Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 740 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 45 „Es widerstrebt dem Artikel 14," sagte Herr Dr. Neumayer, „wenn Jemand zu einer religiösen Handlung — und eine solche ist der Eid — gegen seine Überzeugung, ja sogar gegen sein Gewissen gezwungen wird, wenn er unter den uoabweislichen Zwang gestellt wird, vor dem jüdischen Beamten, dem die sophistischen Lehrsätze des Talmud (!) höher stehen, als das unserem deutschen Volke eingeprägte Sittengesetz, vor dem Bilde des Erlösers Gott zum Zeugen der Wahrheit anrufen zu müssen." Damals hat die Wiener Judenschaft Proteste veranstaltet. Der israel. Kultusvorftand hat in einer öffentlichen Plenarversammlung vom 10. Oktober 1897 folgende feierliche Protestkundgebung beschlossen: „In der öffentlichen Sitzung des Wiener Gemeiuderates vom 1. l. M. wurden im Wege eines von einem Mitgliede des Präsidiums eingebrachten Antrages und der Begründung desselben gröbliche Verdächtigungen und Schmähungen gegen das Judentum, gegen dessen religiös-sittliche Grundlagen, sowie gegen die religiösen und sittlichen Anschauungen unserer Religionsgenoffen, gerichtet und wurde diese Kundgebung wörtlich und vollinhaltlich — ungeachtet erhobenen Widerspruches — von dem Herrn Bürgermeister zur öffentlichen Kenntnis gebracht, beziehungsweise deren Vorlesung verfügt. Nachdem diese Kundgebung durch das nunmehr erschienene, vorliegende „Amtsblatt der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien" in Nr. 90 offiziell festgeftellt ist, erachltt es der Kultusvorftand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien für seine Pflicht, dagegen öffentlich und feierlich Protest zu erheben. Der Kultusvorftand hat seit Jahren, ungeachtet des Andrängeus unserer Religionsgenossen, insolange es sich um uoch so empfindliche materielle Schädigungen handelte, wie beispielsweise die Nichtbeförderung von altgedienten, bestbewährteu Kommunal-Lehrern, nur deshalb, weil sie Juden sind, die Verweigerung von Schulgeldbefreiungen für arme, jüdische Kinder, die Uebergehung verdienter jüdischer Kommunal-Beamten, die Zurücksetzung jüdischer Gewerbsleute bei öffentlichen Arbeiten, die Verweigerung von Subventionen an jüdische Wohltätigkeit« anstalten rc. rc. — jede Protesterklärung unterlassen. — Wohl aber erachtet sich der Kultusvorstand für verpflichtet, die vorliegende Verunglimpfung der jüdischen Religion mit Entrüstung zurückzuweisen. Der israelitische Kultusvorstand sieht sich zu der Erklärung veranlaßt, daß das Judentum hoch erhaben ist über das Niveau der in der eingangs erwähnten Kundgebung enthaltenen Verdächtigungen und verzichtet im Hinblicke auf die im Judentume strenge vorgeschriebeue und unter den Juden zu allen Zeiten beachtete Heiligkeit des Eides selbstverständlich darauf, den gegen diese notorische Tatsache gerichteten Auwürfen die Ehre einer Widerlegung zu erweisen." Diese scharfe Resolution hat nicht gehindert, daß der Antragsteller, damals Vizebürgermeister, heute regierender Bürgermeister der Stadt Wien ist. Nun sind die Katholiken an der Reihe, gegen einen Bürgermeister Protest-Kundgebungen zu veranstalten! Herr Dr. Porzer erklärte in seiner Sonntagsrede: „Die Einnahme Roms durch die Italiener und .die damit zusammenhängende Vernichtung der weltlichen Macht der Päpste bleibt ein Schandfleck in der modernen Geschichte." Kaiser Friedrich erklärte den Antisemitismus für „die Schmach des Jahrhunderts" — das hat den Aufstieg der Wiener Beutepolitiker unter antisemitischer Flagge nicht behindert. Drei Jahrzehnte arbeitet der internationale Antisemitismus für die Entjudung der christlichen Menschheit, und heute, nahezu