Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 758 Dr. Mochs Wochenschrift. Nr. 46 aus — der Abiturient rüstet zum Abschied von seinen Tyrannen — und das Ereignis mutz mit einem Polterabend eingeleitet werden: da heißt es, kräfig ausschlagen. Mein Freund machte von dieser allgemeinen Regel keine Ausnahme und er bemühte sich auch, so oft Gelegenheit hiezu war, allen, die an den Zügeln seiner Erziehung je hielten, die Botmäßigkeit zu Mndigen. Hiebei bekam natürlich auch ich meinen Teil weg. Mir gegenüber sollte der Beweis erlangter Selbständigkeit dadurch erbracht werden, daß er die Religion als einen überwundenen Standpunkt erklärte. — worüber übrigens alle seine Kollegen einig seien. Ich weiß nicht, ob die Religion für mich oder ich für die Religion büßen sollte, nur das eine war klar: gährender Wein muß ablagern und er wurde abgelagert — ich verlor meinen Freund aus den Augen. Plötzlich nun — einige Tage vor Rosch-Haschono — taucht sein Bild wieder vor mir auf. Unter den zahlreichen Reujahrswünschen ist auch einer, der schon durch seinen Umfang von den übrigen absticht. Es ist nicht die stereotype französische oder hebräische Abbreviatur, mit der man einmal im Jahre auf der möglichst beguemsten Weise sich als Freund zu ernennen gibt, sondern M regelrechter!, wirklicher Brief, wie in der guten alten Zeit, da man noch Lust und Muße fand, seine Gedanken ausführlich in briefliche Kleinmalerei umzusetzen. Und dieser altmodische Brief kommt von meinem hypermodernen, jungen Freund, d,er, wie ich nun erfahre, seit einiger Zeit in einem Frankfurter Geschäfte tätig ist. um das praktische Leben kennen zu lernen. Und je weiter ich in der Lektüre des Briefes fortfahre umso interessanter erscheint er mir: — doch mein Freund von ehedem ist kaum zu erkennen. Sein Aufenthalt in der Fremde ist nur von geringer Dauer und doch scheint er inzwischen ein ganz anderer geworden zu sein. Aus dem leichtfertigen Jüngling, dem alles „wurscht" ist. was nicht Amüsement verspricht, ist ein ernster, gefühlvoller Mann geworden. Mag nun das Milieu, oder mögen andere Gründe diesen raschen und erfreulichen Wandel herbeigeführt haben, — das ist ja für die weite Oeffentlichkeit nicht von Belang — was mich veranlaßt, dieses Briefes aus der Fremde Erwähnung zu tum. ist vielmehr ein Passus in demselben, der mich zum Nachdenken besonders anregte, und auch der öffentlichen Aufmerksamkeit wert ist. ..Ich denke jetzt", schreibt mein Freund unter anderem, „da ich so ganz auf mich angewiesen bin, auch anders über Religion. Ich möchte. Sie werden nicht wenig darüber staunen, an den hohen Feiertagen in die Synagoge gehen, denn ich hoffe, in meiner Einsamkeit und Verlassenheit dort einen teilweisen Ersatz für das Elternhaus zu finden. Doch ich bin ja auf dem Boden der Synagoge ein Fremder, ich weiß nicht einmal, welches Gebetbuch ich mitnehmen soll, geschweige denn, daß ich sonst von den Vorgängen des Gottesdienstes eine Ahnung hätte. Ich bitte Sie also Vielmals, mir behilflich zu sein und diesbezüglich an die Hand zu gehen." Und ich war meinem Freunde behilflich. Er bekam die gewünschte Einlaßkarte für eine Frankfurter Synagoge und auch das entsprechende Festgebetbuch — aber mehr konnte ich nicht für ihn tun. Und doch tragen wir alle, deren Obhut die religiöse Erziehung unserer Jugend anvertraut ist, Schuld an dieser Ohnmacht: uns alle trifft die schwere Anklage, d.aß ein junger Mann, der dreizehn Jahre lang Religionsunterricht genoßt beim besten Willen nicht in der Lage ist, an dem Gottesdienste der wichtigsten Festtage teilzunehmen. Daß dieser Fall nicht vereinzelt dasteht, vielmehr zur allgemeinen Regel geworden istz muß denn schließlich und endlich