Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 773 mich an das Wort eines von uns hochgeschätzten und hochgeehrten Mannes, der sagte: „Hüten Sie sich, meine Herren Kandidaten, Programme aufzustellen und Schlagworte in die Menge zu werfen, denn wenn Sie das Programm nicht einhalten können, werden Sie beim Worte genommen und haben Unannehmlichkeiten." Deshalb möchte ich nur sagen, daß meine künftige Tätigkeit im Kultusvorstande eine derartige sein wird, daß fie vor Gott und den Menschen Wohlgefallen erregen wird." Wenn Sie dieses Programm akzeptieren, bitte ich um Ihre Stimmen. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Wilhelm Pappenheim. Herr Wilhelm Pappenheim fühlte sich als langjähriges Vorstandsmitglied der Israel. Allianz und als Kurator der galizischen Baron Hirsch-Stiftung als über den Verdacht erhaben, aus Eitelkeit zu kandidieren. Er will fich auch in der Wiener Gemeinde betätigen. Die historische Grundlage des ideellen Baues der Kultusgemeinden bilde das jüdische Solidaritätsbewußtsein. Auf dieser breiten Basis müssen die religiösen Bedürfnisse aller Richtungen befriedigt werden. Die drei Grundpfeiler des Baues der Gemeinde find Thora, Abodah und Gemilas-chassodim. Die jüdische Wissenschaft müsse gefördert werden. Im Religionsunterrichte müsse die Theorie desselben und die Praxis des elterlichen Hauses möglichst überbrückt werden. Die Herzen der Jugend müssen von der Ethik des Judentums erwärmt sein. Das sei der einzige Weg, um die Taufseuche einzudämmen. Allerdings müßte auch die Ethik des Staates gehoben werden, daß es nicht zur Qualifikation eines Richters werde, vorerst einen Meineid zu begehen. Diese Forderung sei aber „über unsere Kraft" als Juden. Redner hält den Ritus in den hiesigen Tempeln für würdevoll und eingelebt, will aber auch, daß den Orthodoxen durch Errichtung orthodoxer Gemeindebethäuser ihr Recht werde. Auch die Ueberwachung anderer ritueller Institutionen könne nicht aufgedrängt werden. Eine krystallreine Verwaltung, wenn die jetzige auch einwandfrei, sei am Platze. Er fordert Vermehrung der Zahl der Vorstandsmitglieder und Wahl von Ersatzmännern, sowieAenderung des Steuerwesens. Redner bespricht sodann mehrere Fragen humanitären Charakters. Was der Kultusgemeinde getan wird, geschieht im Interesse des Gesamtjudentums, des quantativ so kleinen, ideell so großen Faktors in der Geschichte der Religionen und der Kultur. Als Napoleon seine Soldaten einst begeistern wollte, führte er fie vor die Pyramiden und rief: „Franzosen, vier Jahrtausende blicken auf euch herunter". Wir Juden wissen und fühlen es ohne Pyramiden und ohne Rethorik: „Bier Jahrtausende blicken auf uns herunter!" Das geistige Erbe aus Jahrtausenden müsse in modernen Zeiten mit modernen Waffen verteidigt werden. (Lebhafter Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler richtet an den Vorsitzenden als Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde und Vizepräsidenten der Israelitischen Allianz unter Anführung einer Tatsache die Anfrage, ob es ihm bekannt sei, daß hilfesuchende Auswanderer dieselbe bei der Allianz vielfach nicht finden, ja sogar noch außerdem in höchst ungeeigneter Weise behandelt werden. Redner erzählt von einer armen Frau, die mit einem hilflosen kranken Manne aus Rußland hilfesuchend bei der Allianz vorsprach und eine ganz unglaubliche Antwort erhalten haben soll. Er fragt, welche Vorkehrungen der Angefragte zu treffen gedenke, damit derartige Vorkommnisse in Zukunft sich nicht wiederholen. Der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern erklärt, er werde die Sache sofort untersuchen lassen und die eventuellen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Sollten fich die Anklagen des Vorredners, was er unmöglich glauben könne, bewahrheiten, werde er nicht ermangeln, alle Konsequenzen zu ziehen. (Lebhafter Beifall.) Herr Wilhelm Pappenheim ergreift nochmals das Wort zur Beantwortung der vorgebrachten