abstufungen erstreckt. Aber die Wißbegierde des Dr. Landau nach der Richtung zu stillen, wie viel Exekutionen anläßlich der Steuereinhebung vorgenommen werden, bin ich nicht bereit zu befriedigen und werde nicht die Einwilligung zur Publizierung dieser Ziffer geben. Ich kann Sie jedoch dessen versichern, daß bei den Exekutionen mit der größten Schonung vorgegangen wird, daß auch Abschreibungen vorgenommen werden, wenn sich ein plausibler Grund hiefür findet. Es ist sogar von mir die Anordnung getroffen worden, daß in Fällen, wo es sich um Personen in öffentlicher Stellung handelt, die durch ein Exekutionsgesuch möglicherweise in ihrer Existenz bedroht sein könnten, vorerst mir die Mitteilung gemacht werde, damit ich an den Betreffenden ein Privatschreiben des Inhaltes richte, daß mir die Hände gebunden seien, daß es mir leid täte, daß ich aber schließlich nicht anders könnte, als das Exekutionsbegehren zu unterfertigen. Und diese Mahnschreiben haben bisher den besten Erfolg gehabt. Ich glaube, daß das Vorgehen des Kultusvorstandes und mein persönliches Vorgehen nicht so arg ist, als es Ihnen geschildert wird. Ich gehöre jetzt 22 Jahre dem KultuSvorstande an, ich stehe jetzt im 80. Lebensjahre und ich weiß, daß die Tage meines Wirkens in der Kulrusgemeinde nicht viele mehr sein werden. Ich hoffe ein gesegnetes Andenken in der Judenschaft, in der Wiener Gemeinde zu hinterlassen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Vize-Präsident Dr. Gustav Kohn: Ich fühle mich verpflichtet, auf einige Vorwürfe und Bemängelungen, die vorgebracht wurden, in aller Kürze zu erwidern: Herr Plaschkes hat sich für die Dezentralisierung des Armenwesens ausgesprochen, jedoch durch Zwischenrufe berichtigt, selbst zugestanden, daß dieselbe in den äußersten Bezirken vollkommen durchgeführt ist. Was die inneren Bezirke betrifft, ist der Weg in die Seitenstettengaffe nicht so weit, und gerade die Differenzierung von würdigen und unwürdigen Armen, deren wir, wie in jeder Großstadt, in Wien nicht wenige haben, erheischt es. daß ein Beamter recherchiert: darum wäre nicht gut möglich, in anderen Bezirken die Verteilung der Spenden vorzunehmen, bevor die Recherchen durchgeführt sind. Bezüglich der Bezirkskommissionen hat Herr Plaschkes behauptet, daß sie außer der Steuerbemessung keinen Wirkungskreis haben. Im § 30 des Statutes heißt es aber: „Die Bezirkskommissionen haben Angelegenheiten ihres Wahlbezirkes zu beraten und diesfalls Anträge an den Kultusvorstand zu stellen, auch haben sie über ihre Wahrnehmungen Bericht zu erstatten." Ich will den Bezirkskommissionen in keiner.Weise nahetreten, aber in den weitaus meisten Fällen, abgesehen von jenen Bezirkskollegien, welche den früher selbständigen Gemeinden angehören und alle jene Obliegenheiten erfüllen, welche ihnen früher zukamen, haben sie von diesem statutarischen Rechte keinen Gebrauch gemacht. Herr Plaschkes hat bemerkt, daß es Sache des Kultusvorstandes wäre, Frei-Betstellen für die hohen Feiertage zu schaffen: ich verweise diesbezüglich auf den Rechenschaftsbericht. Da heißt es auf Seite 3. daß der Kultusvorstand nicht bloß die Betsißkarten, welche er von den Minjanim teils erhält, teils ankauft, an dfe Armen verteilt, sondern auch für dieselben ganz besondere Betstellen errichtet. Im Musikvereinssaale werden beiläufig 800 Sitze an würdige Arme abgegeben, im Hotel „Post" und „Continental" mindestens die Hälfte der vorhandenen Sitze: und außerdem lassen wir auch Gottesdienste in den Kasernen und Strafhäusern abhalten. Herr