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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 763 Berlin. Auf Wunsch des Präsidiums der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle ist die Beratung des von derSiebenerkommisfion angenommenen Statutenentwurfes von der Tagesordnung der am 16. November in Paris stattfindenden Zentral-Komitee-Sitzung abgesetzt und auf einige Wochen vertagt worden. Jassy. Der rühmlich bekannte Arzt Dr. K. Lippe, Verfasser mehrerer apologetischer Schriften, Zionistenführer, Ehrenpräsident der Bnei - Brith - Loge, Ehrendirektor der „Junimeö"-Schule zu Jassy, feierte am 16. November n. St. feinen 80. Geburtstag. Der Jubilar weilt bei seinen Kindern in Przemysl (Galizien) And war an diesem Tage Gegenstand zahlreicher wohlverdient ^Ovationen. Vor seiner Abreise wurde in Jassy ein großes Fest veranstaltet, bei welchem der Logenpräsident Oberrabbiner Dr. N i e m e r o w e r, der Primararzt Dr. B u r st i n und der Literat Dr. Steuermann Festreden hielten. Wir werden über die Feierlichkeit noch ausführlicher berichten. Lausanne (Französische Schweiz). Hier wurde letzte Woche die neuerbaute Synagoge der hiesigen Gemeinde feierlich eingeweiht. Im maurisch-gothischen Stile ist das ganze Gebäude in weiß gehalten; zwei große Treppen führen von beiden Seiten zu den Eingängen und hoch oben an der Front stehen die beiden Tafeln mit den zehn Geboten. Das Innere erinnert ein wenig an die herrliche Straßburger Synagoge. Das Gotteshaus dürfte wohl das schönste in der Schweiz sein. Die Lausanner Gemeinde zählt zirka 120 Mitglieder, die bloß einen Beamten als Vorbeter beschäftigen. Als Festredner fungierte der Grand Rabbin von Genf, der so manchen mit seiner formvollendeten Rede überraschte. Einem Ehrenruf folgend, versah den gesanglichen Teil Herr Oberkantor S. T o m i n b e r g aus Zürich. Er sang ein französisches Lied „Priez Dieu comme moi“ von Beethoven und einen „Uwnucho jaumar“ eigener Komposition mit Orgelbegleitung. Seine packende Buritonstimme wurde von sämtlichen französischen Zeitungen der Schweiz als magnifique et non commune (herrlich und ungewöhnlich) bezeichnet. „Pa Luisse de Geneve“ drückt sich in der Kritik, wie folgt, aus: „Einen Baritonisten von Gottesgnaden lernten wir in den Züricher Oberkantor kennnen." Ein junger, schmächtiger Mensch mit einer tadellos geschulten, prachtvollen Stimme, dessen Vortrag von innerer Wärme getragen ist. Am meisten Beifall erntete Herr Tominberg mit einer Arie aus „Hamlet" von Thomas, die er während des Banketts im großen Konzerthaus vortrug. Hier schmetterte der Züricher Gast herrliche Töne in den vollbesetzten Saal hinein, Töne, die das Publikum in hellen Enthusiasmus versetzten. A. R. Feuilleton. Skizzen und Studie« zur Geschichte der Jude« i« Pole«. Von Dr. Majer Balaban, Lemberg. IX. (Schluß.) Ein Prozeh der Lemberger Zudengememde mit den Jesuiten. 1603—1608. (Zur Legende von der „Güldenen Rose") Die Juden waren niedergedrückt, sie verloren aber noch nicht die ganze Hoffnung und beschlossen, den Rechtsstreit dem polnischen Reichstag zur Entscheidung vorzulegen. Wahrend.des Reichstages tagte das K r o n t r i - bunal, welches aus Delegierten des Senats und des Unterhauses zusammengesetzt war. Dieses Forum fürchteten die Jesuiten, denn, — wie schon gesagt wurde — schwebte der antiklerikale Sturm in der Luft. Der König hatte den Reichstag nach Warschau einberufen, der Wojewode von Krakau und das Haupt der Unzufriedenen, Zebrzydowski. rief seine Leute nach Proszowice zusammen. Nach Warschau kam das Haupt der