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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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)tr. 47 De. Blochs Wochenschrift. Seite 775 wenn es sich darum handelt, diesen Notwendigkeiten und Bedürfnissen gerecht zu werden, dann muß aller Gegensatz schweigen, jeder kleinliche Parteizank und jede Meinungsverschiedenheit, auch jede Knickerei. Da heißt es in Erfüllung gesetzestreuer Pflichten Herz und Hand öffnen, um hilfreich und charitativ einzugreifen; denn es gilt Armut, Elend und Trübsal zu lindern und seinen jüdischen Gemeinsinn zu erweisen. So bleibt für der Parteien Gunst und Haß eigentlich nur ein Gebiet des Gemeinwesens übrig, und das find jene rein wirtschaftlichen Belange, jene Wünsche und Postulate, die, wie wir heute mehrfach gehört haben, Steuer und Stimmrecht betreffen. Es würde zu weit führen, sich heute noch auch mit diesen Fragen zu befassen. Dazu ist die Stunde wohl zu weit vorgeschritten und da mehrere Versammlungen angesetzt find, so dürfte sich ausgiebig Gelegenheit bieten, auf diese Themen des Näheren einzugehen. Ich will mich aber keineswegs um diese Fragen herumdrücken, nicht vorsichtig um den Brei berumgehen, sondern, da ich mich auch mit ihnen beschäftigt habe, kurz und bündig meiner Meinung dahin Ausdruck geben, daß auch hier noch Zolles fließt" und daß leider oft mit Trug- und Fehlschlüssen gearbeitet wird. Wird beispielsweise — um nur Eines herauszugreifen — behauptet, das allgemeine, gleiche Wahlrecht sei ein Korrolar der Pflichten und Opfer, welche die Juden der Gemeinde bringen, so bekenne ich frei und offen, daß die einzige Pflicht, welche die Gemeinde von ihren Angehörigen verlangt, der Steuerbeitrag darstellt. Die Opfer aber, welche die Juden bringen, die schweren Bürden und Lasten, welche sie allerdings zu tragen haben, die bringen sie nicht der Gemeinde, sondern dem Judentume, ihrer Religion und, wenn Sie wollen, ihrem Volkstume. Wir könnten uns noch lange darüber unterhalten, ich will aber, um Ihre Geduld nicht auf eine zu lange Probe zu stellen, mich für heute damit bescheiden. Wenn Sie mich aber solcherart um mein Programm befragen, wenn Sie darnach forschen wollten, was ich zu leisten gedenke, so erkläre ich, ich will nichts mehr, als Mitarbeiten, um das Ansehen und die Bedeutung unserer Großgemeinde zu heben und zu festigen, Vergangenheit und Gegenwart, Altes und Neues mit einander in ersprießlichem Einklang zu bringen, unsere Ueberlieferungen zu hegen und zu pflegen, aber auch dazu beitragen, daß die Grundlage und die Verfassung unseres Gemeinwesens, den Anforderungen der Zeit nachkommend, eine immer mächtigere und breitere Ausgestaltung erfährt. Die heutige Zeit ist, wie übrigens jede — um mich des Wortes eines sehr geehrten Mitgliedes unserer Gemeinde, Herrn Bernhard H o f b a u e r, zu bedienen — eine historische. Fast scheint es, als ob jene dichten Nebelschwaden, die gleich einem Verhängnisse uns umhüllt hatten, endlich zerreißen, als ob nach einer Zeit arger Bedrängnis, in der sich unsere Gemeinde aber gleichwohl intensiv zu entwickeln vermochte, die Morgenröte besserer Tage anbrechen sollte. Da muß es nun für jeden, der sich seinen jüdischen Geist und seine Anhänglichkeit an das Judentum bewahrt, eine erhöhte Freude und Lust sein, an den Aufgaben, die uns bevorstehen, teilzunehmen. Zu dieser Arbeit dränge ich mich mit einem gewaltigen Stück Liebe, mit einer tüchtigen Portion Treue und, wenn Sie sich den Refrain des bekannten Liedes mit einer kleinen Variation zu Ende denken, „nicht ein bisserl Falschheit ist dabei", denn diese ist meinem Wesen fremd. - So trete ich denn vor Sie. geehrte Herren, hin, um Ihr Vertrauen zu werben, und dieses löbliche Vorhaben dürften mir auch die liebwerten Herren der Opposition, wie ich meine, gewiß nicht übelnehmen. (Großer Beifall.) Kandidat Herr Salomon Brod, Präsident des Vereines gur Hebung der Gewerbe, stellt sich der Versammlung als Kandidat vor und führt aus: Seit vierzig Jahren bin