Plaschkes hat es auch als unangemessen bezeichnet, daß wir eine gewisse Seßhaftigkeit und Steuerleistung von jenen Personen verlangen, die wahlberechtigt sein sollen. Ich verweise diesbezüglich auf die Berliner Gemeinde (Redner liest eine Stelle aus dem Berliner Statut), deren Statut die gleiche Bestimmung enthält. Derselbe Redner hat auch bemerkt, daß das Zentral- Wahlkomitee eine Komödie sei und daß die Genehmigung der Kandidaturen durch den Kultusvorstand erfolge. Eine Antwort auf diese Behauptung hat schon Herr Schickler unabsichtlich gegeben, indem er Ihnen erzählte, daß den Ottakringern zugesagt wurde, der Kultusvorstand sei bereit dafür einzutreten, daß ein Vertreter der Ottakringer Gemeinde in den Vorstand entsendet werde. Ich kann Ihnen nun mitteilen, daß wir vor der heutigen Wählerversammlung eine Sitzung des Erekutivkomitees gehabt haben und daß wir derart die Herren der Entwicklung im Zentral-Wahlkomitee sind, daß wir das, was wir dringend wünschten, nicht durchgesetzt haben. Herr Dr. S. R. Landau hatte die Güte, gegenüber den Ausführungen des Herrn Dr. Schreiber zu bemerken, daß der Rechenschaftsbericht nicht Geist und Arbeit, sondern eine Schablone aufweise. Ich habe immer gebürt, daß Rechenschaftsberichte keine Dichtungen, nickt einmal aroße Werke in Prosa seien, sondern nur die Anführung des in der Bericktsveriode Geleisteten zum Inhalt hätten. Und was geschehen ist, drückt sich in Ziffern aus und das findet sich im Rechenschaftsberichte voll und ganz. Es gehört zwar nicht viel Geist, aber sehr viel Arbeit dazu, das zusammen'ustellen. Herr Dr. Landau hat ferner gerügt, daß wir uns um Bet-Angeleaenheiten. eventuell um Svital oder Versorgungsanstalt kümmern. Universitäten haben wir allerdings nicht geschaffen, hingegen geht aber aus dem Rechenschaftsberichte hervor, daß wir eine Religionslehrer-Bildungsanstalt kreiert haben, die schon seit fünf Jahren besieht, wo wir uns die Ausbildung der jüdischen Studenten zu einem tüchtigen Rachwuchse von Lehrern angelegen sein lassen: und daß wir weiters für Wohlfahrtseinrichtungen das denkbar Möglichste tun. so daß von mancher Seite der Vorwurf gegen uns erhoben wurde, wir leisten weniger für den Kultus als für die Wohlfahrts-Institute der Gemeinde. Es ist Ihnen bereits milgeteilt worden, daß die Zahl der Erekutionen bei den 10 fl. Steuerträgern nicht unbedeutend ist: ich kann Ihnen aber die Versicherung geben, daß nur dort erekuliert wird, wo der Zahlungsunwiste zutage tritt. Cs gibt eine Menge von Glaubensgenoffen. die für alles mögliche Geld haben, aber — obwohl sie könnten — die Kultussteuer nicht zahlen wollen. Es hat endlich noch dem Dr. Landau beliebt, darüber m sprechen, daß für das Rothschildsvital eine Primar-Arztensstelle ausgeschrieben war und schließlich die Vakanz mit zwei Primarärzten besetzt wurde, und zwar deshalb, weil zwei Parteien da waren, welchen man Genüge leisten wollte. Meines Wissens ist die Ausschreibung nicht ..einer" Stelle, sondern mit der Tertierung ..Vrimararztstelle" erfolgt, weil schon zur Zeit der Ausschreibung besvrochen wurde, eventuell zwei Aente zu bestellen. Hiefür war aber ein anderer Grund als derjenige. den Dr. Landau vermutet, maßgebend. Es wurde im Kultusvorstande die Frage angeregt, ob es nicht Pflicht der Kultusgemeinde wäre, wenn die Kosten sich in einem engen Rabm->n hielten, jetzt, wo die Juden nicht leicht zu einem Primariat kommen, mindestens zwei Juden Gelegenheit zu geben. Primarärzte zu werden, nicht bloß im Interesse der sozialen Position, sondern auch.