Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 764 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 46 Jetzt laben die Jesuiten, daß sie fehlgeschlagen. Tine Korrektur des Urteils konnten sie bei der damaligen politischen Lage kaum erwarten, die Stadt dachte gar nicht daran, den Häuserkompler von den Juden loszukausen, und Isaaks Sohn Sühkinds, dessen Haus sie selber abkaufen sollten, lieh die Schätzungskommission nicht in das Haus herein. Dies vergällte ihnen die Lust, sich in die enge und schmutzige Iudengasse hineinzupferchen, und sie beschlossen, auf der entgegengesetzten Seite der Stadt ihre Laren und Penaten auszuschlagen. Än der Westmauer batten sie unweit des „niederen Schlosses" einige Liegenschaften und dort wollten sie an Stelle des städtischen Bades und der Schule eine Kirche und ein Kolleg aufbauen. Das war den Juden am beguemsten und daher kam in Warschau am 10. April 1606 ein Vertrag zustande, auf Grund dessen die Juden sich einige private und städtische Häuser anzukaufen verpflichteten, wogegen die Jesuiten auf die Häuser in der Judengasse verzichteten.^) Dieser Vertrag kam aber ohne den dritten und wichtigsten Kontrahenten, d. i. ohne dem Stadtrate, zustande. Der Stadtrat wollte keinesfalls die Jesuiten in die Stadt hineinlassen und wenn es. schon geschehen mühte, so sollten sie eher in die Judenstadt hineingedrängt werden. Daher machte der Rat eine Vorstellung beim König, die jedoch einstweilen — wie alles andere im Staate — ln suptzvso, infolge des Bürgerkrieges, blieb. Denn es kam endlich zwischen den königlichen und aufständischen Truppen zur offenen Schlacht, in der die königlichen einen Sieg davontrugen. Der Sieg des. Königs war zugleich der Sieg der Jesuiten und sofort machten sich die letzteren ans Werk, um endlich in Lemberg festen Fuh zu fassen. 1 ' Held des Tages war Zolkiewski, er hat an der Spitze der Getreuen denZebrzydowski besiegt und kehrte als „Pater patriae" in sein Schloß Z6i!tew heim. Hier kniete vor ihm im grohen Schlohhofe seine Frau nieder und flehte ihn fußfällig^ er möge dem Herrn NlM Dank den Lemberger Jesuiten zum Sieg verhelfen. Zotkiewski schrieb sofort einen Brief an den König, bei dem sich — laut dem Bericht des Kronikars") — eine ähnliche Szene abspielte. Die Königin Konstantia kniete in öffentlicher Audienz vor dem König nieder und bat ihn, die Lemberger Jesuiten zu unterstützen. Dies schlug durch. Eine neue Kommission kam nach Lemberg und schätzte die städtische Schule und das Bad auf 3000 fl. ab. welche Summe die Juden am 20. März 1608 erlegten. Noch einmal versuchte der Stadtrat. beim König sein Wort einzulegen, die Deputation wurde aber vom König fast zur Tür hinausgeworfen und muhte unausgerichteter Dinge abziehen, 20) Nun begannen die Verhandlungen zwischen dem Rat, den Juden und Jesuiten aufs nme, die endlich mit folgendem Resultat abgeschlossen wurden: „Die Juden bleiben bei ihren Häusern und Plätzen und zahlen dafür der Stadt 9600 fl. für die Schule und das Bad, wie auch für die Herstellung einer neuen Pforte in der Stadtmauer: den Jesuiten zahlen die Juden für den Loskauf der weiteren Plätze 11.000 fl. und kaufen überdies ein Haus für die Jesuiten."21) Somit hatten die Juden 20.600 fl. für das Haus in 8 Jahresraten zu bezahlen. Am 23. Juli 1608 zeigte eine neue Kommission den Jesuiten ihre neuen Plätze an22) 18) Stadtarchiv: Ratsakta ans dem Jahre 1606, pag 283—88. 19) pag. 67—69. 20) Stadtarchiv Fase. 273, Stück 39. 