ich ein emster Mitarbeiter in den verschiedensten Körperschaften und Institutionen der Gemeinde, seit 22 Jahren Führer einer Volksschichte, welche die Arbeit auf ihre Fahne geschrieben, einer Volksschichte, deren Vertretern in allen Körperschaften der heutigen modernen Zeit die vollste Wertschätzung entgegengebracht wird. Mit Stolz und innerer Befriedigung kann ich es sagen, daß der jüdische Gewerbestand von heute an Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Auch einen Kreditverein habe ich, unter Mitwirkung einiger hervorragender Männer, ins Leben gerufen, der jährlich 300.000—400.000 Kronen Darlehen für Kleingewerbetreibende und Kaufleute gewährt. Ich werde im Vorstande der Gemeinde naturgemäß die Interessen der Gewerbetreibenden bezüglich Vergebung von Arbeiten und Lieferungen umso unbefangener vertreten können, als ich selbst auf Arbeiten seitens der Gemeinde während der Dauer meines eventuellen Mandates nicht reflektiere. Dennoch kandidiere ich nicht speziell als Vertreter des Gewerbestandes, sondern stelle mein bescheidenes Wissen auf jüdischem und kulturellem sowie gewerblichem Gebiete, mein warmes Empfinden für meine Glaubensgenossen und meine Volkstümlichkeit in den Dienst unserer Gewerbe. Ich bin: 1. für die Schaffung eines neuen Statuts auf volkstümlicher Basis, 2. für die Umwandlung der B e z i r k s Vertretungen in Volksvertretungen, 3. für die obligatorische Einführung des Steuerminimums von 10 Kronen, 4. für die kräftigste Unterstützung der Tempelvereine, 5. für die Vermehrung der Vorstandsmandate. Damit werden die Wünsche aller Parteischattierungen befriedigt und das allgemeine Wahlrecht wird zweifelsohne sich von selbst ergeben. Bezüglich der Abfallbewegung verweise ich auf meinen ausführlichen Vortrag in der Oesterr.-Jsr. Union und auf die praktischen Vorschläge, die ich zur Eindämmung derselben gegeben habe. •+ Sollten Sie mich, meine geehrten Herren Wähler, für das Mandat eines Kultusvorstehers würdig halten, so bitte ich ohne Unterschied einzelner Parteischattierungen um Ihre Stimme. Meine Vergangenheit, glaube ich, bietet Ihnen genügend Beweis dafür, daß ich nicht nur verspreche, sondern auch gerne arbeite, sobald es sich um das Wohl meiner Glaubensgenossen handelt." (Lebh. anhaltender Beifall.) Kandidat Herr Emanuet Grünrvatb aus Floridsdorf appelliert an das Vertrauen der Wähler, indem er auf sein langjähriges Wirken als Vorsteher der früher bestandenen Kultusgemeinde Floridsdorf verweist. In dieser Stellung hatte er genügende Zeit, Erfahrungen zu sammeln, und da er von allen Geschäften sich zurückgezogen habe, widme er sich den allgemeinen Aufgaben seiner Glaubensgenoffen. Die exponierte Lage des Bezirkes rechtfertige es, daß demselben ein Vertreter eingeräumt werde. Die Gemeinde besitze in diesem Bezirke zwei Friedhöfe, einen in Floridsdorf und einen in Wagram. Redner verweist auf die Zuschrift eines Einsenders in der letzten Nummer der „Oesterreichifchen Wochenschrift" betreffend den Friedhof in Deutsch-Wagram und erklärt, daß die zum Ausdruck gebrachten Besorgnisse über den Verfall der Gräber ungerechtfertigt find. Redner habe erst diese Woche im Vereine mit dem Leiter des Friedhofamtes die Gräberstätte besichtigt, er werde Vorsorge treffen, daß' der Friedhof in gutem Zustande erhalten bleibe. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident Dr. Alfted Stern teilt mit, daß der Kandidat Herr Dr. A. Halpern wegen dringender Verhinderung sein Ausbleiben bei der heutigen Versammlung entschuldigen lasse. Kandidat Dr. Jakob Deutsch (Ottakring) ergreift "das Wort. Er sagt: „Worte und Programme find leicht, "nur die Tat ist schwer. Die Betätigung im Dienste des Judentums ist ihm nicht fremd, sein Vater starb als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde, im väterlichen Hause fand er Gelegenheit, Pflichten und Aufgaben des Juden und des jüdischen Gemeinwesens kennen zu lernen, er habe sich die Ueberzeugung gebildet, daß der Religions-

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