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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 776 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 47 unterricht die Grundlage schafft für unsere Zukunft. Den Religionsunterricht nach Krästeu zu fördern, sei ein heiliges Vermächtnis seines Vaters. Allein auch auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege ist er kein Neuling. Seit vielen Jahren sitzt er in der Leitung der Chewra-Kadischa Ottakring-Hernals, in der Leitung des Vereines der Kinderfreunde und in der Bezirkskommission; als praktischer Arzt habe er durch zwanzig Jahre Not und Armut in ihren Heimstätten ausgesucht und sie kennen gelernt. Ec werde darum bestrebt sein, seine ganze Tatkraft diesem Verwaltungszweige zu widmen. Redner bittet zum Schluffe um das Vertrauen der Wähler. (Lebhafter Beifall.) Wähler Hermann P l a s ch k e s erinnert an die Versammlung und das Programm des jüdischen Volksvereines, er fordert die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes, zunächst wenigstens eine Ausdehnung desselben, dann eine Vermehrung der Anzahl der Vorstandsmandate, bezirksweise Wahl und Dezentralisation des Aimenwesens. Endlich Herstellung von Freibethäusern an den hohen Feiertagen. Seine Ausführungen werden mit lebhaftem Beifall seiner Parteigenossen begleitet. Wähler Herr Sigmund S ch i ck l e r unterstützt die Kandidatur des Herrn Dr. Jakob Deutsch. Wähler Dr. S. R. Landau spricht unter scharfen Angriffen gegen die Gemeindeleitung für die Opposition, bemängelt die Bestellung zweier Primarärzte am Rolhschildspital als angeblichen Ausgleich zwischen streitenden Parteien und meint, daß der Vorstand sich lediglich auf seine Verwaltungsausgaben beschränke und seine hohen Pflichten zur Vertretung des Judentums nach außen gegen Anfeindungen und Angriffe vernachlässige. Präsident Dr. Stern: Ich glaube doch, daß es meine Pflicht ist, die Anwürfe, welche von Seite des letzten Herrn Redners gegen die Verwaltung der Kultusgemeinde und auch gegen mich persönlich erhoben wurden, zu widerlegen. Ich werde mich sehr kurz fassen, sehr kurz, meine Herren, Weil ich noch den jetzt eingeschriebenen Rednern das Wort erteilen will. Es hat Herr Dr. Landau erzählt, wie ich im Wege der Opposition in den Kultusvorstand gekommen bin; er hat Ihnen aber auch und zwar in seiner Zeitung noch ein anderes Märchen erzählt, daß ich nämlich durch die Protektion des sel. Ritter von W e r t h e i m e r, der mir heute noch als Jdealgestalt vor Augen steht und dem ich ein treues Angedenken bewahre, in den Kultusvorstand gelangt bin. Meine Herren! Ich bin am 1. Jänner 1889 in das Vorstandskollegium eingetreten; fast zwei Jahre vorher, zu Anfang 1897, ist Herr Josef Ritter von Wertheimer gestorben. (Rufe: hört! hört!) Ich muß aber gestehen, daß ich es mir zur Ehre anrechnen würde, hätte ich mein Mandat seiner Protektion zu verdanken gehabt. Herr Dr. Landau hat in diesem Artikel auch erzählt, meine Wahl sei damals durch Schleichwege betrieben wurden und heute wieder weiß er zu erzählen, daß ich sie der Opposition zu verdanken hatte. Da werde ich Ihnen, meine Herren, nun berichten, von welcher Art diese Opposition war. Es hat eine Zeit gegeben, da man im Kultusvorstande gegenüber der antisemitischen Bewegung und namentlich gegenüber den Auswüchsen derselben, wie der fluchwürdigen Beschuldigung des Ritualmordes, nicht mit jener Energie aufgetreten ist, als es wünschenswert und notwendig gewesen wäre. Es soll dies durchaus kein Vorwurf sein, den ich gegen den damaligen Kultusvorstand erhebe; denn die Herren waren der Meinung, daß eine solche boshafte, dumme, alberne Bewegung unbedingt von selbst zu Ende gehen müffe und daß eine Opposition dagegen nur angetan wäre, diese Bewegung zu nähren anstatt sie wirksam zu bekämpfen. Das war eine Anschauung, eine ideale Anschauung, und dieser Anschauung habe ich nicht gehuldigt und ich habe damals die Forderung gestellt, es müsse dem Kultusvorstande als Pflicht auferlegt werden, nicht allein auf jene Agenden, welche