Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 De. Wochs Wochenschrift. Seite 765 an die Wähler gar nicht reden. Dem entsprach es denn auch, daß, als man sich an zionistische Studentenverbindungen mit der Bitte Wandte, Kr die Arbeit am Wahltage einige Vereinsgenossen zu delegieren, nach längerem Schweigen unmittelbar vor der Wahl schriftlich eine ablehnende Antwort kam. Die „Jüdische ^Zeitung" erläutert diese Tatsachen auf Seite 2 Nummer 45: „Die zionistische Partei aber hatte keinen Anlaß, sich für die Angreifer zu exponieren, welche ja nicht auf ein jüdisches,- sondern auf ein deutsches Programm kandidierten. Sollte sich wirklich so ein deutschfortschrittlicher Wahlwerber an einem zionistischen Studentenverein herangemacht (!) haben, dann war es nur eine gesunde Lehre, daß zionistische Korporationen ihre Weisungen ausschließlich von der eigenen Partei zu empfangen gewillt sind. Die „Angreifer" führten einen stampf gegen zwei Taufjuden und einen Antisemiten! Die zionistische Partei aber hatte „keinen Anlatz, sich für die Angreifer zu exponieren." So erklärt das offizielle Organ der Wiener zionistischen Partei. Die „Oesterreichische Wochenschrift" in Nummer 44 erwähnte diese im Ausland wenig bekannte Tatsache, „als historisches Dokument zur moralischen Bewertung der Leute, die sich in Wien als Zionisten aufspielen", wir vermieden absichtlich jede Charakterisierung der Moral von der Geschichte und haben blotz der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, datz die zionistische Parteileitung in Köln a. Rhein von solchen Vorgängen kaum entzückt sein dürste. Das war nun unsererseits ein schwerer Irrtum- Herr Präsident Wolfsohn sandte der „Jüdischen Zeitung" eine „entrüstete" „Verwahrung" gegen unsere Zumutung, datz er mit der „Oesterreichischen Wochenschrift" in der moralischen Einschätzung dieser Geschehnisse übereinstimme. II. Am 14. Mai 1907, bei der Reichsratswahl im Wahlbezirk Leopoldstadt I. erhielten die Kandidaten Dr. Ofner 2360 Stimmen, Dr. Gustav Kohn 1285, Dr. Schalit 529 und der Antisemitische Kandidat Zesewitz 3244 Stimmen. Eine engere Wahl war somit notwendig, bei welcher Dr. Ofner 5637, der Antisemit 3431 Stimmen erhielt. Heber die Vorgänge, die sich damals abspielten, hat die „Jüdische Zeitung" wörtlich folgende Mitteilung gebracht: . Als Dr. Ofner im Jahre 1907 gegen den Christlich- Sozialen in die Stichwahl kam, haben die Jüdischnationalen für ihn gearbeitet. Die Freiheitlichsozialen versprachen dagegen, bei den kommenden Kultuswahlen für die Jüdischnationalen einzutreten. Bei der Kultuswahl haben sie aber wütend gegen uns und für die offizielle Kultusclique agitiert. Als man ihnen diesen gemeineij Verrat vorhielt und sie an ihre schriftlichen (!) und mündlichen ehrenwörtlichen Verpflichtungen (!!) mahnte, erwiderten die Führer der Schwarz-Hiller-Partei wortwörtlich: „In der Politik gibt’s kein Ehrenwort 1“ Dunkle Ehrenmänner 1 Der Partei des Herrn Dr. Gustav Kahn;, welche 1285 . Stimmen aufbrachte, wurden solche Angebote nicht gemacht, weder „schriftlich" und „ehrenwörtlich" noch auch nur mündlich. Es war überflüssig und hätte es irgend jemand gewagt, Herrn Dr. Gustav Kohn oder einem seiner Freunde für eine Unterstützung im Wahlkampf gegen einen antisemitischen Kandidaten irgend welche politische Kompensationen anzubieten, so würde eine solche Jnsultierung die gebührende Antwort erhalten haben. Die Wiener Zionisten Hatzen Kr ihre Wahlhilfe gegen den antisemitischen Kandidaten das „schriftliche" und „ehrenwörtliche" Versprechen der „Gegenhilfe bei der Kultuswahl" anstandslos entgegengenomm^en. Diese Tatsache haben wir als „eine interessante Enthüllung" für den späteren Historiker notiert. In jüdischen Kreisen Wiens wurde wiederholt die Frage besprochen, woher es kam, datz die Zionisten Kr Dr. Ofner im Wahlkampf gegen den Christlich-Sozialen gearbeitet haben, während sie für Mar Frank und Genossen im Kampfe gegen Taufjuden und Antisemiten „keinen Anlatz sahen, sich zu exponieren"? Hat denn Dr. Ofner, der sich bekanntlich „sein deutsches Herz nicht aus der Brust reitzen lätzt", auf ein national-jüdisches Programm kandidiert? Nunmehr kam eine Aufklärung: wir haben sie im Wortlaut registriert und blotz die Bemerkung am Schluffe hinzugefügt: „In der Einschätzung der moralischen Qualität einer derartigen „nationalen“ Gesinnung und Politik werden Präsident David Wolfsohn und Professor Warburg zweifellos übereinstimmen mit der Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift“. Wir hätten ebenso gut andere Namen von Auswärts nennen können, wie zum Beispiel Doktor Paul Nathan oder Professor Dr. Martin Philipp so hn. Jeder unbefangene Mensch wird mit sich über die moralische Bewertung der durch das offizielle, zionistische Parteiorgan selber vor der Öffentlichkeit enthüllten und festgestellten Tatsachen im Klaren sein: wir zogen es vor, Namen von Männern anzuführen, welche innerhalb der zionistischen Partei eine Stellung innehaben. Herr David Wolfsohn hat es indetz Kr richtig befunden, der „Jüdischen Zeitung", seinem Wiener Parteiorgan, folgendes Telegramm zuzusenden. Köln, 8. November 1910. Ich verwahre mich ganz entschieden gegen die Verquickung meines Namens mit den Angriffen, welche die „Oesterreichische Wochenschrift“ in ihrer letzten Nummer gegen meine Wiener Gesinnungsgenossen gerichtet hat. Ich weise diese Angriffe mit größter Entrüstung zurück. David Wolfsohn. Herr Wolfsohn hat starke Worte zu Hilfe genommen und in dicken, recht fetten Lettern wird sein Telegramm als „eine vernichtende Abfertigung Blochs durch Präsidenten Wolfsohn" angekündigt und ausgerufen. Unserseits erachten wir jedes starke Wort dort für überflüssig;, wo die Tatsachen eine so beredte Sprache führen. Herr Wolfsohn war allerdings in „grötzter Entrüstung". Nicht entrüstet darüber, datz seine Gesinnungsgenossen in Wien für Wahlhilfe gegen Antisemiten „ehrenwörtlich" und „schriftlich" Kultusmandate sich „verbrechen" lassen. Nicht entrüstet darüber, datz seine Gg. in einer harten Wahlschlacht von Juden gegen Renegaten und .Verräter als Unbeteiligte bei Seite stehen und jede Unterstützung verweigern, als ginge der heitze Kampf um die Ehre des-jüdischen Namens sie nichts an. Herr Wolfsohn war entrüstet, weil wir irrtümlich vermutet haben, datz die zionistische Parteileitung in Köln am Rhein diese Art „nationaler Politik" nicht billige. Somit sind wir, ist Dr. Bloch „vernichtet". Es ist vielleicht abzuwarten, ob gegen die nunmehr parteimätzig zu nennende Praxis, welche elementaren Pflichten gegen das Judentum in dem Ausmatz Geltung zuerkennt, als mit ihrer Hilfe der verschmachtende Mandatshunger Befriedigung erhält, aus 'den Reihen der Partei keine Stimme sich erhebt: ob in der gesamten zionistischen Organisation nicht ein einziger Mann von seinem Gewissen gedrängt wird, für solche klug sein wollende Methoden die Verantwortlichkeit a^ulehnen — in Erinnerung des Dichterwortes: „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht. Der bleibt Krwahr ein erbärmlicher Wicht."