am Abschlüsse dieser Epoche, sehen wir in Rom an der Spitze der antipäpstlichen Radikalen Eruesto N a t h a n- und in Wien als Wortführer der päpstlichen Kampfscharen den Enkel „Ncb Jontefs", Herrn Dr. Porze-r. Ironie der Geschichte! Der Pfarrer Dr. Josef D e ck e r t, der in Wiener katholischen Kirchen die Erzväter und König David wegen ihrer Nassen-Schlechtigkeit beschimpfte, wird sich im Grabe umdrehen! _ IDom Jahrmarkt des Lebens. Senatspräsident Deesey. Anläßlich des Ablebens des Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofes in Ungarn Dr. Sigm. Decsey sei hier eine Episode erwähnt, welche in den beteiligten Kreisen der ungarischen Hauptstadt kolportiert wurde, als die Ernennung des Dr. Decsky^ zum Richter an der „Kurie" — so wird in Ungarn der Oberste Gerichtshof genannt — bekannt worden war. Darnach sei dieser Richter an der „Königl. Tafel" — Oberlandesgericht — zur Zeit der Minister schüft des aus dem Tisza-Eßlarer Prozeß höchstunvorteilhaft in Erinnerung stehenden Dr. Pauler wiederholt, so oft am Obersten Gerichtshöfe eine Vacanz vorhanden war, mit einstimmigem Plenarbeschluß der Senatspräsidenten am höchsten Tribunal primo loco in Vorschlag gebracht, von dem Justizminister Dr. Pauler, dem Protektor der Ritualmord-„Bluthunde", jedoch jedesmal gestrichen worden. Die Kurie sollte judenrein bleiben. Nach Pauler wurde der Senatspräsident Dr. F a b i n y i Justizminister. Durch dessen Eintritt ins Ministerium war nun wieder eine Vacanz geschaffen. Die Wahl fiel wieder, wie früher jedesmal, auf Dr. Decsey primo loco. Minister Fabinyi brachte den Ternavorschlag vor den Ministerratl Zögernd und verlegen erhob sich der wegen seiner-materiellen Verhältnisse von der Klerisei abhängige damalige Kultus- und Unterrichtsminister Treffort und machte das Geständnis, er habe dem Fürstprimas S i m o r das Wort gegeben, gegen die Ernennung eines Juden zum Richter an der Kurie zu stimmen.. Justizminister Fabinyi erwiderte: Du kannst Dein Wort ruhig halten und dagegen stimmen, wir Anderen stimmen dafür. Der Miuisterrat — Ministerpräsident war Koloman T i s z a — beschloß, den Ternavorschlag, mit dem Juden an der Spitze, Sr. Majestät zu unterbreiten. Da wurde ein Wort des Kaisers kolportiert, welches der Monarch dem Ministerpräsidenten Tisz a gegenüber gesprochen, haben soll, als dieser die Bemerkung nicht glaubte unterdrücken zu dürfen, daß der Erstvorgeschlagene ein I u d e sei. Charakteristisch für den Edelsinn unseres Kaisers sind die Worte, mit welchen er die allerhöchste Zustimmung zur Ernennung des jüdischen Richters begleitete: „Ich kann mir denken, was für ein tüchtiger Mann das sein muß!" So ward dem ersten jüdischen Richter der Weg zum Höchsten Gerichtshöfe erschlossen. Nach ihm wurden, wenn ich nicht irre, im Laufe der Jahre noch weitere zwei jüdische Richter bei der Kurie ernannt. Das machte kein Aufsehen mehr — in Ungarn. In Oesterreich muß mancher Jude vorerst zur Taufe gehen, wenn er irgendwo Bezirksrichter werden will! _ Ed. Singe x. Ein Auto-da-fö im XVIII. Jahrhundert in Rußlands Der unlängst in Petersburg erschienene 2. Band des Sammelbuches der jüdischen Geschichte in Rußland „Pereshitoje" (Vergangenes, Erlebtes) enthält einen interessanten eigenartigen Prözetz „lleber die Verbrennung des Flottenkapitäns a. D. Aleründer Wosnizyn, wegen Abfalls zum jüdischen Glauben und Bordch Leiboch wegen seiner „Bekehrung". Dieser Prozeß ist "bis jetzt fast unbekannt geblieben. Herr I. M'arkon-St. Petersburg veröffentlicht jetzt zum ersten Mal alle Dokumente dieses merkwürdigen Prozesses, nach den Originalen des -kaiserlichenSynodalarchives in St. Petersbürg, welche' die ganze -Entwicklung der