Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 774 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 47 einmütigen Annahme meiner Kandidatur beabsichtigt wardem Hause, dem ich anzugehören die Ehre Habe, eine Vertrauenskundgebung zu votieren, jenem Hause und jener Familie, welche es sich zum Stolze anrechnet, den innigen Kontakt aufrechtzuhalten, der sie seit Generationen in traditioneller Weise mit der Wiener Iudenschaft so eng verbindet, und die es an reger, werktätiger Anteilnahme an allen jüdischen Interessen nie hat fehlen lassen. (Lebh. Beifall.) Zu Anfang dieses Jahres verschied das Vorstandsmitglied Emil Horner. Seiner und seines Wirkens hier zu gedenken, kommt mir nicht zu; doch ist es mir ein persönliches Herzensbedürfnis, diesen Anlaß zu benützen, dem verehrten Vorstande innigen, aufrichtigen Dank zu sagen für die warmen Worte des Gedenkens, die derselbe in seinem Berichte dem Verewigten widmete, dem ich jahrelang ein treuer Mitarbeiter nicht nur im Berufe, sondern auch in seiner Ihnen wohlbekannten Tätigkeit im Inieresse der Iudenschaft gewesen bin. Gerade dieser Umstand mag Ihnen, geehrte Herren, sagen, daß ich mich heute nicht als -lionio novus fühle, sondern durch meine langjährige stille Mitarbeit in der Lage war, mich mit Ihren Wünschen und den Bedürfnissen der Wiener Iudenschaft vertraut zu machen. Wenn Sie mir, geehrte Herren, Ihr Vertrauen zuwenden. und mir durch Ihre Wahl das Ehrenamt eines Vorstehers übertragen wollen, soll es mein Bestreben sein, jene große Lücke auszufüllen, die durch den Heimgang Emil Horners entstanden ist. Wie schon erwähnt, hatte ich, u. zw. fast durch zwei Jahrzehnte unter anderem Gelegenheit, mitzuarbeiten an den vielfachen und weitverzweigten Wohltätigkeits- Einrichtungen jenes Hauses, und ich darf, ohne unbescheiden zu sein, wohl behaupten, manche Anregung gegeben zu haben, die auf fruchtbaren Boden fiel. Das Vertrauen meines Chefs berief mich an die Stelle des Dahingeschiedenen, und damit wurde mir auch die Aufgabe zuteil, dessen Haus in den verschiedenen Wohltätigkeits-Institutionen zu vertreten. Ich glaube. Ihnen mit diesen meinen Erklärungen gewissermaßen auch schon mein Programm ausgesprochen zu haben, und ich hege die Ueberzeugung, daß sich mir im Vorstande der Gemeinde reiche Gelegenheit bieten wird. Wissen und Erfahrungen in einer für das Judentum sehr förderlichen Weise verwerten zu können. Daß ich den Willen hiezu besitze, glaube ich durch meine Ausführungen zum Ausdrucke gebracht zu haben; wo immer ich die Möglichkeit erblicken werde, eingedenk Ihres Vertrauens, der freiröinig übernommenen Aufgabe entsprechend, meinen Glaubensgenossen nützlich sein zu können, wo und wann immer die Devise heißen wird: „Gutes tun, schöne, edle Taten schaffen" will ich mit bestem Wissen und Gewissen, eifrig Mitarbeiten an der schwierigen und verantwortungsvollen Anforderung, die unserem Vorstande und damit auch jedem Mitgliede desselben erwächst. Wenn Sie, meine Herren, aus meinen Ausführungen die Ueberzeugung zu schöpfen glauben, daß ich berufen wäre, ein würdiges Mitglied jener Körperschaft zu sein, deren Pflicht und Aufgabe es ist, Ihre Interessen zu wahren, zu schützen und zu fördern, dann will ich .freudig und opferwillig den Versuch wagen, mich Ihres Vertrauens würdig zu zeigen. (Lebh. Beifall.) Kandidat Herr Architekt Jakob Gärtner richtet an die Versammlung eine kurze Ansprache, welche beifällige Aufnahme findet. Den Mitgliedern der Kultusgemeinde kann er unmöglich unbekannt fein, denn er habe in Wien vier Synagogen erbaut und in diesem Jahre die fünfundzwanzigste Synagoge vollendet. Er habe im Leben ein hohes Maß von Unabhängigkeit fich erkämpft, er werde fein bestes Können dem allgemeinen Wohle widmen. Er ist ein Mann der Arbeit und werde, wenn das Vertrauen der Wähler ihn auf einen Posten stellt, nach Maßgabe seiner Kraft und seiner Erfahrung seine Pflichten zu erfüllen wissen". (Lebhafter Beifall.) Kandidat Herr