Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 754 Dr. Mochs Wochenschrift. .'Nr. 46 englische Intervention wohl leicht kommen, deren Forderungen bloß eine kleine Klausel hinzugefügt werden müßte, mit dem großen Zwecke, der Zivilisation Md Menschlichkeit wieder einen Dienst zu erweisen. Die englischen Diplomaten des Auswärtigen werden sich dieser Argumentation wohl zugänglich, zeigen. Darum ist für die Juden, welche zu Len hohen amtlichen Stellen in London Beziehungen haben, eine dringende Veranlassung gekommen, für ihre Brüder in Persien weitreichende und große Politik zu treiben. Die StrUung der Zionisten in Wahl- Kämpfen -egen dir Antisemiten und Tanffnde«. (Präsident David Wolfsohn gegen die „Oesterreichische Wochenschrift".) Im polemischen llebereifer Haben'die offenbar recht naiven Schreiber des offiziellen Zionistenorganes aus der jüngsten Zeitgeschichte der Kenntnis der Oeffentlichkeit einige Tatsachen vermittelt, die über das Verhalten der Zionistenpartei zu Lebensfragen des Judentums wichtige Aufklärungen bringen. Entsprechend der Pflicht eines jüdischen Chronisten haben wir die mitgeteilten.Vorgänge im vorgetragenen Wortlaut wiedergegeben, in der lleberzeugung, daß.eine spätere Generation die Tragweite der Geschehnisse unbefangen zu würdigen wissen wird. Neben einer Flut von persönlichen Beschimpfungen, die uns weder berühren, noch überraschen, kam als Antwort eine telegraphische Sanktionierung der veröffentlichten Tatsachen durch Herrn Präsidenten David Wolfsohn aus Köln. Solch autoritäre Zustimmung verleiht den Geschehnissen erhöhtes Gewicht und rechtfertigt es, daß die Vorgänge mit nüchterner Sachlichkeit nochmals registriert werden. I. Freitag,, am 29. April 1910 fand die Gemeinderatswahl aus dem ersten Wahlkörper des ersten Wahlbezirkes in Wien statt. In der City, dem Hauptsitz der jüdischen Finanzmänner, der Advokaten und Aerzte. Als Kandidaten waren unter anderen nominiert zwei jüdische Renegaten und ein verkappter Antisemit. Zehn Tage vor der Wahl trat zum Kampfe gegen die von dem Zentralkomitee der deutsch-fortschrittlichen Partei aufgestellten Kandidaten ein kleines Komitee zusammen, unter ihnen Bern. Hofbauer, S. Goldmann, Dr. Iosef Zipser, Dr. Bloch, ermuntert durch den Zuspruch des Oberrabbiners Dr. Güdemann, später auch außerordentlich gefördert durch die unermüdliche Energie des Präsidenten Doktor Alfred Stern, welchen alten gemeinsam der einzige Gedanke voranleuchtete, die Wahl von Renegaten zu Ehrenämtern zu verhindern. Diese Verhinderung war selbstverständlich bloß möglich durch Aufstellung von erfolgverheißenden Gegenkandidaten. Das „politische Programm" dieses Komitees, in einer für die Wähler verfaßten Druckschrift, lautete: „Der Austritt aus dem Judentum ist ein Akt der Treulosigkeit, das feige Hinwegschleiehen aus den Reihen der Streiter in Zeiten bitterer Not und schweren Kampfes ein ehrloser Verrat, verübt gegen die Brüder. Ein Charakter dieser Art, von Christen verachtet, von Juden verabscheut, ist ungeeignet vor allem zum Träger eines öffentlichen Mandates, ihn wählen, heißt den Verrat und die Treulosigkeit billigen, rechtfertigen, gutheißen, sanktionieren; deßwegen sei es feierlich vor aller Welt als Grundsatz proklamiert: „Dem Renegaten keine einzige jüdische Stimme“. „Unser Mahnruf. wendet sich an die jüdischen Wähler, einen vernunftverlassenen Parteigötzen zu zertrümmern, der eine Selbsterniedrigung ihnen zuzumuten wagt; unser Weckruf ergeht an den stolzen und freien Menschen im Juden, der eigenen persönlichen Würde sich nicht zu entäußern, vielmehr den starken Mut. zu gewinnen, das Verächtliche mit seinem häßlichen. Namen anzurufen.; aus dem Tempel hinauszupeitschen die Seelenschacherer, auf deren. Stirn das flammende Kainsmal des Bruder Verrates glüht und lodert.