zu einer durchgreifenden Revision des Religionsunterrichtes führen. Welchen Wert und Zweck soll dann der Religionsunterricht haben, wenn er nicht die Befähigung zur Teilnahme am Gottesdienste vermittelt. Der Gottesdienst ist doch fast die einzige religiöse Betätigung der Juden in der Großstadt und es wird mit Recht auf seine Ausgestaltung der größte Wert gelegt. Doch alle Mühe und alle Opfer sind vergebens, wenn die Heranwachsende Jugend fremd auf dem Boden der Synagoge bleibt. Und fremd sind sie alle im Gotteshause, denen in der Schule ein hebräischer Brocken aus diesem Gebeistück und einer aus einem anderen ge- , boten wird. Die Erkenntnis der Zwecklosigkeit einer solchen Unterrichtsmethode führte schon einmal zü einem Anlauf, den Unterricht der Gebetordnung in ein System zu bringen: aber da war auch gleich das liebe voll ms tangere bei der Hand und so blieb alles schön beim alten. So wird nun die Methode weiter geübt, den Kindern in der Volksschule einen Teil der Wochentagsgebete beizubringen und in den höheren Stufen, um dieZeit der Feiertage herum, einige Sätze aus den Festgebeten tzu übersetzen, die dann im Laufe des Jahres wieder hübsch vergessen werden. Ein Machsor bekommt der Schüler, wenn er auch die ganze Mittelschule durchmacht, nie zu sehen: und ist einmal die Zeit da, daß er von den Purzelbäumen der Moderne geheilt,, ins Gotteshaus zurückkehren möchte — ist er fremd auf dem Boden der Synagoge, auf dem man ihn nie heimisch gemacht hatte: nicht einmal den Trost gewährt ihm die Religion, die pietätvolle Schuld den verstorbenen Eltern beim Maskir oder im Kadisch abstatten zu können. Bei einer Beratung, die der Methode des Religionsunterrichtes in Wien galt, nannte der Referent den Religionslehrer einen Fremdenführer, der das Kind durch die ihm fremden Gebiete des Gottesdienstes führen Muß: soweit ist das ganz richtig. Nur muß ein Fremdenführer ein guter Menschenkenner sein. Das wäre ern sehr schlechter Fremdenführer, der einen lebenslustigen jungen Mann zu den Mumien im Naturhistorischen Museum und einen wissensdurstigen Gelehrten ins Trokadero führt. Ein guter Fremdenführer muß seinen Mann kennen und ihn danach behandeln. So muß auch der Religionslehrer sich seinen Klienten anschauen und sich fragen: wohin führe ich den Kleinen zuerst? Da wird er gewiß nicht darauf Verfallen, ihn zuerst mit den Wochentagsgebeten vertraut zu machen und ihn eine Gottesdienstordnung zu lehren, von der er schwerlich einmal Gebrauch machen wird. Es mag ja sehr traurig sein, es ist aber doch so, daß derjenige schon als sehr guter Jude gilt, der Freitag abends und an den Feiertagen in die Synagoge geht. Weshalb soll map nun Zeit und Mühe an etwas Unmögliches und Unerreichbares verschwenden, und dadurch das Mögliche vernachlässigen. Auf das Mögliche, Erreichbare und Notwendige müssen alle Kräfte konzentriert werden, dazu zwingen uns die gegebenen Verhältnisse und die geringen zu Gebote stehenden Mittel. Auf das Notwendigste sich beschränken und nur das Zweckmäßigste beigubehalten, mußten ganz andere Gewalten und Machtfaktoren unter dem Zwang der Verhältnisse sich verstehen. Wäre es denn bei dem aufreibenden Kampfe ums Dasein heutzutage möglich^ das ganze Volk, wie einst, unter den Waffen zu halten. Immer karger wird her militärischen Schulung die Zeit zugemessen, und doch kann man nicht behaupten, daß der Staat heute schlechter verteidigt wäre, als ehedem, da der Mann ein ganzes Menschenalter hindurch unter den Fahnen stand. Vollbepackt mit allem Rüstzeug religiöser Ueberlieferung kann oder mag der Jude von heute nicht mehr früh und abends im Dienste der Religion stehen. Es muß eben genügen, wenn er von Zeit gu Zeit zur UebünH