Dr. Heinrich Schreiber: Ich bin in der Reihenfolge der Redner wohl etwas spät daran. Es hat dies immerhin manche Nachteile, weil man angesichts der ausgezeichneten Ausführungen der Vorsprecher sich in gewissen Punkten nur wiederholen könnte; es hat aber anderseits auch den Vorteil, daß man gleich in der Lage ist, auf Vorbringungen, denen man entgegentreten möchte, zu reagieren und sich mit ihnen naher zu beschäftigen. Vor allem muß ich aber eines betonen. Wenn man dieses dünne Heftchen in die Hand nimmt, das den Rechenschaftsbericht der Kultusgemeinde für das letzte Duennium enthält, und bei dem Interesse, welches man hieran nimmt, trotz der Kürze der Zeit, die einem zu Gebote stand, den Inhalt überblickt, dann sieht man, welche Unsumme und Fülle von Arbeit wieder geleistet worden ist. Ich sage dies nicht, um etwa in eine Lobeshymne auf die dermalige Gemeindeverwaltung einzustimmen, obschon sie es hiernach in vollem Maße verdient; ich sage es auch nicht, um mich bei Einzelheiten aufzuhalten, die einer speziellen Hervorhebung und Erörterung würdig wären, sondern ich erwähne dies, um damit zu bekunden, daß eigentlich jeden, der sich um em Mandat in die Gemeinde bewirbt, eine gewisse Beklommenheit darüber beschleichen muß, ob er die nötigen Kenntnisse, die erforderlichen Qualitäten aufweist und aufzubringen vermag, um sich den gewaltigen Aufgaben der Wiener jüdischen Großgemeinde erfolgreich zu widmen. Jeder, der noch nicht unmittelbar mitgearbeitet und mitgetan hat, muß fich als Neuling fühlen, wenn er es sich auch im Laufe der Jahre noch so angelegen sein ließ, in die Wirksamkeit der Gemeinde, die sich ja im vollen Lichte der Ocffentlichkeit abfpielt, einzudringen. Es fehlt ja auch nicht an den Mitteln der Publizität, um die große Masse der Mitglieder über die internen Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Aber darin liegt ja der Unterschied zwischen den Angelegenheiten allgemein weltlicher Interessen und dem engeren Interessenbereich unserer Glaubensgemeinschaft, daß speziell unsere Preffe, so wohl unterrichtet, versiert und fleißig sie auch ist, sich doch vielfach zersplittern muß, da sie sich angesichts der auf uns Juden ständig einherstürmenden Angriffe und Gegnerschaften noch mit vielen anderen wichtigen Dingen und mit starken Abwehrbewegungen beschäftigen muß. Dafür aber haben wir in rein jüdischen Sachen ein Gutes, das als unantastbare, fest gegründete Säule allen Erschütterungen Trotz und Widerstand bietet. Wir haben eine altehrwürdige, unentwegte Tradition, deren Kontinuität nicht unterbrochen werden kann, weil sie fich einfach nicht unterbrechen läßt. Ihr kann selbst der Modernismus, der sich ja bei anderen Konfessionen regt, kaum etwas anhaben, aus dem einfachen Grunde, weil wir in Befolgung einer weitgehenden Toleranz, auf die wir selbst Anspruch nehmen und die wir darum auch anderen gerne gewähren, schließlich jeden nach seiner Fasson glücklich und selig werden lassen. So sind die spirituellen Einrichtungen, wie sie fich in dem reinen Gottesdienste, im Ritus und im Kultus äußern, ein noli me tangere, ein stetiger, durch Ueberlieferung geheiligter Besitz. Anders mag es sich in den mehr weltlichen Relationen verhalten. Gewiß, verehrte Versammlung, da kann gebessert und geboffelt werden. Allerdings fällt es schwer, hier einem besonderen Zweige den Vorzug zu geben. Alle diese Angelegenheiten find sonder Ausnahme so wichtig, daß man sie, gleichviel ob ideeller oder materieller Natur, nur in einem Atem nennen, sie nur in einem gewiffen Parallelismus Zusammenhalten und nur gemeinsam behandeln kann. Denke ich an den biblischen Unterricht, so gilt die Obsorge den Kindern, dem Stolze jeder jüdischen Familie, unserer Zukunft und Hoffnung. Denke ich an Wohlfahrt und Fürsorge, an Stiftungen und Spitalwesen, so gilt die Obsorge den Kranken und Schwachen, den Entgleisten, die auf dem Wege niedergebrochen find und Schutz und Schirm von ihren Glaubensbrüdern heischen. Und