21) List. Coli. pag. 75. **) Castr. Leop. Bd. 363, pag. 951—954. Auf den Plätzen bauten die Jesuiten ihre Kirche und ein Kolleg, welches im Jahr t und gab den Juden den Besitz ihrer alten Häuser über. Nur die Frage, obdie Synagogezumöffentlicheu Gebetverwendet werdendürfe, wurde der Entscheidung des Königs und des Lemberger Erzbischofs anheimgestellt. Es dauerte noch zwei Jahre, bis die Synagoge freigegeben wurde, denn erst im Jahre 1611 gab der Erzbischof die gewünschte Erlaubnis, Gebete in ihr abzuhalten. Zwar fehlt jede direkte Nachricht über die Kosten dieser Erlaubnis, indirekt zeugt davon der Vertrag, den am 1. März 1611 die Lemberger Judengemeinde mit dem Domkapitel schloh. in dem sie sich verpflichtet, zur Erhaltung der Kathedralschule eine Höhere Summe — wie bis nun — beizusteuern.2^) Am Samstag nach dem Purimfeste 1611 wurde die Synagoge feierlich eingeweiht und der Gelehrte Isaak Halevy2^) schrieb zu Ehren des Tages einen Hymnus, der bis heute jahraus, jahrein am Sabbat nach Purim in der Synagoge verlesen wird:2^) 'b "sro rnts» »2 »n nj?ö» -p1?« TlJ?W, *3rV5]7 '2 "i -^rin 'h nein K'bsn *2 n 'yns * * * Das ist die Geschichte des Jesuitenprozesses in allgemeinen Umrissen erzählt. Welche Rolle in ihm Rosa N a ch m a n o w a spielte, läht sich nicht feststellen, denn die Gerichtsakten kennen keine Kulissengeschichten, und der Kronikor schweigt sich darüber gründlich! aus. Wir wissen, daß Rosas Mann, Nachmann, und ihr Schwager Markus eine große Nolle im Prozesse spielten, dah sie die Führer und Leiter der Gemeinde waren. Eines steht fest, daß Rosa nicht als Opfer fiel, denn sie überlebte ihren Mann (er starb 1618) und starb erst im 3. Tischri 1637 eines natürlichen Todes. In d^n Jahren 1618—1637 führte sie die Geschäfte ihres Mannes und ihres Schwiegervaters Isaak Nachmanowicz weiter, sie pachtete Güter und Mühlen. Zölle und Mauten und war eine Finanzpotentatin. die fast ihresgleichen in Lemberg nicht hatte. Am Ende ihres Lebens erhielt Rosa vom Lemberger Starost Mniszek .einige Grundstücke zum Geschenk; dagegen, protestierte der Stadtrat und führte beim König darüber Klage. Ladislaus IV. sprach die Grundstücke der Rosa zu, womit sich die Stadt nicht zufrieden gab und einen neuen Prozeß austrug, dessen Ende Rosa nicht mehr erlebte.2^) Ihr einziger Sohn Isaak führte die Geschäfte seines Großvaters und Vaters weiter. Die Nachfolger und Erben dieses Isaak lassen sich bis zu Ende des 18. Jahrhunderts verfolgen, immer heißen sie Isaak, Sohn Nachmans und Nachmann, Sohn Isaaks und besitzen das Haus: Judengasse (Vlacharska) Nr. 24.27) Das Familienhaus Judengasse (Vlacharska) Nr. 27 erbten die Kinder Markus Jsaakowicz bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, an dem es infolge des Absterbens dieser Linie der Kultusgemeinde anheimfiel, deren Eigentum es bis heute ist. Wir sehen daher, daß in Wirklichkeit eine Rosa eristierte, daß sie fowohl durch ihre Familie, als durch 1773 vom Staate konfisziert wurde. Die Jesuitenhauser stehen bis heute und bilden die Finanzlandesdirektion (das größte Saus in Lemberg) und das Landesgericht in Zivilsachen. Von den Gebäuden zog sich jenseits der Stadtmauer ein großer Garten bin, der heute (als Ex-Jesuitengarten) dem Publikum freisieht. Ein Teil des Gartens wurde am Anfang des XIX. Jahrhunderts parzelliert; heute sind dort die schönsten Strotzen Lembergs. 22) Stadtarchiv: Ratsakta, Bd. 28. pag. 1389. a4) Isaak war älterer Bruder und Lehrer des berühmtesten Lemberger Rabbiners David Haievy, Verfasser des Werkes: 2M ma 25) Ganz abgedruckt bei Caro Geschichte der Inden in Lemberg S. 153—158. «) Stadtarchiv Fase 188, Kopie: Castr. Leop. Bd. 886, pag. 1416—17. Stadtarchiv Fase. 189.