Interpellation. *' Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede. Man muß fie hören, alle beede. Das gilt auch von einer Rede, wenn sie ein so ausgezeichneter Redner hält, wie es Herr Abgeordneter Dr. Mahler ist. Ich bin über den Fall genau informiert und kann folgendes berichten. Vor einigen Tagen kam ein aus Paris ankommendes Ehepaar zur Augenbehandlung nach Wien und verlangte die Weiterbeförderung. Dieses Ersuchen wurde abgelehnt. — Petenten, die zu Aerzten nach Wien kommen, müssen rücksichtslos abgewiesen werden, weil die Allianz zu ihrem eigentlichen Zwecke nie kommen könnte, wenn fie derartige zahllose, außer ihrem Rahmen liegende Fälle behandeln würde. DaS Ehepaar kam nächster Tage wieder, leugnete ab, zum Arzt gekommen zu sein. Der Mann sagte, er wäre ausgewiesen. Auf meine Frage, wieso er aus Frankreich ausgewiesen wurde, konnte er keine Antwort geben. Das Ehepaar verwickelte fich in zahllose Widersprüche und es stellte fich heraus, daß es Wanderbettler wären. Der Bericht des Herrn Abgeordneten, daß man der Frau sagte, fie möge fich mit ihrem Kind einen Strick um den Hals geben, ist vollständig unwahr. Das geht schon aus der Tatsache hervor, daß das Kind in Paris ist. Sie werden einsehen, meine Herren, daß es ein etwas länglicher Strick sein müßte, der zu diesem Behufe gebraucht werden sollte. (Lebhafte Heiterkeit.) Die Frau hat überhaupt ein ganz kolossales Mundwerk. Wenn fie in eine Wählerversammlung käme, würde fie Sensation machen. (Heiterkeit.) Wenn der Ausdruck wirklich gefallen wäre, wäre ich der erste, der seine Konsequenzen daraus ziehen und aus dem Vorstande austreten würde. Der Ausdruck wäre eine Niedertracht. Um zu sagen, wie human die Allianz in der Sache vorging, kann ich mitteilen, daß das Ehepaar für Sonntag in die Allianz bestellt wurde, da wir die Angelegenheit im Sinne unseres Statutes durch die Armenanstalt austragen lassen wollen. Den Herrn Dr. Mahler ersuche ich aber, wenn er für die Folge als Maler grau in grau malen will, daß er fich über die Angelegenheiten erst informiere. Es ist mehr als unstatthaft, ohne Information derartige Beschuldigungen auszusprechen. Ich kann ruhig im Vorstände der Allianz bleiben, denn das, was dem Herrn Vorredner berichtet wurde, ist e r l o g e n. Kandidat Herr Karl Lemberger, von allen Seiten mit lebhaftem Beifall begrüßt, stellt fich der Versammlung vor. Redner dankt für die sympathische Begrüßung und die lebhaften Zeichen der Sympathien, welche ihm entgegengebracht werden, und fügt hinzu: „Nach fünfzigjähriger Tätigkeit und Arbeit ziehe er sich mit Ende dieses Jahres aus seinen Geschäften zurück und trete aus der Firma aus. Er hege den Wunsch, von nun an seine Kraft den Aufgaben der israelitischen Kultusgemeinde zu widmen. „Wenn Sie mich durch Ihr Vertrauen auszeichnen, so werde ich mich bemühen, nach Recht und Pflicht zu wirken." (Lebhafter Beifall.) Kandidat Herr Richard Bettelheim: „Sehr geehrte Herren! Von befreundeter Seite ist die ehrenvolle Aufforderung an mich ergangen, gelegentlich der diesjährigen Wahlen in den Vorstand unserer ansehnlichen Gemeinde mich um Ihr vertrauensvolles Mandat zu bewerben. — So sehr ich mich nun durch diese Einladung geehrt fühlte und mich das angenehme Bewußtsein, falls Sie mich in den Vorstand berufen, Gelegenheit zu haben, tatkräftig für Ihre Interessen wirken zu können, mit freudigem Stolz erfüllte, muß ich Ihnen, geehrte Herren, dennoch offen gestehen, daß mir der Entschluß, heute hier vor Ihnen zu erscheinen, nicht leicht geworden ist. Als mir aber von hochansehnlicher Seite jüngst mitgeteilt wurde, daß in einer vor kurzem stattgefundenen Sitzung des Zentral-Wahlkomitees meine Kandidatur einstimmig — ich darf wohl sagen, mit Sympathie — a'tzeptiert wurde, da reifte in mir der Entschluß, dieser Einladung nachzukommen. Das ausschlaggebende, mich bestimmende Moment war für mich darin gelegen, daß nach den mir gewordenen Informationen mit der Aufstellung und der