durch Gesetz und Statut ihm als Wirkungskreis vorgeschrieben sind, sich zu beschränken, nicht allein auf die Pflege des Kultus, des Religionsunterrichtes und der Wohltätigkeit — gewiß diese Angelegenheiten sollen unbedingt vom Kultusvorstande besorgt werden — sondern auch, obzwar die gesetzliche Kompetenz nicht dafür spricht, weil aber der Kultusvorstand die einzige Repräsentanz des Judentums ist, in allen Fällen, wo Juden verfolgt, bedrückt und gequält werden, sofort die geeigneten Schritte zu unternehmen. (Lebhafter Beifall.) Darin bestand das Programm, das ich damals ausgestellt und dem Kultusvorstande, als meiner Ueberzeugung entsprechend, ans Herz gelegt hatte. Und dieses Programm, auf Grund dessen ich gewählt wurde, ohne kandidiert zu haben und ohne einer Protektion teilhaftig zu werden, dieses Programm habe ich vom ersten Tag meines Eintrittes in den Kultusvorstand bis zum heutigen Tage getreu erfüllt; dessen sind nicht nur die Herren im Kultusvorstande, dessen sind Sie alle Zeugen. Es war meine erste Arbeit, als ich in den Kultusvorstand eintrat, ein Memorandum zu verfassen — welches Wochen unausgesetzter Arbeit gekostet hat, während welcher ich nicht einmal eine Zeitung las und nicht wußte, was in der Welt vorgeht — ein Memorandum für die Regierung, in welchem auf alle jene Beschwerden hingewiesen wird, welche wir zu erheben haben, auf all die fluchwürdigen Verfolgungen, unter welchen wir Juden durch den Antisemitismus zu leiden haben. Dieses Memorandum ist seinerzeit dem Gesamtministerium übermittelt, dem Ministerpräsidenten und den Ministern der Justiz und für Kultus und Unterricht persönlich von Seite des Kultusvorstandes überreicht worden. Dieses Memorandum, das allerdings durch die Zeitverhältnisse heute überholt ist, existiert heute noch in dem Archiv unserer Gemeinde. Das war meine erste Arbeit, und meine letzte war : Daß ich anläßlich einer jüngst stattgefundenen Gemeinderatswahl, bei der ein Kandidat durch eine Majorität gewählt werden sollte, in welcher die Juden ausschlaggebend waren, an einer Aktion, mich beteiligte, in der wir Juden demonstrierten, daß wir uns nicht gleichgültig gegenüber der Taufbewegung verhalten, und dargetan haben, daß wir einem Manne, der von uns ein öffentliches Mandat «»sprechen will, wenn er unsere Glaubensgemeinschaft, der er angehörte, verlassen hatte, dieses Mandat nicht zuerkennen. (Lebhafter Beifall.) Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob wir bei diesem Anlasse von allen Juden oder von allen jüdischen Parteien unterstützt worden sind, und will nur bemerken, daß ich vor wenigen Wochen in einer Zeitung gelesen habe: ihre Partei konnte jene Bewegung nicht unterstützen, weil die Männer, für die sie hätten eintreten sollen, ihr nicht konveniert haben. Das können Sie in einem Parteiblatte lesen, das vor drei bis vier Wochen erschienen ist. Und da sage ich Ihnen, wenn man mich heute vor die Wahl stellte, einem Stroßenbettler gegenüber dem getauften Juden die Stimme zu geben, ich mich für den Straßenbettler entscheiden würde. Meine Herren! Sie wissen es vielleicht nicht, daß bei der Ausschreibung von öffentlichen Stellen häufig der Taufschein allein verlangt wird, beispielsweise bei den Konkursen von Distriktsärzten, Und da geht kein solches Edikt hinaus, ohne daß von mir an geeigneter Stelle Einspruch erhoben werden würde, und oft find diese Edikte infolge des Einspruches des Kultusvorstandes widerrufen und durch Neuausschreibungen ersetzt worden, in welchen, wo es sonst Taufschein hieß, jetzt Tauf- oder Geburtsschein heißt. — Das sind nur kleine Markierungen, welche die Tätigkeit des Kultusvorstandes nach der Richtung, wie sie von dm Herrn Rednern bemängelt wurden, beleuchten. Es gibt, wenn ich von einem Unrecht Kenntnis erlange, keine Instanz, zu der ich nicht hingegangen wäre oder hingehe, es gibt keinen Ministerpräsidenten oder anderen Minister, zu dem ich nicht hingehe und persönlich sage: Da und dort ist ein Unrecht geschehen.

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