Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 756 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 46 Vom Aabrmarkt des Lebens. Die galizische Landtagswahlreform und die Juden. Die jüdischen Mitglieder des galizischen Landtages veranstalteten vorige Woche in Lemberg eine öffentliche Versammlung, um zur projektierten Landtagswahlreform Stellung zu nehmen. Den Vorsitz führte Vizepräsident Dr. Tobias Aschkenase. An der von mehreren hundert Zuhörern besuchten Versammlung haben sämtliche jüdische Abgeordnete, Gemeinderäte und andere Funktionäre teilgenommen. Der Referent Dr. Rittel befaßte sich eingehend mit der Wahlreformvorlage und sprach die Ansicht aus, daß die Juden energische Schritte unternehmen müßten, um bei dem geplanten Gesetze nicht leer auszugehen. Es sprachen die Abgeordneten Sare, Dr. Ignaz Landau, kaiserl. Rat Rauch- Stanislau u. a. m. Nach Beendigung der Diskussion wurden folgende Resolutionen angenommen: 1) Die am 7. November versammelten jüdischen Bürger, welche auf dem polnisch-nationalen Standpunkt stehen und die wahren demokratischen Grundlagen schützen wollen, fordern im Jntereffe der Polen, wie auch im Jntereffe der Verbürgerlichung der Juden im Lande, vom Landtage eine Wahlreform, die allen Bevölkcrungsschichten einen maßgebenden Einfluß auf die politischen und wirtschaftlichen Schicksale des Landes sichern. Sie betrachten als solche Wahlreform nur diejenige, die auf dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht begründet ist. 2) Die Versammlung fordert die faktische Gleichberechtigung der Juden und dementsprechend eine ausreichende Vertretung der jüdischen Bevölkerung im Landtage, die ihrer Zahl und Steuerkrast entspricht. Sie erblickt in einer solchen ausreichenden Vertretung das einzige Mittel, der jüdischen Bevölkerung gegen wirtschaftliche und politische Zurücksetzung genügenden Schutz zu gewähren. 3) Die Versammlung fordert die jüdischen Abgeordneten aus, im Sinne der obenerwähnten Grundsätze die künstliche Schaffung von Wahlbezirken zu verhindern, welche den Juden nicht zumindest 20 Wahlbezirke sichert. 4) Die Versammlung drückt wegen des vollständig verfehlten, alle menschlichen Grundsätze, die Gerechtigkeit und die wichtigsten ökonomischen Grundsätze verletzenden Systems bei Verteilung der Schänkerkonzession in Galizien ihr höchstes Bedauern aus und schreibt das Unglück, welches dadurch auf tausende jüdische Familien fällt, dem Mangel an eine jüdischpolitische Organisation im Lande und dem Mangel an entsprechenderen Einfluß auf die Administration des Landes zu. Die Versammlung erklärt entschieden, daß nach der jüngsten Erklärung im Landtage in dieser Angelegenheit die ganze Verantwortung für die falsche Lösung dieser Frage ausschließlich auf die Landesregierung falle. Die Versammlung beauftragte schließlich das Präsidium, den 4. Punkt der Resolution dem Statthalter zu übermitteln. Französische Hetze gegen den Hilfsverein der deutschen Juden. Das Scheitern der türkischen Anleihe in Frankreich hat die dortige nationalistische Tagespresse ganz aus dem Häuschen gebracht. Sie richtet ihre Angriffe nicht nur gegen Deutschland im allgemeinen, sondern auch gegen den Hilssverein der deutschen Juden im besonderen, indem sie ihn als politischen Verein denunziert, der die Absicht habe, in der Türkei germanisierende Politik zu treiben. Besonders stark tut sich in dieser Hetze der Pariser „Temps" hervor, dessen Angriffe auch in die türkischen Blätter übergegangen sind. Dieser Umstand veranlaßte die Leitung des Hilfsvereins, in den türkischen Blättern eine Erklärung zu veröffentlichen, die folgenden Wortlaut hat: „Eine Korrespondenz des „Temps", die auch in türkische Blätter übergegangen ist, zwingt uns zu einer Richtigstellung. Wir würden diese Notiz ebensowenig beachtet haben, wie alle übrigen, die gegen den