polnischen Kalviner, Fürst Radziwill, und ritz fast den ganzen Kleinhandel an sich, bald brach das Gewitter los und es sollte zur Entscheidung in offener Schlacht kommen. Noch hatte der Adel nicht die Verhandlungen abgebrochen und er legte dem König 67 Beschwerden (grav amina) vor, von denen die 28. gänzliche Vertreibung der Jesuiten aus Lemberg und Krakau und die Entfernung ihrer „Instrumente, vulgo Vertrauensmänner" vom königlichen Hofe verlangten. Die Angelegenheit war so ernst, datz selbst der Papst Paul V. ein spezielles Breve nach Polen sandte. Diese Umstände verstanden die Juden auszunützen und schickten drei Abgeordnete nach Warschau, die für die Sache vorsprechen sollten, auch hatten sie den Lemberger Erzbischof Johannes Zamojski^und den Wojewoden von Reutzen, Golski an ihrer Seite. Die drei Juden fuhren nach Warschau, konnten hier aber infolge politischer Wirren nichts ausrichten: einstweilen verstrichen die acht Wochen, nach welchen die Synagoge den Jesuiten übergeben werden sollte. Vergebens wartete man in Lemberg auf die Nachrichten aus Warschau, Nachman Jsaakowicz schrieb nichts, und daher mutzte das Urteil vollzogen werden. Am 27. Februar lietz Markus Jsaakowicz die Synagoge völlig ausräumen und am 28. früh erwartete er vor der Türe seines Hauses die Uebernahmskommission. Am 28. frühmorgens versammelten sich die Jesuiten und die Stadträte samt den Vögten und dem 40 Männerkolleg am Marktplatz und begaben sich von hier in die Judengasse. Von amtswegen leisteten ihnen der adelige Judenrichter Lesniowski, der Vizestarost Porad o w s k i und der Wojewode Golski Gesellschaft. Eine zahllose Menge folgte der Kommission mit Fahnen und Kerzen, um sofort die Synagoge einzuweihen und in eine Kirche zu verwandeln. Das Ghetto war wie ausgestorben. Die Geschäfte waren geschlossen, die Stratze leer, nur aus den Fenstern drang hie und da das Jammergeschrei der Verzweiflung. — Vor dem Tore seines Hauses (Blacharskagässe 27) empfing Markus die Kommission und führte sie durch seinen Hausflur auf den Hofraum, auf dem die Synagoge stand. Nur diesseits gab es (und gibt es noch heute) einen Zutritt zum Tempel. Markus (M o r d o ch a j) führte die Herren in die Synagoge, zeigte ihnen alle Räume, die Frauengalerie, die Wohnung des Schuldieners und lietz sich sofort eine Urkunde bestätigen, datz er dem Urteil gemätz die Synagoge den Jesuiten übergeben hatte. Die Geistlichkeit stimmte in dem Tempel einen Hymnus an und weihte den Raum sofort ein, bald erstrahlte am Dachgiebel das Kreuz in vollem Glanze. Nachher begann das Volk die Synagoge zu verlassen, ihm folgte die Kommission, von Markus bis an das Tor geleitet. Hier angelangt, erklärte Markus mit lauter Stimme: „Ich habe die Synagoge den Jesuiten übergeben, der Zutritt, d. i. der Hausflur, gehört mir, und ich werde niemanden diesseits in die Synagoge hineinlassen, Ihr könnt Euch einen anderen Zugang suchen. Ich hätte Euch auch jetzt nicht diesseits zu gehen erlaubt, es war aber schwer in der Luft übers Dach zu fliegien. Das Haus gehört mir, es wurde mir durch das Urteil belassen, daher bitte ich Euch, mir auch die Synagoge zu verkaufen!" Die Jesuiten protestierten an Ort und Stelle gegen eine derartige Auslegung des Urteils, Markus scherte sich aber nicht um ihren Protest, schlotz das Tor, steckte den Schlüssel in die Tasche und begab sich sofort ins Grodgericht, um seinen Entschlutz vorzumerken.17) 17) Bericht des Amtsdüners Stratinius vom I./lll. 1606 im Grydarchiv Castr. Leop. Bd. 361, pag. 835 u. 339.

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