“ Anfänglich war es schwer, geeignete Bewerber für die Mandate aufzutreiben. Die Personen, an welche man sich wandte, eine Kandidatur anzunehmen, lehnten meistens abl, weil niemand, an. den Erfolg des Unternehmens der wenigen Leute gegenüber, den alten großen politischen Organisationen spezi.ell in diesem Wahlbezirk und im ersten WahllörperLlaubte. Schließlich haben sich denn doch drei geeignete Männer gefunden, .welche die Kandidatur übernommen und in den . Wahlkampf eintraten : Alfons Herold, ein Christ, der Fabrikant Iosef Stein, ein Deutsch-Freisinniger, und.der Kultusvorsteher Mar Frank, ein Schwager des zionistischen Abgeordneten Dr. Mahler. Gegenüber der großen Aufgabe, den Fahnenflüchtigen und Ueberläufern einen Denkzettel zu erteilen, traten alle politischen Fragen zurück. Der Christ Alfons Herold, der Deutsche-Fortschrittliche Iosef Stein standen neben Mar Frank, welcher jahrelang organisierter Zionist war und auch in seinen Kandidatenreden es stets vermied, sich als Angehöriger „des Deutschen .Volkes" zu präsentieren. Der Umstand, daß die beiden Renegaten, welche als Kandidaten nominiert waren, wegen ihrer intellektuellen Tüchtigkeit in den weitesten Kreisen der City großer Beliebheit sich erfreuen, gestaltete. diesen. Wahlkampf zu einem überaus heftigen, die Leidenschaften gerieten in fieberhafte Erregung, und vor aller Oeffentlichkeit manifestierte sich eine Solidarität der Renegaten der verschiedensten Kategorien, die vereint eine rastlose, geradezu verzweifelte .Agitation betrieben. Auch ein Damenkomitee, aus Taufjüdinnen zusammengesetzt, entfaltete einen Feuereifer in der Propaganda; man anerkannte hüben und drüben die historische Tragweite Lies Wahlkampfes. Auf jüdischer Seite wurden plötzlich alle politischen Unterschiede vergessea, in der Abwehr des Renegatentums gingen Hand in Hand Konservative, Fortschrittliche, Radikale, Orthodore, Reformer. Die Schlacht endete mit einer vernichtenden Niederlage der Renegaten, obgleich sie durch die vereinigten Organisationen des Vereines der Fortschrittsfreunde, der Deutschdemokraten und des Verbandes der Großindustriellen mächtig gestützt waren und sich überdies der Gunst und der Unterstützung der großen, liberalen Tagespresse zu erfreuen hatten. Das Verdikt der Wähler mit den imponierenden, Erdrückenden Majoritäten bedeutete nichts geringeres, als das endgiltige Ausscheiden der von dem Judentums Abgefallenen aus dem politischen Leben Wiens. Nicht so leicht wird es ein Renegat wieder versuchen, vor Mischen Wählern als Mandatsbewerber aufzutreten. Wie verhielt sich nun die zionistische Partei an diesem großen Schlacht- und Ruhmestage des Wiener Judentums? Mit Hilfe des Stimmzettels wurde ein moralisches Urteil über Renegatentum, über Abfall und ^Verrat herausgefordert, in zitternder Erregung befanden sich alle jüdischen Kreise Wiens an jenem denkwürdigen Tage! Welche Stellung nahm aber die zionistische Partei zu jenem Kampfe um die Ehre und um das Ansehen des Mischen Namens? Die zionistische Partei übte Abstinenz. Diese Haltung wurde dermaßen ostentativ an den Tag gelegt, daß das offizielle Parteiorgan, welches Freitag, den 29. April frühmorgens, also am Wahltage, ausgegeben wurde, nicht mit einem einzigen Wort des Wahlkampfes, der jüdischen Kandidaten, der stattfindeuden Wahl erwähnte. Von einem ermahnenden Wort