Hilfsverein, gerichtet werden, wenn es nicht sowohl im allgemeinen, wie im Interesse des Hilfsvereines gelegen wäre, die von dem französischen Blatte ausgestellte Behauptung zurückzuweisen. Der Korrespondent des „Temps" spricht von einer deutschen Propaganda in Salonique und bezeichnet den Hilfsverein als den Hauptagenten dieser Propaganda. Er nennt ihn eine zionistische Gesellschaft, spricht von einer Konkurrenz mit der Alliance in Salonique und behauptet, daß die Alliance-Jsraelite-Universelle die Interessen und die Sprache Frankreichs vertritt und daß sie demzufolge eher unterstützt werden müsse, als der deutsche Hilssverein. Wir müssen demgegenüber erklären, daß der Hilfsverein der deutschen Juden in keiner Weise und nach keiner Richtung eine Politik betreibt, daß er bloß auf rein philanthropischer Grundlage an der Aufbesserung der intellektuellen und ökonomischen Lage seiner ottomanischen Glaubensbrüder arbeitet. Wir haben nichts anderes im Auge, als aus unseren Glaubensbrüdern im Orient kultivierte und arbeitssame ottomanische Bürger zu machen. Dies ist den Behörden, und zwar nicht von heute erst, vollkommen bekannt. Ebenso bekannt ist es, daß der Hilfsverein in keiner Weise eine zionistische Institution ist. Es ist übrigens absurd, von einer Konkurrenz zwischen dem Hilssverein und der Alliance zu sprechen, wenn man an die Tausende jüdischer Kinder denkt, die, trotz der Schulen der beiden Gesellschaften, noch immer jeden Unterrichtes entbehren müssen. Es wäre noch Platz für ein halbes Dutzend anderer Gesellschaften, die sich auf diesem Schulgebiete nützlich betätigen könnten, ohne daß sich daraus eine Konkurrenz ergeben würde. Die Behauptung, daß die Alliance, die den Zweck hat, die Juden der ganzen Welt zu unterstützen, bloß die französischen Interessen schütze, wird sicherlich vonseite der Alliancekreise besonders von der Alliance in Deutschland nicht ohne Zurückweisung bleiben. ...... Die Alliance Jsraelite Universelle hat, wie der Hilssverein, stets den Standpunkt eingenommen, daß sie gar keine nationale Propaganda zu betreiben habe, sondern im Gegenteile sich ausschließlich darauf beschränken müsse, zur kulturellen und wirtschaftlichen Förderung derjenigen beizutragen, für welche sie Schulen errichtet und erhält. Wir sind überzeugt, daß zahlreiche Mitglieder der Alliance Jsraelite Universelle, sowie die Direktion der Alliance selbst in der energischesten Weise gegen die Behauptung protestieren werden, daß die Alliance den Zweck habe, im Orient französischen Interessen zu vertreten und die französische Sprache zu propagieren. Die Behauptungen, auf welche wir anspielen, beweisen, wie wenig der „Temps"-Korrespondent in Salonique die jüdischen Angelegenheiten kennt. Seine Ausführungen, die übrigens von Jrrtümexn wimmeln, werden wohl schwerlich ihren Zweck erreichen, der leicht zu erraten ist und in nichts anderem besteht, als den Versuch zu machen, die großen jüdischen Gesellschaften gegeneinander zu hetzen und ihre Tätigkeit bei den ottomanischen Behörden zu verdächtigen. Hilssverein der deutschen Juden: Dr. P a u l N a t h a n. Statistik der Juden in Russisch-Polen. In der russischen Duma wird gegenwärtig der Gesetzentwurf über die städtische Selbstverwaltung in Polen verhandelt. Den Dumaberatungen ist eine große und scharfe Diskussion in der Presse vorangegangen, wobei es sich gezeigt hat, daß die Polen, selbst die sogenannten Progresfisten unter ihnen für eine Beschränkung der Teilnahme der Juden an der städtischen Verwaltung eintreten. Dieses Vorgehen der Polen den Juden gegenüber wird am besten durch die folgenden statistischen Daten beleuchtet: Laut Angaben des Warschauer städtischen Bureaus gab es im Jahre 1907 in ganz Russisch-Polen 1,655.546 Juden, dies entspricht rund 14 Perzent der gesamten Bevölkerung. Bon je 10.000 Juden wohnten